Welcher Markt liegt richtig?
Klaus Buhl in Nebenwerte Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 18. August 2008, 17:00 Uhr
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Liebe Leserinnen und Leser,
Heute will ich noch einmal auf eine meiner Aussagen vom vergangenen Montag zurückkommen. Denn auch in den letzten Tagen hat sich die Sicht an den Börsen kein bisschen verbessert. Nach wie vor ist kein Trend zu erkennen und einige sonst verlässliche Wegweiser rotieren unter dem Nachrichtenbeschuss wie ein Fähnchen im Wind. Vielleicht sollte man demütig die Zeichen der Zeit erkennen, die Gelegenheit am Schopfe packen und sich gemütlich mit der Olympiade vor dem Fernseher ablenken. Für die ganz kurzfristig agierenden Trader wäre dies meiner Meinung nach derzeit die gewinnbringendste, weil Verluste durch Fehlsignale vermeidende Strategie.
Aber den mittel bis langfristig orientierten Anleger unter Ihnen will ich hier doch etwas mehr bieten als den Abdruck der Programmzeitung. Denn obwohl es natürlich nach wie genügend beunruhigende Nachrichten und jüngst sogar ganz neue kritische Themen gibt, verbessert sich unaufhaltsam das Chartbild des international führenden Nebenwerte-Index, des Russell 2000!
Einer der Märkte muss sich täuschen
Ein Dauerfeuer schlechter Nachrichten, denen nur wenige gute wie die ordentlichen Zahlen von Wal-Mart gegenüber standen, sorgte in der letzten Woche dafür, dass die Börsen die jüngste Erholung nicht fortsetzen konnten. Die Verunsicherung der Anleger nach den Kursturbulenzen des ersten Halbjahres ist einfach zu groß, als dass eine Kauflaune länger als drei Tage Bestand haben könnte. Die schwachen Konjunkturdaten würden die hartgesottenen Trader noch verkraften, denn immerhin können sich die Ergebnisse der Unternehmen meistens noch sehen lassen. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass in den niedrigen Aktienbewertungen die negativen Auswirkungen der Konjunkturabschwächung bereits enthalten sind. In so fern wäre eine lange und quälende Bodenbildungsphase derzeit auch nicht ungewöhnlich, ja sogar zu erwarten.
Was mich, gelinde gesagt, aber doch etwas verwundert, ist der heftige Absturz der Rohstoffe und der Edelmetallmärkte.Ich bin davon überzeugt, dass die einfach Gleichung starker Dollar = schwaches Gold zu kurz greift, bzw. nur vorübergehend funktioniert, da sie sich reflexartig in den Köpfen zu vieler Trader eingebrannt hat.
Einerseits werden natürlich die Aktienmärkte durch die fallenden Rohstoffpreise und Edelmetalle entlastet, da diese die geringere Inflationsgefahr spiegeln. Auf der anderen Seite aber wirft der kollabierende Ölpreis kein gutes Licht auf den weltweiten Konjunkturlauf. Denn wie Sie wissen, irren die Charts nur selten und beleuchten die konjunkturelle Lage sechs Monate im voraus. Sollten die Rohöltrader also Recht behalten, dann würde sich die Konjunktur vor allem in Asien und China weiter abkühlen müssen, was auch Ausdruck der geringeren Nachfrage aus den westlichen Ländern wäre.
Dieses Szenario ist schlecht in Einklang zu bringen mit den Anzeichen einer Bodenbildung an den Leitbörsen und auch nicht mit dem sehr guten Eindruck, den der breite Russell 2000 auf mich macht.
Edelmetalle implodieren
Noch viel dynamischer als der Ölpreis implodierten die Edelmetalle, vor allem Silber und Gold. Auch hier wäre ein einfacher und voreiliger Gedanke schnell gefasst, der etwa lauten könnte: Die Finanzkrise ebbt ab, die Indizes werden sich bald stark erholen und deshalb knickt jetzt schon der Goldpreis als Krisenindikator ein! Aber auch hier glaube ich nicht, dass Börse so einfach ist. Dies hängt auch mit meiner Auffassung vom Goldpreis ab, dass dieser nur in sehr geringem Ausmaß und relativ kurzfristig ein Krisengewinner" ist. Vielmehr profitiert der Goldpreis langfristig viel stärker von einer starken Konjunktur weltweit und vor allem in Asien, wo traditionell sehr viel Gold in der Schmuckindustrie verarbeitet wird und wo auch stärker in physisches Gold und Silber investiert wird.
Möglicherweise ist der Einbruch an den Edelmetallmärkten ganz einfach nur eine Marktbereinigung nach der starken Hausse, nachdem monatelang unerfahrenes Geld in diesen Bereich gelenkt wurde, was außerhalb des Aktienbereichs hier geparkt werden sollte.
Dieser Effekt wäre natürlich ein typisches Spekulationsmuster, das noch durch panikartige Verkäufe einiger schwach kapitalisierter Hedgefonds verstärkt wurde.
Obwohl ich kein Verschwörungstheoretiker bin, gibt es einige Punkte, die gegen dieses ganz normale Ende einer Überspekulation sprechen.
Vor allem ungewöhnlich ist die Tatsache, dass die Spotpreise viel weniger als die leicht manipulierbaren Futures-Märkte nachgeben, aber vor allem, dass seit Tagen sehr bedeutende Edelmetallhändler mangels Lagervorräten nicht mehr liefern können. Während es bei physischem Gold heute Lieferprobleme gibt, sinkt also der zukünftige Preis!
Pessimisten können eigentlich nur folgern, dass wir schnurstracks in eine weltweite Deflations-Spirale schlittern. Nach dem Einbruch bei Immobilien und Aktien wird es nun also auch die Edelmetalle erwischen. Möglicherweise haben einige smarte Investoren und auch Notenbanken diesen Trend erkannt, und springen nun noch eilig vom rollenden Zug, bevor aus diesem eine Abwärtsspirale wird.
Da Deflation eines der Horrorszenarien für Börsianer ist, siehe Japan, würde also eine Bodenbildung an den Börsen derzeit keinen Sinn machen.
Trotz dieser Unwägbarkeiten liegen aber Bodenbildungsformationen nach wie vor im Bereich des möglichen. Zaghafte Kurserholungen sind meiner Meinung nach aus charttechnischen Gründen sogar wahrscheinlicher als ein weiterer Absturz der Indizes.
Chart Russell 2000: Ein Jahr
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Kurzfristiger Aufwärtstrend intakt
Trotz der unsicheren konjunkturellen Entwicklung ist die mögliche Bodenbildung im Russell 2000 nicht zu leugnen. Nach dem Test des März-Tiefs bei 650 Punkten etablierte sich ein junger Aufwärtstrend, der genau jetzt an einen ernsthaften Widersand stößt. Denn genau am jetzigen Niveau bei 760 Indexpunkten bildete sich das zyklische Juni-Hoch. Charttechnisch ist dieses auch gut an einem dynamischen und sehr negativen Überdeckungsmuster zu erkennen. Erschwert wird der Ausbruch über das Juni-Hoch auch noch durch den weiteren Widerstand der Oberseite des Aufwärtstrendkanals. Da aber das Kaufsignal des MACD intakt ist, rechne ich zwar durchaus mit einer Konsolidierung bei den Nebenwerten. Ob diese aber das Ende der gesamten Kurserholung bedeutet, bezweifele ich. Vor allem ist es noch viel zu früh, darüber zu urteilen. Auf alle Fälle wird es auch zukünftig interessant bleiben zu beobachten, ob die Outperformance der kleinen Werte über die Großen anhält und was wir daraus schließen können.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche und viel Erfolg.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Klaus Buhl
