Weit und breit nur ungelegte Eier!
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 07. März 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Wenn ich heute noch einmal irgendwo höre oder lese „war’s das schon?“ haue ich was kaputt! Warum zum Teufel muss alles und jeder Fragen aufwerfen und diskutieren, die so was von müßig sind? Es ist absolut, komplett, völlig und total offen, wie sich die Aktienmärkte in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln werden. Also kann es auf diese Frage auch noch keine Antwort geben!
Warum, ist eigentlich klar, ich schrieb in den letzten Tagen mehrfach darüber. Aber ich habe den Eindruck, dass dies vielen einfach nicht in den Schädel zu bekommen ist: Die Börse ist kein „Etwas“, das sich vorausberechnen lässt. Die Börse sind wir, die Anleger auf dieser Welt. Und ich habe eben noch mal nachgezählt: „Wir“ sind viele. Herausbekommen zu wollen, wie sich die Relation in diesem aktuell besonders aufgeregten Ameisenhaufen zwischen Käufern und Verkäufern verlagern wird, beeinflusst von Ereignissen und Daten, die wir noch nicht kennen können, ist müßig.
Das, was es jetzt zu tun gilt, ist nichts zu tun. Denn bislang steckt diese neue Situation noch in den Kinderschuhen. Was zur dummen Frage der Woche oben zurückführt. Ich erlaube mir zurück zu fragen: War es WAS schon? Was haben wir denn bis jetzt? Eine Woche fallender Kurse. Das Kind hat natürlich sofort diverse Namen bekommen, z.B. „Crash“ oder „Abwärtstrend“. Es ist weder noch. Bis jetzt haben wir nicht mehr als eben eine Woche fallender Kurse. Diese haben dazu geführt, dass der Juli-Aufwärtstrend nun an allen Börsen hinüber ist. Aber nur weil diese Bewegung etwas kaputt gehauen hat, ist daraus noch nicht automatisch etwas neues entstanden.
Gackern über ungelegte Eier
Trotzdem gackert alles aufgeregt durcheinander. Besonders gestern, nachdem es einen Tag nach oben ging. Aber man sagt, so etwas sei schon mal vorgekommen. Daraus lässt sich nur eines ableiten: Nichts!
Das kann der Start einer mehrtägigen Gegenbewegung sein. Aber bis wohin? Es kann aber auch nur einfach ein Tag nach oben innerhalb des ersten Abwärtsimpulses sein. Man gackert über ungelegte Eier, wenn man sich nun in den Medien zankt, ob wir nun nur einen einzigen Korrekturschub gesehen haben und jetzt neue Höchstkurse dran sind, es zu einer Bodenbildung kommt, es sich um einen von mehreren Abwärtsimpulsen handelt oder wir gar eine Trendwende gesehen haben. Ihr Vorteil dabei:
Es gibt so viele Meinungen, dass man irgendwie gar nicht imstande ist, eine davon zu glauben. Gut so. Glauben Sie nichts, warten sie, was passiert. Gestern ging es nach oben. Es ist aber immer noch nicht besonders wahrscheinlich, dass jemand, der gestern einstieg, besonders günstig eingestiegen ist. Möglich natürlich allemal, wahrscheinlich aber nicht.
Keine entscheidende Bewegung im Yen
Die Schlagzeilen tun ein Übriges, um jetzt zu falschem Aktionismus zu verleiten. „Yen sharply lower in early trading“ lautete eine Schlagzeile in den USA am Nachmittag. Na ja. Sehen Sie sich mal den Chart an. Die Kurse reichen bis gestern 18:00 Uhr, wobei die Abwärtsbewegung des Yen nur in der Nacht vorher stattfand, dann ging es den Tag über seitwärts. Diesmal übrigens richtig herum, also Yen zum Dollar. Sie sehen, dass diese „scharfe“ Abwärtsbewegung nichts anderes als eine normale Gegenbewegung ist. Aber Anzeichen einer Trendwende? Nach einem Tag in die Gegenrichtung? Firlefanz! Sie sehen übrigens auch: Richtig weh tut die bisherige Rallye des Yen eigentlich nur denen, die sich in den letzten zwei Monaten in Yen versus Dollar verschuldet hatten. Denn wir stehen schlicht nur auf dem Niveau vom letzten Herbst.
Eigentlich – bis jetzt jedenfalls – also ein Sturm im Wasserglas. Aber die Märkte reagierten darauf. Weil jetzt die angebliche Auflösung von Carry-Trades die Ursache der Abwärtsbewegung an den Aktienmärkten sein soll. So konnte es mich auch nicht verwundern, dass niemand ernstlich auf die üblen US-Konjunkturdaten reagierte. Man hatte, so ein Börsenmoderator, andere Sorgen. Ha. Mal sehen, wie lange das keinen interessiert.
Die negativen Aspekte sind vielfältig ... und ungelöst
Wir sollten uns einfach vergewärtigen, dass die Vereinfachungen in den Medien gut klingen, aber oft am Ziel vorbei gehen. Es war das Gesamtbild, das die Investoren zum Ausstieg trieb, als sie eben dieses Bild erst einmal wahr genommen hatten. Nur dass man auf einmal hinter den bullishen Scheuklappen hervorlugte, war der Abwärtsbewegung in Fernost bei den Aktien und der Yen-Rallye zu verdanken. Aber eben nur als Auslöser, nicht als alleiniger Grund.
Und so taugt auch das gestrige Argument des (bis jetzt zumindest) nur für einen Tag fallenden Yen nicht als tragfähiges Fundament für eine Wende am Aktienmarkt. Wenn der Februar in den USA – und das werden wir bald wissen – hinsichtlich der Konjunkturentwicklung so übel aussah wie der Januar, haben wir ein Problem. Und wenn der Kosten- und Preisdruck so erhalten bleibt wie jetzt, haben wir und die US-Notenbank ein weiteres Problem. Und ich sehe im Moment noch keine Tendenz, aus diesem Schlamassel herauszukommen.
Daher: Lassen Sie sich nicht zu früh wieder in den Markt locken, während andere, deren Zahl und Kapitalstärke nicht zu ermessen ist, noch darüber nachdenken, in eine Gegenbewegung endlich aussteigen zu können. Ich schlage vor, das Abholen blutiger Nasen in diesem Gap-Hopping von einer Eröffnung zur nächsten denen zu überlassen, die es sich finanziell leisten möchten.
Ein Index ... mit zwei Gesichtern
Und, das ist meiner Ansicht nach wichtig, lassen Sie sich bitte von denen nicht zu sehr beeindrucken, die Ihnen die vergangenen Tage als erfolgreiche Verteidigung der November-Tops und Intraday-Trendwende am Montag verkaufen. Bitte denken Sie daran, dass dieser „Parkett-Dax“ nur die Zeit zwischen 09:00 Uhr und 17:30 Uhr wiederspiegelt:
Das ganze Bild erhalten Sie, wenn Sie sich den Kursverlauf des Dax Future ansehen, der von 08:00 Uhr bis 22:00 Uhr gehandelt wird. Und hier sind die schnellen Trades, die großen Summen, hier werden Trends gemacht und beendet. Und die Trader schauen vor allem auf das Gesamtbild, das eben der Dax Future klarer darstellt. Und Sie sehen:
Dieses hektische Jojo der Kurse, die am Montag früh mit einer Kurslücke nach unten aufmachten, um am Dienstag mit einer ebenso großen Lücke nach oben zu eröffnen, führt zu einem verfälschten Bild, wenn man dann auch noch die erste und die letzten viereinhalb Stunden einfach auslässt. Und der Dax Future sieht nun keineswegs so bullish aus, dass man jetzt schon mit Hurra die Wende feiern sollte. Denn dieser eröffnete viel tiefer, wies am Montag kein Intrady-Reversal auf ... sondern schloss kläglich fast auf Tagestief.
Fakt ist: Wir haben bislang fünf schwache Tage und einen einzigen, der nach oben wies. Das ist nichts. Wir können daraus eine Trendwendeformation, z.B. ein Doppeltop, erhalten, wen der Dax noch mal an die bisherigen Hochs läuft und dann erneut abdreht. Steigt er dort weiter, hätten wir wirklich nur eine ungewöhnliche, „einbeinige“ Korrektur gesehen. Oder aber die Gegenbewegung versickert im Bereich 6.850 nach einem Pullback an den zuvor gebrochenen Aufwärtstrend und es folgt der zweite Abwärtsschub. Oder wir sacken im Laufe der Woche einfach so weiter nach unten weg. Und danach kommt eine volatile Bodenbildung wie im letzten Jahr. Eventuell aber auch ein unmotivierter Seitwärtstrend? Oder es kommt gar keine Bodenbildung und wir schwenken in einen mittelfristigen Abwärtstrend ein. Oder, oder, oder ...
Bislang kann man keinem Szenario eine höhere Wahrscheinlichkeit einräumen. Es wäre daher verwegen, jetzt schon auf eine dieser vielen Karten zu setzen. Bei einem Hütchenspieler hätten Sie bessere Chancen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer


