Wehe, wenn der Vorhang fällt
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 16. Februar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Also, ich vermute mal, dass Sie mir nicht so ganz widersprechen wenn ich postuliere, dass die Informationen, die den Investoren „gereicht“ werden, mitunter ein wenig „ungenau“, ja unter Umständen sogar ein wenig durch eigene Interessen verfälscht sein könnten. Um es mal vornehm auszudrücken. Es ist absolut entscheidend, sich dies klar zu machen und immer im Hinterkopf zu behalten!
Wehe, wenn der Vorhang fällt!
Die Daten können großenteils nicht stimmen, Halbwahrheiten werden zu Fakten und der letzte Mist wird Ihnen mit einem strahlenden Lächeln als „toll“ verkauft. Ich weiß das. Sie wissen das. Aber die Mehrheit weiß es nicht. Wenn Sie sich nicht regelmäßig mit der Materie befassen, können Sie kein klares Gesamtbild haben.
So betrachtet kann es wenig verwundern, dass so viele Anleger optimistisch in ein goldenes Jahr 2007 segeln und dabei ihre Vorsicht immer weiter fahren lassen. Die Tages-Umsatzspitzenreiter bei Optionsscheinen und Zertifikaten sind momentan immer Calls. Und die Basispreise werden immer gewagter.
Aber so lange nicht die mehrfach erwähnte „Überraschung“ kommt, solange nicht ein paar größere Verkäufer zu ungünstigem Zeitpunkt zusammenkommen, kippt der Trend noch nicht. Wichtig ist aber, die Lage einzuschätzen um zu ermessen, was dann passiert. Wann gingen denn den Anlegern die Augen auf, worauf sie im Zeitalter der „Neuen Technologien“, der ewigen Hausse, reingefallen waren? Etwa im März 2000? Aber nein! Da hofften sie doch noch, nach schneller Korrektur den Dax ruckzuck über 10.000 zu sehen. Etwa 2001? Aber nicht doch. Da wurde gebetet, dass die Kurse endlich wieder steigen. Nein, es war ganz am Ende der Baisse, dem totalen Selloff. Da gaben sie auf, erst da wurde den meisten Investoren klar, dass alles nicht wahr war, was man ihnen vorgekaukelt hatte. Oder Dummheit, Selbstüberschätzung der Experten. Es mag alles dabei gewesen sein. Aber die Rattenfänger, die damals die „Neue Zeit“ propagierten, geben meist auch heute noch ihre Kursziele aus. Vergessen wir das bitte niemals!
Übertreibungen sieht man nicht immer im Chart!
Je schlimmer die Divergenz ist zwischen der Wahrheit und dem, was dem Anleger erzählt wird, desto gefährlicher wird es für die Kurse. Das ist das einzige, bei dem ich es wage, sicher sein zu können. Eine Übertreibungsphase, deren Beginn manche Kollegen erst vermuten, sehe ich mit Blick auf diese Dinge längstens. Ich kann nur anhand der Charttechnik Vermutungen anstellen, wie viel Luft der Dax noch haben könnte und wir wissen ja, dass es umgekehrt nicht abschätzbar ist, wann eine Korrektur beginnt. Aber:
Je länger sie dauert, diese Divergenz zwischen Schein und Sein, desto größer werden die Risiken nach unten. Die Konjunkturlokomotive in den USA, von diversen Stellen als tadellos unterwegs angesehen, könnte bereits stillstehen. Und die tollen Unternehmensgewinne sind in Wahrheit alles andere als toll. Das ist keine Basis für einen Kursanstieg, wie wir ihn am Aktienmarkt sehen.
Und wenn jemand argumentiert, dafür seien Zinssenkungen ein Grund, dass es weiter nach oben geht ... möchte ich dazu nicht einmal den Kopf schütteln. Die Kurse laufen in Zinssenkungsphasen nie gut, weil die Anleger schnell kapieren, dass es ja schließlich Gründe dafür gibt (die letzte Phase war 2000-2004). Wenn die Lokomotive steht, sind Zinssenkungen der Versuch, sie zu reparieren. Erstens dauert das, zweitens ist der Erfolg nicht abzusehen. Fragen Sie mal die Japaner. Und wer glaubt, dass die Hausse weitergeht wenn die Investoren merken, dass die Kurse lockere 10-20% weiter gelaufen sind als die Realität zulässt und es eventuell Jahre dauern kann, bis dieses Kurslevel der Wirklichkeit wieder entspricht? Es gibt Leute, die Ihnen erzählen, das mache nichts. Ich für meinen Teil entsinne mich aber keines Falles, in dem dieses toll klingende Szenario irgendwann mal so passierte.
Bullenglück auf Abruf
So gesehen, betrachten Sie den Dax bitte unbedingt als Bullenglück auf Abruf. Mit der logik-unabhängigen Freudenwelle (nach dem Motto „ob gut oder schlecht – alles ist bullish“) in dieser Woche schob sich der Dax tatsächlich über die rot eingezeichnete „Fanglinie“, die bisher einen Anlauf an die obere Begrenzung des Juli-Aufwärtstrends verhindert hatte. Damit ist erst einmal grundsätzlich Platz bis 7.050 – dort liegt aktuell die obere Begrenzung des Trendkanals.
Da auch der Trendfolge-Indikator MACD durch die Käufe der letzten Tage gerade noch vor einem Verkaufssignal gerettet wurde, spricht nicht viel dagegen, dass der Dax dieses Level auch erreicht. Was aber sowieso nur noch 1,3% sind, mehr nicht!
Aber in solchen Endphasen eines mittlerweile ja immerhin gut vier Jahre alten Aufwärtstrends liefern solche Chartmarken keine wirkliche Sicherheit. Sie wissen ja, solange die Mehrheit glaubt, wir hätten die beste aller Welten für steigende Kurse, kauft sie auch weiter. Es kann schon unterhalb 7.050 eine Korrektur kommen, es kann zu einem Überschießen über den Trendkanal und zu Kursen von 7.200 oder mehr kommen. Und das sogar schnell. Es ist nicht mehr berechenbar, ebenso wenig, wie man Ende 2002/Anfang 2003 den Tiefpunkt des damaligen Selloff hätte vorhersehen können.
Es bleibt daher mein Rat: Versuchen Sie nicht, den letzten Euro aus dem Markt holen zu wollen. Bringen Sie sich langsam und unauffällig in Sicherheit. Wie schon Kostolany richtig sagte, sind diese letzten Euros immer die teuersten.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende - bis Montag!
Ronald Gehrt
