Was sind Sie? Trader oder Investor?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 26. März 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
Alexander Green spricht im obigen Artikel einen m.E. ganz wichtigen Punkt an, den die meisten Privatinvestoren falsch machen. Es ist die Frage, mit welchem Ziel und welchem Anlagehorizont Sie das Börsenparkett betreten. Dabei kommt es oftmals vor, dass der Börsenneuling sich von fundamentalen Nachrichten oder Berichten über ein Unternehmen aus diversen Finanzpublikationen blenden lässt und ohne einen wirklichen Plan die Aktien ins Depot legt. Er geht davon aus, dass das Unternehmen xy innerhalb einer kurzen Zeit durch die Decke schießt und er davon profitiert. Damit hat er einen sehr kurzen Anlagehorizont, kauft das Unternehmen jedoch nicht aufgrund der technischen Analyse (was hier dringend angeraten wäre) sondern aufgrund der fundamentalen Lage bzw. der vorgebrachten Argumente, welche ihn überzeugten.
Der Investor...
Wenn Sie ein Unternehmen kaufen, weil Sie von diesem fundamental überzeugt sind, dann dürfen Sie nicht davon ausgehen, dass das Unternehmen in 6 Wochen um 100% steigt. Ganz im Gegenteil... Jeder seriöse Investor freut sich, wenn er ein Unternehmen im Rahmen fallender Aktienkurse weitaus günstiger kaufen kann als sonst üblich. Die kurzfristigen Performance-Entwicklungen und die Charttechnik interessieren ihn nicht. Er kauft, weil er aufgrund seiner fundamentalen Analyse des Unternehmens weiß, dass dieses zu den besten und stärksten seines Sektors gehört, ein sehr gutes Management besitzt, verantwortungsvoll mit dem Kapital der Aktionäre umgeht, auf stetiges Umsatz- und Gewinnwachstum aus ist etc.
Sobald sich ein Investor bei einem Unternehmen eingekauft hat, ist es seine Aufgabe, die fundamentalen Rahmendaten (welche ihn dazu bewogen haben einzusteigen) genauestens zu überwachen. Er muss seine eigene Meinung ständig überdenken und ggf. revidieren. Solange ihn jedoch das Unternehmen fundamental überzeugt, wird er die Aktien halten und bei Schwäche nachkaufen, so lange bis der für ihn faire Wert des Unternehmens erreicht ist.
Der Trader...
Ganz anders agiert hingegen ein professioneller Trader.
Ein Trader hat immer ein festes Ziel vor Augen. Er weiß, wie viel Rendite pro Jahr oder Geld im Monat / Tag er erwirtschaften will. Dank seinem Tradingplan kann er immer seine Ziele mit seinen tatsächlichen Tradingergebnissen abgleichen.
Ein Trader geht nur dann in den Markt, wenn er innerhalb seines operierenden Anlagehorizontes (Tage, Stunden, Minuten, Sekunden) Bewegung erwartet. Er sichert sich mit engen Stop-Loss-Marken ab und nimmt einen Trade auch aus dem Markt, wenn seine Prognose nicht eintritt und im Wert keine Bewegung entsteht.
Trader sind flexibel und passen ihren Stil den vorherrschenden Marktbedingungen an. Je nach Bären, Bullen- oder Seitwärtsmarkt greifen sie auf unterschiedliche Instrumente (Aktien, CFDs, Optionen, Futures) und unterschiedliche Strategien auf verschiedenen Zeitebenen zurück.
Sind sie Investor oder Trader?
Bevor Sie an der Börse Ihr hartverdientes Geld investieren, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, ob Sie ein Investor oder eher der Tradertyp sind. Selbstverständlich müssen Sie in „beiden Bereichen“ über die jeweiligen Fähigkeiten verfügen. Als Investor müssen Sie zwingend die betriebswirtschaftlichen Daten und das ökonomische Umfeld eines Unternehmens kennen und richtig deuten können. Bilanzen lesen Sie wie ein Buch. Sie kennen die Stärken und Schwächen der Wettbewerber und besuchen das Unternehmen ggf. persönlich, um sich einen Eindruck zu verschaffen.
Als Trader hingegen tauchen Sie primär in die Welt der technischen Analyse ein, suchen sich Ihren persönlichen Tradingstil und üben diesen auf dem Papier oder mit kleineren Beträgen bis zum Umfallen. Sie lernen beständig und werden nicht müde, Ihren Horizont zu erweitern. Auch müssen Sie in der Lage sein, Ihre technische Einschätzung von einer Sekunde zur nächsten revidieren zu können. Stop-Loss-Ausführungen gehören zu Ihrem Alltag und stören Sie nicht. Ihre Psyche ist stabil und Ihr Ego hat beim Trading nichts zu melden.
Wenn Sie hingegen zu den 95% der Leute gehören wollen, welche in die Märkte mehr einbezahlen, als sie herausholen, dann kaufen Sie weiterhin die bunten Finanzpublikationen und legen sich die fundamental so wundervollen Aktientipps aus diesen Heftchen, die innerhalb eines Jahres um mehrere 100% steigen werden, ins Depot und lauschen zusätzlich dem Rat der selbst ernannten TV-Börsenexperten.
Falls Sie kein Investor oder Trader sind, bzw. Sie die Anforderungen nicht erfüllen (was ich gut nachvollziehen kann, wenn man berufstätig ist), dann empfehle ich Ihnen, sich an die Märkte nicht ohne ein wenig professionelle und unabhängige Hilfe zu wagen. Dies kann entweder durch einen sehr guten Fonds oder Vermögensverwalters geschehen, oder durch die Expertise eines professionellen Börsenbriefautors. Testen Sie diese Hilfe (egal in welcher Form) jedoch vorher ausgiebig und prüfen Sie, ob Ihr Ratgeber Ihrer Anlagementalität enstpricht und natürlich auch, ob er sein Fach wirklich versteht, denn 98% der Angehörigen der Finanzindustrie sind reine Verkäufer, die selbst überhaupt kein Geld in den Märkten verdienen.
Beste Grüße
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Werner Ettlin (29.03. 2010 00:46 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn Die Beitraege von Ihnen und Herrn Green finde ich ausgezeichnet. Ich sehe mich als den Investor-Typ. Als ich bei meiner Bank nach Trailing Stops verlangte, sagte man mir, das koennen sie nicht machen, das sei viel zu aufwendig. Koennen Sie mir einen Rat geben, wie ich darauf reagieren soll und wo ich Trailing Stops erhalten koennte. Mit bestem Dank und freundlichen Gruessen Werner Ettlin
Antworten