Was nun Herr Bush?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Es ist kaum zu glauben. Direkt mit den jüngsten sehr schlechten Zahlen vom Arbeitsmarkt verkündet Bush, er wolle eine Station auf dem Mond und eine Marsmission. Sie halten angesichts der völlig desolaten Haushaltssituation die Kosten und den Aufwand für eine Mondbasis und eine Marsmission für völlig abwegig? Nein, ist es nicht.
Denn das vielleicht wichtigste Versprechen von Bush, Arbeit für alle, ist seit Freitag in weitere Ferne gerückt. Also müssen neue Wahlkampf-Themen her. Was kann den Amerikanern mehr Eindruck von eigener Größe geben, als Weltraummissionen. Was könnte mehr die Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt darstellen, als ein Amerikaner der auf dem Mars rumtappst und sinnschwangere Sätze von sich gibt. Eine Kerze flackert noch einmal auf, bevor sie erlöscht. Das war der Vergleich, der mir dazu direkt eingefallen ist. Sehr häufig, wenn große historische Kulturen innerlich bereits marodierten, versuchten sie durch Prunk und Protz diese drohende Gefahren zu überspielen. Dabei glaube ich nicht einmal, dass nach der Wahl auch nur ein Schritt in Richtung Mars oder Mond tatsächlich schneller gegangen wird. Alles nur Wahlkampfgeplänkel.
Etwas mulmiger wurde mir dann zu Mute, als ich ebenfalls mit den amerikanischen Arbeitsmarktdaten die Sätze zu lesen bekam, dass Syrien den Amerikanern "große Probleme" bereite. Da ist von Terroristen zu lesen, die über Syrien in den Irak einreisen. Von Geldern die eigentlich dem irakischen Volk gehören und davon, dass Syrien "mindestens" chemische Waffen entwickle. Kriegsvorbereitungsrhetorik? Eine zweite Möglichkeit von innenpolitischen Probleme abzulenken, sind außenpolitische Maßnahmen, zum Beispiel ein Krieg.
Doch ich denke nicht, dass das amerikanische Volk im Moment noch einen Krieg tolerieren würde, da ist eine Marsmission schon medienwirksamer.
Wenig verwundert haben mich die Aussagen des ehemaligen Finanzminister Paul O'Neill. Dieser hatte in einem Fernsehinterview dem Präsidenten vorgeworfen, dass Bush den Irak-Krieg bereits kur nach seinem Amtsantritt, also noch weit vor dem 11. September geplant habe. Ob Herr Bush da "liegengebliebene" Arbeit des Vaters zu Ende bringen wollte?" Wie gesagt, diese Nachricht dürfte hier wohl kaum jemand wirklich verwundern.
Die Nachrichten vom Wochenende zusammengefasst: Bush wie er leibt und lebt. Aber anscheinend weiß der Rest der Welt mehr über Bush als die Amerikaner selber, wie sonst sollte man seinen immer noch hohen Umfragevorsprung erklären? Mich als Börsianer interessiert dabei nicht die Politik an sich, sondern lediglich die Folgen der Politik für die Börsen. Und da werde ich langsam skeptisch, dass Bush es bis zur Wahl schaffen wird, die Märkte oben zu halten.
Ich warte gerade auf die Eröffnung der amerikanischen Börsen. Ich frage mich, ob die Amis das Thema: Keine Zinssteigerung oder das Thema Deflation spielen. Wie gesagt, ich habe mich von dem Begriff "Vernunft" im Zusammenhang mit Börse getrennt. Vernünftig wäre das Thema Deflation (fallende Kurse). Demnach wird die Börse wahrscheinlich "keine Zinssteigerung" spielen (steigende Kurse). Dazu werde ich Ihnen dann morgen mehr sagen können. Schade, dass die Arbeitsmarkt-Zahlen so unglaublich schlecht waren, wären sie "nur ein wenig" schlecht gewesen, hätte das zu weiter steigenden Märkten geführt.
Diese Woche warten noch einige Unternehmensnachrichten und andere wichtige Konjunkturdaten. Ich rechne eigentlich damit, dass im Vorfeld der Intel Zahlen der Nasdaq hochgekauft wird, sicher bin ich mir jedoch nicht. Ich habe in den letzten drei Jahren, seit der Phase um den Jahreswechsel 2000 nicht mehr so verzwickte Märkte wie aktuell erlebt. Alles ist derart überhitzt, dass man kaum noch in die Märkte kommt. Gleichzeitig gibt es noch keine klaren Verkaufssignale. Na, ich bin gespannt, was die Berichtssaison bringen wird.