Wenn das Herz das Hirn betrügt (Teil 1 von 3)
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 23. Januar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt's allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.
- Jesus von Nazareth
Ich stehe vor Ihnen. Ich, der ich ebenso wenig über dieses Thema weiß wie Sie. Vielleicht sogar weniger. Je älter ich werde, desto weniger weiß ich. Oder eher, je mehr Fakten, Meinungen und Ideen ich sammle, desto weniger glaube ich an all diese. Und ehrlich gesagt, ich erkenne mit der Zeit immer häufiger, dass viele Dinge sich als falsch erweisen.
„Dad, ich bin mit meinen Hausaufgaben schon fertig“, sagt mein Sohn Edward, 13 Jahre alt.
„Liebling“, sagte meine Frau Elizabeth, „in fünf Minuten bin ich so weit.”
„Das Auto ist am Mittwoch fertig, Mr. Bonner, allerspätestens Donnerstag.“
Sie haben solche Dinge auch schon gehört.
„Das Gehirn ist nur der Betrogene des Herzens”, sagte der französische Schriftsteller und Philosoph La Rochefoucauld, der nicht weniger häufig zitiert wird, als andere französische Schriftsteller. Hierauf möchte ich aber später noch einmal zurückkommen. Erst einmal möchte ich Sie jedoch über die Umstände, unter denen er geschrieben hat, aufklären. Offenbar musste er genauso wie ich oft am Fuß der Treppe darauf warten, dass seine Frau herunterkommt und sie gemeinsam zum Abendessen gehen konnten. Seine Frau muss wie meine Frau Elizabeth gewesen sein. Und so stellte er einen kleinen Schreibtisch am Fuß der Treppe auf. In diesem bewahrte er immer einen Stift und einen Block. Es heißt, dass er dort, auf seine Frau wartend, einige seiner berühmtesten Textstellen verfasst hat.
„Der Geist ist nur der Betrogene des Herzens” – Elizabeth glaubt wirklich, dass sie in fünf Minuten fertig ist. Edward ist auch im Glauben, dass alle seine Hausaufgaben erledigt sind. Und genauso mögen George W. Bush und Tony Blair tatsächlich geglaubt haben, dass es Massenvernichtungswaffen im Irak gab. Der Verstand ist die Geisel unserer Wünsche. Unser Verstand bedient unser Verlangen … nicht anders herum. Also muss man vorsichtig mit dem sein, was andere zu einem sagen … auch wenn sie es ‚Fakten’ nennen. Und noch wichtiger: Man muss vorsichtig gegenüber dem sein, was man sich selbst einredet!
Aber lassen Sie mich zu den Fakten zurückkommen, die sich als falsch herausstellen. „Globale Abkühlung“ … wer erinnert sich nicht? In den Sechzigern und Siebzigern stand fest, dass die Erde sich abkühlen würde. Als es dann 1973 auch noch zur Ölkrise kam, sagten die Experten: „Wir werden alle in der Dunkelheit frieren.“ Sie müssen wohl gedacht haben, dass sie wissen wovon sie sprechen. Der Ölpreis sollte auf 100 Dollar pro Barrel steigen. Natürlich fiel er auch wieder auf 10$ pro Barrel und hielt sich dort auch über die folgenden 20 Jahre.
Und dann gab es 1999 noch das Millenium-Phänomen … die Welt, hießt es, würde komplett lahm gelegt werden. Gary North glaubte mit Sicherheit daran. Und dann in den späten 90ern war ein Dow Jones Index von 36.000 Zählern so gut wie erreicht. Die Aktienpreise mussten noch weiter steigen, so sagten sie uns, da es so viele ältere Menschen gab, die in Aktien investieren mussten. Doch mit der Wachstumsrate, die er seitdem vorgelegt hat, wird es wahrscheinlich noch 107 Jahre dauern, bis er dieses Ziel erreicht hat.
Aber das sind Fakten anderer Art. Es sind nicht die kleinen Lügen die wir einander und uns selbst erzählen. Diese sind eher großer Massenillusionen.
Ach ja, und erinnern Sie sich an den ‚großen Crash von 2004’? Das war meine eigene Fehleinschätzung. Zu der Zeit gestand ich mir sogar ein, dass es sich um Mutmaßungen handelte. Aber es klang so logisch. Es war mir doch klar, dass man vom Geld leihen und Ausgeben nicht reich werden konnte. Irgendwann musste das Leihen und Ausgeben ein Ende haben. Und wenn dieser Tag kommen würde, würden viele Leute, die sich bis dahin auf diese Art der Finanzierung verlassen hatten, in großen Schwierigkeiten stecken.
Doch dieser Tag kam weder 2004 … noch 2005 … noch 2006.
Wird es 2007 so weit sein? Ich weiß es nicht. Ich entwickle mich zum Zweifler. Ich entwickle mich zum Skeptiker. Ich bin zu bescheiden, als dass ich glauben würde, es zu wissen. Es steht dem Menschen nicht zu, über sein Schicksal Bescheid zu wissen. Zumindest steht es mir nicht zu.
Ich entdeckte meine Bescheidenheit während der langen Phase der fallenden Goldkurse zwischen 1980 und 1999. Nichts verfeinert das eigene Gefühl der Demut so sehr wie der über 20 Jahre konstant fallende Kurs des liebsten Rohstoffs. Jahr für Jahr fielen meine Goldaktien weiter. Ich verlor - und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Dollar zusätzlich noch die Hälfte seines Werts verlor. Insgesamt machte das einen Verlust von ungefähr 85-90% aus.
Aber wie ich schon sagte. Das Leben ist ein Geben und Nehmen … ein Yin und Yang. Während Gold fiel, stieg mein Maß an Bescheidenheit. Dollar für Dollar, Jahr für Jahr, wurde ich ärmer doch auch weiser. Es ist wie bei den Studiengebühren. Jedes Jahr zahlt man 20.000, 30.000, 40.000 Dollar, um die eigenen Kinder gebildeter zu machen. Und jedes Jahr wird man weiser, denn man realisierst, dass die eigenen Kinder auf wilden Partys waren und dass das eigene Geld zu großen Teilen in den Wind geschossen wurde.
Weisheit kostet. Man zahlt dafür … man leidet … man schwitzt und verrenkt sich, aber man wird weiser.
Ehrlich gesagt hätte ich lieber das Geld gehabt. Aber da ich irgendwann Weisheit im Überfluss hatte, musste ich das Beste draus machen. Jeder muss das Beste aus dem machen, was er hat. Ein gutaussehender Mann sucht nach Spiegeln. Ein Mann aus gutem Hause glaubt es ist Klasse, die zählt. Und ein reicher Mann misst den eigenen Wert eben in Dollar oder Euro. Aber jemand, der gerade einen über 20 Jahre fallenden Kurs hinter sich hat, weiß seine gelernte Bescheidenheit zu nutzen. Es ist alles was ihm geblieben ist. Ihm wird klar, dass der stolze Investor derjenige ist, der die größten Verluste verbuchen wird … und er kommt zu dem Schluss, dass der Bescheidene die Welt beherrschen wird. Er muss nur so lange warten bis diese arroganten Typen tot umfallen.
Und das ist der wahre Hintergrund, warum einen die düstere Stimmung, die man durch die Finanzpresse hört, Angst macht.
Ich habe nicht oft die Möglichkeit mit normalen Leuten zu sprechen. Ich bin dazu einfach zu trübsinnig.
“Sie sollten dich keine Vorträge mehr halten lassen, Dad”, sagt mein Sohn Henry, „Du bist zu deprimierend. Und denk gar nicht erst darüber nach, dich als Freiwilliger für eine dieser Selbstmord Präventions-Hotlines zu melden. Die Leute, die dort anrufen, sind danach noch deprimierter. Die würden sich danach umbringen … selbst wenn sie nur aus Versehen die falsche Nummer gewählt hatten. Da will sich jemand eine Pizza bestellen … und schießt sich am Ende das Gehirn raus.“
Der Grund dafür, dass Henry denkt, dass ich deprimierend bin, ist der Tauschhandel den ich zuvor erwähnte. Für jedes halbvolle Glas gibt es auch ein halbleeres Glas. Wenn man seine Hausaufgaben jetzt nicht macht, musst du sie später machen. Nichts ist umsonst. Diese Art von Geben und Nehmen schlägt tiefste Wurzeln in unser düsteres Dasein hier auf Erden. Bei der Geburt ist man noch voller Leben. Alles liegt vor einem – Jahre der Energie und Aufregung.
Aber das braucht man auf … man tauschst die Energie gegen Erfahrung, Weisheit und Geld. Stück für Stück, Tag für Tag, Jahr für Jahr, wird das eigene Leben aufgebraucht … bis du nur noch Erfahrung … Weisheit … Erinnerung da ist und kein Leben mehr übrig ist. Das ist der Zeitpunkt, an dem man sein Leben hinter sich hat … und nichts liegt mehr vor einem. Im Endeffekt sind wir, wie Sophokles sagt, nicht anderes als ein „dem Tode geweihter Stamm“.
Dies ist nur eine Art zu beschreiben wie die Welt funktioniert. Es geht nicht nur darum, die richtigen Knöpfe zu drücken und eins und eins zusammenzuzählen. Man kann alle Knöpfe drücken und alle Hebel in Bewegung setzen; aber man kann die Natur nicht außer Kraft setzen. Man bekommt noch immer nichts geschenkt … man muss Zeit und Geld investieren. Man hat keine andere Wahl.
Die einzige Ausnahme ist die Gnade Gottes. Gott kann tun was er will.
Aber was ich hier beschreibe ist eine Welt, die sowohl von Moral als auch von physikalischen Gleichungen beherrscht wird. Wasser kocht bei 100° Celsius … doch ebenso gilt: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Die Rendite eine Wertpapiers kann 4,74% betragen … und dennoch gibt es Zeiten, in denen es weder ratsam ist ein Kreditnehmer noch ein Kreditgeber zu sein. Natürlich kann man davonkommen, indem man seinen Geschäftspartner betrügt, aber ‚gutes Tun’ ist die bessere Geschäftsgepflogenheit. Und natürlich mag es wahr sein, dass die Aktien dieses Jahr steigen werden, aber generell sagt man: Kauf niedrig, verkaufe hoch und nicht kaufe hoch und hoffe auf steigende Kurse.