Welche Chartmarken sind jetzt wichtig?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 23. Oktober 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Gestern bekamen wir zu sehen, was man üblicherweise nach einem Tag mit für die Mehrzahl der Akteure überraschenden Verlusten meistens zu sehen bekommt: Den Versuch, das Ganze irgendwie zu drehen. Nicht in Asien, die ja bis gestern nicht auf die Verluste der US-Börsen vom Freitag reagieren konnten, aber in Europa ebenso wie an den US-Börsen selbst. Der Aussagewert dieses Montags:
Null. Wäre die Erholung gescheitert, es wäre eine Indikation für einen scharfen weiteren Abriss der Aktienmärkte im Wochenverlauf gewesen. Hätten die US-Indizes zumindest die Hälfte der Freitags-Abschläge gutgemacht und/oder wären die europäischen Börsen im Tagesverlauf über das Niveau der Eröffnung gelaufen, es wäre ein Hinweis darauf gewesen, dass die Bullen die Sache noch mal drehen können. So aber war dieser gestrige Tag eigentlich nur eines:
Warten auf Apple
Vorläufige Schadensbegrenzung und das Warten auf die Quartalszahlen von Apple. Denn zusammen mit American Express und Texas Instruments meldete das Schwergewicht des Nasdaq-Index erst nach Schluss des US-Parketthandels seine Quartalszahlen. Folgendes bekamen wir da zu sehen:
Apple: Gewinn/Aktie 1,01 Dollar/Aktie (Prognose 0,85 Dollar). Umsatz 6,22 Milliarden (Prognose 6,0 Milliarden). Die Prognosen für das 4. Quartal wurden angehoben. Der Kurs sauste nachbörslich erneut senkrecht auf knapp über 184 Dollar nach oben. Ich habe den nachbörslichen Verlauf im Chart mal mit eingezeichnet:
Die Aktie würde so den steilen Aufwärtstrendkanal innerhalb eines ohnehin steilen Aufwärtstrendkanals nach oben durchbrechen. Das ist aber die Reaktion im Vorfeld des „conference call“ des Unternehmens. Man muss abwarten, ob heute im US-Handel Gewinnmitnahmen einsetzen oder die Aktie wirklich noch mal eine „Schippe“ zulegt. Wenn ja, würde das den Gesamtmarkt sicherlich motivieren.
American Express: Gewinn/Aktie 0,90 Dollar, Prognose war 0,85 Dollar. Umsatz 6,94 Milliarden, Prognose hier 7,27 Milliarden. Nachbörslich um 23 Uhr lag die Aktie bei +1,0%.
Texas Instruments: Gewinn/Aktie 0,52 USD/Aktie (Prognose 0,50). Umsatz 3,66 Milliarden (Prognose 3,66 Milliarden). Kurs nachbörslich gegen 23 Uhr: -2,0%.
(Vorbörslich hatte bereits Halliburton über den Erwartungen liegende Zahlen geliefert, die Aktie hatte aber keinen Einfluss auf den Gesamtmarkt).
Achtung Asien!
Mit diesen Vorgaben im Rucksack geht es jetzt in den Handelstag. Wir müssen abwarten, wie die Akteure die Daten im normalen Handel bewerten. Bis dahin kann man viel spekulieren – Sinn würde es nicht machen. Daher will ich Ihnen mal die Phalanx der Charts vorstellen, die ich momentan als die wichtigsten ansehe.
In Asien könnte ziemlich viel Potenzial nach unten stecken, das die Akteure in USA und Europa erschrecken könnte. Die völlig ungebremste Rallye des HangSeng führte den Index binnen zwei Monaten über 50% nach oben. Eine solche Fahnenstange hat aber den Nachteil, dass sich so keine Unterstützungen herausbilden. Nachdem am Montag der extrem steile Aufwärtstrend gebrochen wurde, findet sich nun nur noch der 20 Tage-Durchschnitt bei 28.000 als Unterstützung vor der Auffanglinie bei 23.600. Ein Riesenpotenzial nach unten – achten Sie auf diese 20 Tage-Linie!
In Japan war von der China-Euphorie zuletzt nichts zu spüren. Der Nikkei 225-Index, wie eine unbewohnte Insel in der Boomzone Asien, lief nur verhalten von seinen Jahrestiefs wieder nach oben. Und ca. die Hälfte dieser Gegenbewegung wurde bereits wieder abgegeben. Der Nikkei zeigt immer noch eine konsolidierende Flagge im Abwärtstrend. Der Versuch, diese nach oben zu verlassen, war Anfang Oktober gescheitert, was alleine bereits nicht gerade gut ist. Dies würde trendbestätigend – also nach unten – wirken, wenn diese Flagge mit Schlusskursen unter 16.250 nach unten verlassen würde. Wirklich bullish wäre der Nikkei erst wieder mit einem Anstieg über das letzte Hoch bei 17.500.
Dax noch voll im Trend
Der Dax läuft nach wie vor innerhalb seines Aufwärtstrendkanals. Schlüsselzone ist die Kreuzunterstützung bei 7.720. Sollte diese Unterstützung fallen, sind die nächsten Kursziele 7.630 und 7.350. Kurzfristig bullish würde der Dax erst wieder mit dem Anstieg über den 20 Tage-Durchschnitt bei aktuell 7.920, was dann auch ausreichen würde, um das Verkaufssignal im MACD zu egalisieren.
Wichtig könnte heute das Verhalten der VW-Aktie werden. Diese war ja u.a. mit Blick auf die heute zu erwartende Aufhebung des so genannten „VW-Gesetzes“ gestiegen, das eine Übernahme bislang verhinderte. Da man weiß, dass Porsche dies hinbekommen will und wird, da man aber auch weiß, dass Porsche mitgeteilt hat, zu diesem Kursniveau nicht weiter kaufen zu wollen bin ich mal gespannt ob wirklich passiert, was sich manche erhoffen: Dass die seit Jahresanfang über 100% gestiegene Aktie, die jetzt schon ein KGV hat, das 50% höher liegt als der Schnitt anderer Autoaktien, noch weiter zulegt. Hm ...
Nebenschauplätze nicht übersehen
Zwei weitere Bereiche sehe ich im Moment als dringend der Beobachtung wert an. Zum einen die Rallye der Anleihen. Der Bund Future, welcher die Kurse deutscher 10jähriger Anleihen nachbildet, hat auf Höhe seines 20 Tage-Durchschnitts scharf nach oben gedreht. Daraus ist nun eine Dreiecksformation entstanden, auf deren obere Begrenzung – zugleich die obere Linie des mittelfristigen Abwärtstrendkanals aus dem Jahr 2005 – er nun zusteuert. Diese Rallye reflektiert die Erwartung von Zinssenkungen weltweit – und damit die Angst, dass die Weltwirtschaft doch weit stärker unter Druck steht als viele erhofft hatten. Zugleich befeuert durch den starken Euro könnte diese Flucht in Anleihen sich immens beschleunigen und Kapital vom Aktienmarkt abziehen, sobald dieser 2005er-Abwärtstrendkanal mit Schlusskursen über 115 gebrochen würde!
Ebenfalls interessant ist die US-Dollar/Yen-Relation. Die Carry-Trade-Problematik ist ja wie die meisten negativen Rahmenbedingungen der letzten Monate völlig aus der Diskussion verschwunden. Achten Sie auf diese Kursrelation: Die konsolidierende Flagge im Abwärtstrend wurde nach unten verlassen. Sollte Dollar/Yen die Panik-Tiefs vom August bei knapp 112 unterschreiten – und allzu viel fehlt da ja nicht mehr – wird der Begriff Carry-Trade schnell wieder in den Medien auftauchen und für Unruhe sorgen. Sollte Dollar/Yen aber mit Kursen klar über 115 ein schneller Rebreak in die Flagge gelingen, dürfte das Thema kurzfristig erst mal aus den Schlagzeilen bleiben.
US-Börsen ohne überzeugende Gegenwehr
Die chart- und markttechnischen Verkaufssignale im S&P 500 wurden gestern weder eindrucksvoll bestätigt noch kam echte Gegenwehr auf. Die Unterstützungszone um 1.485 wurde nicht erreicht, die Linie 1.500/1.505 immerhin verteidigt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Kursreaktion der Apple-Aktie auf die Quartalsbilanz hier heute entscheidend Einfluss nimmt.
Dies vor allem natürlich im Nasdaq 100, in dem Apple die Aktie mit dem fünfthöchsten Gewicht ist. Der Nasdaq konnte zwar seinen 20 Tage-Durchschnitt halten, dies war aber letztlich weniger eine Kunst als wäre er am Freitag nicht gehalten, sondern unterboten worden. Das Halten dieser Linie und die Hoffnung, dass Apple diese Versuche heute unterfüttern und bestätigen wird, zog die Kurse an den vorher gebrochenen Aufwärtstrendkanal heran. Sollte der Nasdaq 100 diesen Kanal zurückerobern, würde es sofort um die obere Begrenzung des langfristigen Trendkanals bei aktuell 2.215 gehen. Sollte der nach oben durchbrochen werden, wäre dies ein starkes kurzfristiges Kaufsignal. Andererseits: Ein Break des 20 Tage-GD böte sofort Spielraum bis hinunter auf 2.060. Kurzfristig entscheidend sind 2.130 nach unten und 2.175 nach oben.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis Montag!
Ronald Gehrt
The Daily Observer







