Weltverbesserer
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 29. August 2007 07:30 Uhr
ENL5462
Kann man die Welt wirklich verbessern, indem man ihr sagt, was sie zu tun hat? Oder muss die Welt ihrem eigenen Kurs zur eigenen Bestimmung im eigenen Zeitrahmen folgen?
Ich habe zwei Ansätze zur Weltverbesserung an einem einzigen Wochenende Anfang des Jahres 2005 Seite an Seite beobachten können. Der eine, auf einer großen Leinwand, kam in einer Nazi-Uniform, der andere trug, in der ländlichen Normandie, die einfache Robe eines Priesters.
“Ich habe mein gesamtes Leben geopfert, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen”, sagte Adolf Hitler, oder etwas in dieser Art.
“Aber mein Führer”, erklärte einer seiner Generäle, “Berlin ist so gut wie umzingelt. Wir haben keine Munition mehr. Wir müssen versuchen, zu verhandeln.“
“Sie auch? Ich bin von Inkompetenten und Verrätern umzingelt”, kam die Antwort. Wir dürfen niemals aufgeben. Ich würde mir eher eine Pistolenkugel in den Kopf jagen. Wir haben bislang getan, was wir konnten. Wir müssen bis zu Ende gehen, wenn es das ist, was auf uns zukommt.“
“Aber, mein Führer, denken Sie an das Leid der deutschen Bevölkerung.”
„Sie wollen, dass ich Mitleid zeige? Mein Werk war zu wichtig, als dass ich dem Mitleid oder anderen persönlichen Motiven hätte erlauben dürfen, sich einzumischen. Erwarten Sie also nicht, dass ich jetzt mitleidig werde. Und abgesehen davon verdient auch das deutsche Volk zu sterben – es hat mich im Stich gelassen. Es ist die große neue Welt, die ich ihm angeboten habe, nicht wert.“
Es war an einem Freitagabend und ich war losgezogen, um den neuen deutschen Film “Der Untergang” im Kino anzusehen. Dieser Film hatte alles, was "Alexander der Große" nicht hatte. Während man Alexander absurd und lächerlich erscheinen ließ, sah Adolf Hitler echt und mitleiderregend aus. In „Der Untergang“ sehen wir, wie das tausendjährige Reich 988 Jahre vor Zeitplan seinem Ende entgegen geht. Wir sehen die reifen, kampferprobten Generäle, die sich selbst nicht zu Ungehorsam durchringen können. Sie werden es mit der Hölle bezahlen, aber sie bleiben dennoch weiter Soldaten. Viele schießen sich lieber das Gehirn aus dem Kopf, als zu versuchen, einen Plan B zu entwickeln.
An dem Sonntag, nachdem ich „Der Untergang“ gesehen hatte, bin ich in eine kleine Kirche in der Normandie gegangen. Ich habe mich vorgestellt und der Priester hat sich für die geringe Teilnahme und die bescheidenen Umstände entschuldigt. Als ich mich umsah und die Handvoll grauhaariger Gläubiger erblickte, schien es so, als sei der Tod nicht nur unvermeidlich, sondern auch unmittelbar bevorstehend. Es gab dort kaum eine Person unter siebzig.
Später, während der Predigt, kommentierte der Priester die Wohltätigkeit Christi. „Wir Christen sind aufgefordert, das ‚Licht der Welt’ zu sein. Aber was bedeutet das? Bedeutet es, dass wir die Regierung verändern müssen?“
„Oder müssen wir die Art verändern, mit der die Menschen huldigen oder ihre Verhaltensweisen? Nein, es bedeutet, dass wir uns selbst verändern sollen.“
Ein Weltverbesser dieser Art denkt kaum darüber nach, die Welt verbessern zu wollen. Er ist bescheidender. Das Beste, was er tun kann, ist eine kleine persönliche Geste in seiner eigenen Welt zu machen.
“Wir sind aufgefordert, das Licht der Welt zu sein“, fuhr der Priester fort, „indem wir unsere eigenen kleine Welt heller machen. Indem wir die Kranken besuchen. Indem wir Fremde und Neuankömmlinge in unserer Gemeinschaft willkommen heißen. Indem wir uns um die Armen kümmern. Indem wir denen Beistand spenden, die an Krankheiten des Körpers oder des Geistes leiden. Wir erhellen die Welt ganz einfach, indem wir so anständige Menschen sind, wie Christus es uns vorgelebt hat: Mit anderen Worte: indem wir mitfühlen ... und indem wir unseren Nächsten genauso lieben wie uns selbst.“
Doch im Herbst 2007 hatten die Amerikaner angefangen, nicht mehr daran zu glauben, das Licht zu sein, sondern die Hitze einzupacken. Sie glaubten an etwas, von dem sie dachten, es sei verlässlicher als Traditionen oder Gott – sie glaubten an sich selbst. Die gesamte Nation schien zu einem einzigen, riesigen O.J. Simpson geworden zu sein.
Die Richter von Simpson, die nicht in der Lage sind, sich vorzustellen, dass die Jungs in der Heimat irgendetwas anderes zu tun, als Gutes. Bilder wurden im staatlichen Fernsehen gezeigt, die ganz deutlich zeigten, wie ein amerikanischer Soldat einen verwundeten Gefangenen abgeschossen hat. „Der tut nur so, als sei er tot“, sagte der Soldat. Dann, nach weiteren Gewehrschüssen: „Jetzt ist er tot.“ Eine Umfrage, die am nächsten Tag durchgeführt wurde, zeigte, dass die Massen in der Heimat vollkommen hinter ihren Truppen standen – drei von vier gaben an, dass sie finden, die Iraker hätten es verdient.
Die Amerikaner halten sich selbst für gute Menschen. Wie ihnen dieser besondere Status der Würde zugekommen ist, wissen sie nicht. Wie sie in diesem Zustand der Würde bleiben können, fragen sie nicht. Aber sie sind sich sicher, dass sie in den Himmel auffahren werden, selbst wenn sie über einen Stapel toter Iraker steigen müssen, um dorthin zu kommen. Die Amerikaner wissen, dass sie gut sind, denn ihre Feinde sind schlechte Menschen.
Können gute Menschen schlechte Taten tun? Können schlechte Menschen gute Taten tun? Die Frage kommt selten auf und wird noch seltener beantwortet, man könnte ebenso gut einen Papageien bitten, lateinische Verben zu deklinieren. Diejenigen, die solche Fragen überhaupt aufnehmen, schalten sehr schnell ihren Frontallappen wieder ab, um eine Überhitzung zu verhindern und greifen auf Materie im primitiveren Teil des Gehirns zurück, um darüber zu urteilen.
Allein über Instinkt und Intuition wird diese Angelegenheit gelöst. Das ist schließlich immer noch ein öffentliches Spektakel. Der Krieg im Irak ist ein Mannschaftssport, die Massen hinter dem Verein werden bis zum bitteren Ende stehen und winken. Hier ist kein Platz für Zweideutigkeiten, Subtilität oder Ironie. Für sich genommen, mag ein Mann von solchen Morden verfolgt werden. Er sieht vielleicht jedes Mal, wenn er in den Spiegel blickt, einen Mörder. Er spürt Schuld und möchte sich selbst bestrafen. Vielleicht fängt er an zu stottern, stellt sich barfuß in den Schnee oder läuft vor einen Bus.
Für sich allein mag er all diese Dinge tun, nicht jedoch in der Masse. In einer Masse fühlt er keine Schuld, keine Scham. Das Blut hunderttausender Unschuldiger mag von seinen Händen tropfen, wie von einem undichten Wasserhahn, aber die Massen Amerikas, die sich hinter den Krieg im Irak stellen, stellen keine Fragen und fühlen weder Schuld noch Scham. Sie sehen keinen Grund, sich zu entschuldigen und keine Gefahr der Vergeltung, weder durch die Menschen noch durch Gott. Das ist immer die Eigenart der öffentlichen Spektakel; die Massen fürchten nicht stärker um ihre Seelen, als sich ein Kiesel nach dem Strand sehnen kann.
„Fünfzig Millionen Menschen in Afghanistan und im Irak sind von er Tyrannei befreit worden, und unsere Heimat ist dadurch sicherer geworden“, sagte George W. Bush in der Ansprache am Ende des Jahres 2003. „Unsere Steuersenkungen bringen Geld zurück zu den Menschen, die es verdient haben. Sie haben mehr Menschen in unserer Wirtschaft zu Arbeit verholfen. Die Wirtschaft wächst wieder und fängt an, neue Stellen zu schaffen, aber wir werden nicht ruhen, bis nicht jeder, der einen Arbeitsplatz finden will, einen stabilen, produktiven Job gefunden hat.“
Und so waren die Amerikaner Anfang Anno Domini 2007 eine fette, glückliche und zufriedene Nation – im Aufstand gegen das Schicksal. Sie hatten angefangen, an Dinge zu glauben, die nicht in einem einzigen Fall auf ewig wahr sein konnten. Und tatsächlich hat ihre Selbstzufriedenheit ein so klinisches Ausmaß erreicht, dass es schon der klinischen Psychologie in die Augen gefallen ist.
Ein Assistant Professor der Psychiatrie in Yale, Bandy Xenobia Lee, ist Anfang 2004 vor dem World Economic Forum in Davos aufgetreten und hat laut die medizinische Standardbeschreibung von narzistischen Persönlichkeitsstörungen vorgelesen. Der Narzist, erklärte er:
“verfügt über ein außerordentliches Gefühl der Wichtigkeit (e.g. er übertreibt Leistungen und Talente, erwartet, dass er als überlegen anerkannt wird, ohne die entsprechenden Leistungen zu zeigen.)
Er ist eingenommen von Fantasien uneingeschränkten Erfolgs, uneingeschränkter Macht und Brillanz.
Er verlangt ein Übermaß an Bewunderung.
Er hat ein Gefühl des Anspruchs (d.h. ungerechtfertigte Erwartungen einer besonders bevorzugten Behandlung oder die automatische Erfüllung seiner Erwartungen.)
Er zeigt arrogantes, hochnäsiges Verhalten und Einstellungen.
Es sei an der Zeit, stellte Dr. Lee fest, diese diagnostischen Kriterien nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Staaten anzuwenden.
Dieses Argument ging beim Publikum in Davos nicht unter. In der Welt der Wirtschaft war es offensichtlich, dass der Größenwahn der Amerikaner drohte, sie zu ruinieren. Und in der Politik war es sogar noch schlimmer: Die Amerikaner haben ihre Seelen in einem mörderischen Krieg aufs Spiel gesetzt.
Im Jahr 2004, als Dr. Lee seine Äußerung vorbrachte, konnten es sich nur wenige Staaten leisten, in dem Stil zu leben, an den sich die Amerikaner gewöhnt hatten – nicht einmal die Amerikaner selbst konnten es sich leisten. Ihr Papiergeld – gedeckt von nichts mehr als den eifrigen Versprechungen des größten Schuldners der Welt – war dazu auserkoren, zu verkommen. Das passiert jedem Papiergeld früher oder später. Die Wirtschaft war dazu verdammt, langsamer zu werden – Schuldner können es sich nicht leisten, ihre Ausgaben ständig weiter zu erhöhen. Den Aktien war es vorherbestimmt, zu fallen, als Opfer eines Übermaßes an Begeisterung und einer Knappheit bei den Kapitalinvestitionen.
Ihre Anleihen lebten auch von geborgter Zeit – denn es war nicht mehr als eine Sache des Erstaunens, dass die Kreditgeber im Ausland auch weiterhin Anleihen mit Erträgen von 5% kauften, während die Währung, in der sie ausgestellt waren, in einem einzigen Jahr 20% ihres Wertes verloren hat.
Doch die Amerikaner hatten wenig Zweifel daran, dass sie die Wüstenstämme in Mesopotamien von der “Tyrannei” befreit hatten und dabei nicht selbst eine neue Tyrannei eingeführt hatten. Ihnen ist es gelungen, dem größten Zuwachs an Regierungsausgaben, Schulden und Bürokratie seit Franklin Roosevelt zuzujubeln, und das auch noch im Namen der Freiheit.
Immerhin leben wir in einem postmodernen Zeitalter, inklusive Internet, dem Onlinehandel, J-Lo und Howard Stern. Wir brauchen heute nicht mehr an Götter und Teufel zu glauben. Wir glauben an Psychologen und das chronische Müdigkeitssyndrom.
Erfolg hat die bescheidenen Menschen, deren größte Tugend darin bestand, dass sie sich einst nur um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert haben, in ein eitle Rasse verwandelt, die sich um die Angelegenheiten aller anderen, nur nicht um ihre eigenen kümmert. Sie können selbst nicht einen Cent sparen, doch jetzt bieten sie an, den gesamten Planeten zu retten. Es gab eine Zeit, in der sie die Engländer für deren Literatur beneideten ... und die Japaner für ihre industrielle Disziplin. Heute wenden sie den Blick in den Himmel und sehen nur ihr eigenes Spiegelbild in den Wolken. Sie verehren sich selbst mit doppelter Bewunderung und dreifachem Vertrauen. Das alte Europa sei ein Museum, klagen sie. So engstirnig, so feige, und so verklebt mit den Regulierungen zur sozialen Wohlfahrt.
Und Japan? Die einst als Wunder bezeichnete Wirtschaft steckt seit mehr als 16 Jahren in einer auf-und-ab-Rezession. Sie spotten, weil den Japanern der Mut fehlt, ihre Wirtschaft im amerikanischen Stile zu restrukturieren.
Diese Verachtung basiert natürlich nicht auf Logik oder Vernunft. Das tun nur wenige Grundhaltungen. Oder, wie sie an der Wall Street sagen: „Die Märkte machen Meinungen.“ Das soll heißen, dass wenn die Aktien eine Zeitlang gestiegen sind, die Anleger der Meinung sind, dass der Bullenmarkt auf ewig andauern wird. Wenn die Aktien fallen, dann verleiten ihre Gefühle sie dazu zu glauben, dass die Preise bis in alle Ewigkeit weiter fallen werden.
Aber von all diesen Einstellungen ist keine auf so irrationale Weise erworben und so tief verwurzelt, wie die gute Meinung, die Menschen von sich selbst haben. Und da bilden die amerikanischen Selbstvorstellungen keine Ausnahme. Da sie ihren Erfolg selbst erschaffen haben, müssen sie auch die Verantwortung dafür tragen, denken Sie.
Unberücksichtigt bleibt die schwere Arbeit ihrer Väter und Großväter, die vor ihnen kamen. Beiseite gelegt sind die Tugenden der Sparsamkeit, des ehrlichen Geldes, der eingeschränkten Regierungen und der kollektiven Bescheidenheit. Während sie die Seiten der Geschichtsbücher durchblättern, zollen die Amerikaner den Toten keine Aufmerksamkeit. Und die Zukunft ... die Ungeborenen? Es ist so, als habe das Buch keine Fortsetzung ... als wäre es das letzte Werk aller Zeiten ... das letzte Wort der Omega-Zivilisation.
Ich kann die Götter fast kichern hören.
Eines Tages werden die Historiker auf diese Zeit zurückblicken und sich darüber wundern, wie entschlossen George Bush und Tony Blair waren, die Iraker zur Demokratie zu führen. Auf unsere Nachfahren wird es wie eine wahnsinnige Vermessenheit wirken, eine Kuriosität, eine religiöse Geste, ein Akt beachtlichen Glaubens oder Wahns, wie bei den Missionaren, die den Heiden die richtigen Stellungen für den Geschlechtsverkehr zeigten.
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