Weiter keine Entwarnung ...

in Investors Daily
vom


von Martin Weiss

Mit Verlusten von knapp sechs Prozent beendete der deutsche Standardwerteindex Dax die vergangene Handelswoche. Vor allem die großen Finanz- und Autowerte wurden überdurchschnittlich stark abgegeben. Dies ist auch nicht wirklich verwunderlich, zumal speziell der enorme Anstieg des Euro – bisweilen sogar knapp über die Notierung bei der Einführung – die stark exportabhängigen deutschen Autobauer massiv belastet. Wie auch immer, der Leitindex scheiterte erneut, die 200-Tage-Linie zu überwinden und legte erneut den Rückwärtsgang ein. Angesichts der katastrophalen fundamentalen Rahmenbedingungen und Aussichten für Deutschland war und ist es ohnehin nur eine Frage der Zeit, ehe der deutsche Aktienmarkt wieder voll auf Talfahrt geht.


Nunmehr gehen selbst Experten – so geschehen auf dem Frankfurter Fondsforum – davon aus, dass Deutschland erst nach einer radikalen Rosskur wieder Chancen hat. Radikale Rosskur, will heißen, entweder eine ausgewachsene Deflation oder eine hohe Inflation. Wie dem auch sei, Sie kennen meine Ansicht. Wir werden – wenn wir nicht schon mitten drin sind – eine deflationäre Periode erleben. Die Spirale wird weiter abwärts gerichtet sein, sogenannte Reformen werden diese Schussfahrt nach unten beschleunigen. Die Arbeitslosigkeit wird weiter hochschnellen, Konsum und Nachfrage trotz gesunkener Importpreise aufgrund der Dollar-Abwertung weiter schwach bleiben. Schon vor Monaten hab ich darauf hingewiesen, dass in der Bundesrepublik bald die fünf-Millionen-Marke bei der Arbeitslosigkeit überschritten sein wird.

Dies mag vielleicht noch einen Hauch zu optimistisch gewesen sein, denn auf dem besagten Fonds-Forum wurde angesichts einer ausgewachsenen Deflation von einer Verdopplung der Arbeitslosenzahlen in Deutschland ausgegangen. Auf daraus folgende wahrscheinliche soziale und politische Verwerfungen – mögliche Ähnlichkeiten mit der Weimarer Republik – sei an dieser Stelle bewusst nicht näher eingegangen. Aber in diesem Kontext braucht man wahrlich kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass der Tanker Bundesrepublik sich dann in ärgster Seenot befinden wird.

Denn, es kommt noch hinzu, dass auch der Supertanker jenseits des Atlantiks ausfällt, um das einstige Nobelschiff Deutschland wieder flott zu machen. Die aktuellen wöchentlichen Arbeitsmarktdaten waren so schwach, dass selbst die zwanghaft optimistischen Wall-Street-Analysten absolut schockiert waren. 14 Wochen in Folge liegt die Zahl der Erstanträge nunmehr bei über 400 000! Selbst wohl gesonnene Prognosen gehen davon aus, dass bestenfalls per saldo keine neuen Stellen in 2003 in den USA geschaffen werden. Auch in den Staaten also keinsterlei Anlass zur Entwarnung.

Im Gegenteil, die Einzelhandelsumsätze für den Monat April waren rückläufig, Unternehmen restrukturieren, kürzen und sparen eher als Neuinvestitionen vorgenommen werden und auch der Immobilienmarkt scheint nun endgültig als Zugpferd auszufallen. Aber auch dies ist kein Wunder, denn angesichts der massiven Probleme am Arbeitsmarkt wird es eben für Häuslebauer immer schwieriger, den Traum von den eigenen vier Wänden zu finanzieren.

Selbst der Fed-Chef Alan Greenspan räumt ein, dass die jüngsten Zahlen bzgl. Arbeitsmarkt und Industrieproduktion alles andere als berauschend waren, gelinde gesagt. Liest man ein wenig zwischen den Zeilen seiner Kommentare, so muß man zweifelsohne feststellen, dass selbst der allmächtige Notenbank-Chef hinsichtlich der künftigen Entwicklung keinesfalls euphorisch gestimmt ist. Anders formuliert, auch er weiß nicht, wann und in welchem Ausmaß ein wirklich nachhaltiger Besserung bevorsteht.

Ja, auch die Lokomotive USA wird noch längere Zeit als treibende Kraft der Weltwirtschaft ausfallen. Und, solange diese nicht wieder in Fahrt kommt, kann kein grünes Licht für die breiten Aktienmärkte gegeben werden.

von
Dr. Martin Weiss
Dr. Martin Weiss

An der Wall Street ist Dr. Martin Weiss eine Institution. Ein unbequemer Analyst, der kritische Fragen stellt, Missstände aufdeckt und Skandale beim Namen nennt.


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