Was Sie über Chinas Politik und Wirtschaft wissen müssen
Daniel Wilhelmi in Profit Radar
vom 23. Februar 2010, 19:00 Uhr
ENL5462
In der letzten Ausgabe war ich auf die Befürchtungen eingegangen, dass die chinesische Regierung durch ihre massiven Zinserhöhungen das eigene Wirtschaftswachstum abwürgen könnte. Ein wichtiger Punkt, der dabei zu beachten ist, muss noch genannt werden.
Also: Sie haben es sicher schon oft gehört: Die Richtigkeit der chinesischen Wirtschaftsdaten wird im Westen gerne kritisiert.
Vor allem von den ewig gestrigen Pessimisten, die den Aufschwung der Emerging Markets einfach nicht wahrhaben wollen. Abgesehen davon, dass auch die Wirtschaftsdaten der westlichen Länder offensichtlich nicht immer akkurat sind (Griechenland lässt grüssen), ergibt sich daraus ein interessantes Phänomen.
Denn auch die China-Bullen sind der Meinung, dass die Wirtschaftsdaten in China das wirkliche Wachstum im Lande nicht genau wiederspiegeln. Aber in die andere Richtung. Sprich: Chinas Wirtschaft wächst nach deren Meinung in Wirklichkeit viel starker, als es die Wirtschaftszahlen belegen.
Den Grund versteht man erst wirklich, wenn man mal in China vor Ort war: Das Land ist riesig und in vielen Regionen können die Wirtschaftsleistungen gar nicht richtig bemessen werden. Zudem sitzt die Machtzentrale in China zwar in Beijing, aber in vielen Provinzen, vor allem wenn diese nicht mehr nahe an Beijing oder dem Speckgürtel sind, sind die Regionalgoverneure die wahren Herrscher.
Das ist beispielsweise eines der großen Probleme im chinesischen Umweltschutz: Beijing verabschiedet zwar Reformen für den Umweltschutz, aber auf den regionalen und lokalen Ebenen werden diese Anordnungen oftmals einfach nicht mehr richtig umgesetzt. Denn dort endet dann in Wirklichkeit der Einfluss von Beijing.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Dr Gunther Kümel (24.02. 2010 06:11 Uhr):
Bei einem dreiwöchigen Aufenthalt in China schon 2003 konnte ich beobachten, warum die Wirtschaftsleistung vermutlich unterschätzt wird, auch von den offiziellen chinesischen Stellen. Zwar war meine Beobachtung nur punktuell, beschränkt auf wenige Städte in der Gegend von Shanghai und es handelte sich bloß um Zugucken, ohne systematische Analyse. Es springt aber ins Auge: Jeder tut etwas, überall wird gehämmert, gebaut, renoviert, auch in kleinen Hinterhof-Werkstätten, bis spät in die Nacht hinein. Kein Vergleich mit der Arbeitshaltung in den westlichen Industriestaaten. Die entschlossene Gemeinschaftsleistung erinnerte mich an die geradezu unglaubliche Aufbauleistung der Deutschen nach 1950, geleistet vor allem von den \"Trümmerfrauen\". Jeder Chinese scheint an drei Arbeitsstellen zu arbeiten, offensichtlich ohne auf staatliche Erfassung den größten Wert zu legen. Dazu kommen absolut gigantische Aufbauwerke des offiziellen Sektors. Ganze Stadtviertel werden niedergelegt und durch modernste, hochwertige Bauten ersetzt, überall gibt es neue Straßen, Brücken, Stadien, Bürotürme. Man spürt beim bloßen Zusehen, daß die Menschen von einem unglaublichen Aufbauwillen durchdrungen sind. Ich denke, die chinesischen Völker haben die Macht der Volksgemeinschaft wiederentdeckt.
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