Was wäre, wenn ich Unrecht hätte?
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 05. November 2003 18:00 Uhr
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An der amerikanischen Ostküste geht der Altweibersommer noch weiter. In Baltimore – wo ich mich gerade aufhalte – ist es so heiß, dass sogar die Klimaanlagen wieder eingeschaltet werden.
Auch an den Finanzmärkten geht der warme Wind des großen Bullenmarktes weiter. Der Goldpreis hingegen ist wieder ein paar Dollar zurückgekommen. Und der Dollar ist gegenüber dem Euro etwas gestiegen.
"Die Bauausgaben sind im September auf ein Rekordniveau gestiegen", so eine Reuters-Schlagzeile.
"Der Index des produzierenden Gewerbes steht auf 3-Jahres-Hoch", so Bloomberg.
Überall in den USA sind die Leute davon überzeugt, dass diese Erholung real ist. Die Sparraten fallen; die Leute verschulden sich und geben Geld aus, wie nie zuvor.
Und so, liebe(r) Leser(in), ist es Zeit, zu fragen:
Was wäre, wenn ich Unrecht hätte?
Was, wenn diese Erholung wirklich echt wäre? Was, wenn diese Rally keine Bärenmarkt-Rally, sondern wirklich ein neuer Bullenmarkt wäre? Was wäre, wenn Handelsbilanzdefizit und Haushaltsdefizit nicht wirklich Auswirkungen hätten? Was, wenn der Dollar nicht fallen würde – egal, wie viele davon gedrückt werden? Was wäre, wenn man wirklich durch Geldausgeben reich werden könnte?
Wird der Winter niemals kommen?
Natürlich kenne ich die Antworten für diese Fragen. Allerdings weiß ich auf die Frage nach dem "Wann" keine Antwort. "Wenn die Zeit gekommen ist", antworte ich deshalb, weil ich keine bessere Antwort weiß.
"Gebt mir eine Billion Dollar, und auch ich werde Euch eine gute Zeit zeigen", war die Antwort der Investment-Legende Warren Buffett. Er bezog sich damals auf den Beginn des heutigen Booms, und nicht auf dessen Ende. Die Quelle der derzeitigen Hochstimmung an der Wall Street war laut Buffett weder eine reale wirtschaftliche Erholung noch ein echter Bullenmarkt. Stattdessen war sie eine Antwort auf eine Stimulation von mehr als einer Billion Dollar. Der US-Bundeshaushalt schwang innerhalb von 18 Monaten von einem Überschuss in ein gewaltiges Defizit – ein Swing von mehr als 700 Milliarden Dollar. Die Fed schaffte es auch, den Immobilienmarkt zu beflügeln, indem sie die Leitzinsen schnell senkte, was der Wirtschaft weitere Hunderte Milliarden Dollar gab, durch die neuen Hypotheken und Neubauten.
Wird der Winter niemals kommen? Kann man jetzt reich werden, indem man mehr ausgibt, als man sich leisten kann, für Dinge, die man nicht wirklich braucht?
Ich weiß es nicht. Aber es ist unwahrscheinlich, meiner bescheidenen Ansicht nach, dass der Planet Erde seine Achse verschoben hat. Der Winter wird kommen, wie er das immer tut – früher oder später. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass die Gesetze, die die Welt des Geldes für so viele Jahre bestimmt haben, plötzlich widerrufen worden sind.
Deshalb werde ich die "Was wäre wenn"-Frage in eine andere Richtung wenden. Was wäre, wenn die Wirtschaft nicht noch eine Billionen-Dollar-schwere Stimulation erhalten würde? Was wäre, wenn die US-Regierung nicht noch einmal 700 Milliarden Dollar in die Wirtschaft pumpen kann ... was das Haushaltsdefizit auf 1,2 Billionen Dollar bringen würde? Was wäre, wenn China und Japan nächstes Jahr den USA kein weiteres Geld mehr leihen würden? Was wäre, wenn die Zinsen nicht weiter gesenkt werden können; was wäre, wenn der Refinanzierungsboom bereits vorbei wäre?
Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht. Aber ich kann raten. Eine der Kuriositäten des Bärenmarktes von 2000–2002 war, dass die US-Investoren niemals in Panik verfielen. Die Aktienkurse brachen ein. Billionen Dollar lösten sich in Luft auf. Aber es gab niemals eine Massenpanik.
Dieses Mal könnte es ein bisschen anders sein; wir könnten schließlich doch eine Panik sehen, an den internationalen Devisenmärkten, den Schuldenmärkten, und am US-Aktienmarkt. 1997 hielten die Ausländer erst weniger als 10 % der langfristigen amerikanischen Anleihen – im August 2003 waren es über 50 %! Einige Schlagzeilen der Zukunft werden uns sicher sagen, dass die Ausländer ein bisschen in Panik verfallen: "Die Ausländer werfen ihre Dollar auf den Markt", könnte z.B. USA Today berichten.
In Amerika glauben die Anleger immer noch, dass "Aktien langfristig immer steigen" – und auch in Deutschland ist diese Meinung weit verbreitet. Aber wenige werden dazu bereit sein, ihre Aktien den ganzen nächsten Kollaps hindurch zu halten.
Passen Sie auf.
In der Zwischenzeit ist hier Eric, der wieder in New York ist, mit mehr News: