Martin Denholm in Traders Daily
vom
Fortsetzung aus der letzten Ausgabe - letzter Teil:
Wir wollen also einige Fragen aufwerfen und die Prinzipien des Krieges zugrunde legen. Wenn Alkibiades Vorschlag, 60 Schiffe und eine bescheidene Anzahl Truppen nach Sizilien schicken eine gute Idee war, war es dann eine „bessere" Ausführung, Nikias' Vorschlag zu übernehmen und die Streitmacht zu verdoppeln? Das ist ein Thema von Einfachheit vs. Komplexität, Masse vs. Wirtschaftlichkeit der Streitkräfte, Manöver vs. Sicherheit. Wenn der ursprüngliche Plan vorsah, eine relativ kleine Streitmacht nach Sizilien zu schicken, um dort Verbündete zu finden und diese Verbündeten als Ansatzpunkt zu verwenden, Syrakus zu besiegen, war es dann „besser", eine größere Streitmacht hinzuschicken, die von den Ortsansässigen als eine Armee auf Eroberungsfeldzug wahrgenommen werden musste?
Und was wäre passiert, wenn die Athener Alkibiades die Verunglimpfung der Götter verziehen hätten und ihn weiter im Feld gelassen hätten anstatt ihn zurückzurufen, damit er seiner Gerichtsverhandlung beiwohnt? Das stellt einen Gegensatz dar zwischen einer Führung, die sich in der Heimat in persönliche Angelegenheiten einmischt und einer, die die Erfüllung einer Mission unterstützt.
Zu den Dingen, die man nicht vorhersehen kann gehört die Frage, was passiert wäre, wenn Alkibiades nicht übergelaufen wäre und die Sicherheit des gesamten Plans damit gefährdet hätte? Wären die Mächte in Syrakus in der Lage gewesen, die athenischen Bemühungen abzuwehren, wenn es nicht den Verrat und das Insiderwissen des Alkibiades gegeben hätte, in Verbindung mit der fähigen Hilfe des Gylippus aus Sparta?
Und schließlich, was wäre passiert, wenn Nikias in den entscheidenden Momenten in einer Reihe von Schlachten nicht wieder und wieder gezögert hätte, wodurch er dem Gegner die Initiative überlassen hat. Hier geht es um die Frage, wann man eine Offensive ausnutzen soll, anstatt in der Defensive zu bleiben.
Wie Sun Tzu schon sagte: „Der fähige Krieger kann seine eigenen Unverletzlichkeit erreichen. Aber er kann niemals die Verletzlichkeit des Gegners bewirken." Die sizilianische Kampagne hebt eine Reihe von strategischen und taktischen Fehlern hervor, die die eigene Verletzlichkeit zur Folge hatten und schließlich zur vollständigen Zerstörung führten.
Die Nachricht von der Zerschlagung der sizilianischen Expedition hat die Athener in maßloses Erstaunen versetzt. Zuerst konnten die Leute einfach nicht glauben, dass ihre mächtigen Streitmächte eine Niederlage in einem fernen Land einstecken mussten und das auch noch durch die Hände von Leuten, die man in Athen für primitiv hielt. Hätte irgendwer damit rechnen können? Und wenn, warum hat dann niemand zugehört? Das wirft die Frage auf, wann und wie der Bote der Führung die Nachricht von der Katastrophe überbringen konnte, ganz zu schweigen davon , wie er sie unter die Leute bringen konnte. Und wie verarbeiten die Leute eine so unwillkommene Information über ein schreckliches Unglück?
Wie verarbeitet eine Nation einen Verlust in dieser Größenordnung? Als ein Beispiel: Während des Zweiten Weltkriegs vergingen mehrere Monate, ehe die Führung der imperialen japanischen Marine den Kaiser über die Verluste in Midway unterrichtete. Und nach Stalingrad sah man viele Monate lang deutsche Bürger, die schwarze Armbinden trugen.
Aber nach dem Unglück in Sizilien sah es so aus, als sei das Ende des athenischen Imperiums in greifbare Nähe gerückt. Die Schatzkammern waren fast leer, die Docks entleert, und tausende von Soldaten waren tot und unbegraben oder in Gefangenschaft, als Sklaven in einem fremden Land. War das der Anfang vom Ende?
Die Athener fürchteten zu Recht, dass die Ereignisse in Sizilien Revolten im ganzen Imperium zur Folge haben würden und bei den Spartanern zu verdoppeltem Einsatz führen könnten. In der Nähe der Heimat war schon früher, im Jahr 413 v. Chr., ein Krieg mit Sparta ausgebrochen, nachdem der spartanische König es leid war, die Überfälle auf sein Gebiet ohne Vergeltung über sich ergehen zu lassen und deswegen zum ersten Mal seit 425 v. Chr. in die landwirtschaftlichen Gebiete Athens eingefallen war.
Dieses Mal errichtete er jedoch, basierend auf einem Plan aus der Hand des Alkibiades, eine Festung mitten im athenischen Gebiet und kontrollierte so den Zugang zum athenischen Hinterland. Während des ganzen restlichen Krieges zermürbte diese spartanische Garnison die athenische Moral durch andauernde Überfälle. Diese Garnison diente auch als Zuflucht für Tausende entlaufende Sklaven, was der Wirtschaft Athens großen Schaden zufügte.
Und dennoch gelang es den Athenern noch eine Weile zu überleben. Wie ist ihnen das gelungen? Thukydides sagt es am deutlichsten: „Nach dem ersten Schreck waren sie so vorsichtig wie möglich... der Sommer war vorbei."
Dieser Krieg zwischen Athen und Sparta dauerte noch weitere neun Jahre, ehe Sparta in der Lage war, das letzte Element, die Marine Athens in Aegespotami zu schlagen. Bei dieser Schlacht verloren die Athener 168 Schiffe, gewissermaßen alles, was noch von ihrer Marine übrig geblieben war. Nur 12 Schiffe entkamen.
Athen hielt ein Imperium und die dauernde Expansion löste in Sparta so große Angst aus, dass man irgendwann überzeugt war, einen Krieg anfangen zu müssen. Nach vielen Kämpfen in den eigenen Gebieten versuchten die Athener den Krieg auszuweiten, indem sie Sizilien überfallen und unterwerfen wollten, aber das stellte sich als eine schreckliche Katastrophe für die Athener heraus. Vielleicht hätte diese Katastrophe vermieden werden können. Aber die Geschichte zeigt, dass die Athener gespielt und verloren haben und dass sie große Fehler gemacht haben, als sie versuchten Sizilien zu unterwerfen.
Nach Sizilien kehrten die Athener wendeten sich die Athener wieder ihrem strategisch besten Element zu, der See. Sie kämpften tapfer noch eine Weile weiter. Aber das konnten sie nur, weil sie ihre letzte strategische Reserve, die Schiffe und Funds, aufbrauchten. Zu diesem Zeitpunkt konnten sich die Athener keine Fehler mehr leisten und noch weniger Verluste, die nicht ersetzt werden konnten.
So waren die Athener schließlich geschlagen. Konfrontiert mit Hunger und Krankheit durch eine ausgedehnte Belagerung der Landseite und im Anschluss an die Niederlage der Marine, gab Athen im Jahre 404 v. Chr. auf. Die Verbündeten ergaben sich auch bald. Die Bedingungen der Kapitulation beraubten die Athener ihrer Grenzen, ihrer Flotte und all ihres Besitzes im Ausland. Der Krieg war zu Ende. Athen war ruiniert. Die Welt und ihre Bestimmung lagen nun in den Händen anderer.