Was meint er damit?
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 23. März 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Keine Überraschung war die Entscheidung der amerikanischen Notenbank, gestern die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 2,75 % zu erhöhen. Das war der siebte 25-Basispunkte-Zinsschritt in Folge. Was allerdings ziemlich überraschend war: Alan "Spekulationsblasen" Greenspan's Begründung. Er sagte:
"Der Inflationsdruck hat sich in den letzten Monaten erhöht, und die Preisgestaltungskraft (der Unternehmen) ist evidenter geworden." Was meint er damit? (Erinnert mich an die Schulzeit ...'was will der Dichter uns damit sagen?') Wenn er ein ehrlicher Mann wäre, dann würde er damit sagen wollen, dass sich
- der Inflationsdruck in den USA erhöht
- und er dagegen Maßnahmen ergreifen wird, darunter falls notwendig auch Zinserhöhungen über den "neutralen Bereich" hinaus, da es
- ja sein Job ist, die Währung stabil zu halten und die Inflation zu bekämpfen.
In diesem Sinne wird seine Aussage auch allgemein von den Analysten interpretiert. Doch was wäre, wenn Greenspan kein "ehrlicher Mann" wäre? Einfach mal hypothetisch angenommen. Dann würde das, was er sagt, nicht unbedingt seiner wahren Meinung entsprechen. Dafür spricht z.B. die Tatsache, dass er es bis jetzt mit der "Stabilhaltung der Währung" nicht sehr ernst genommen hat. Im Gegenteil, die "Greenspan-Gang" (Wortführer ist der Fed-Gouverneur Ben Bernanke) gibt sich ja seit Jahren Mühe, den Dollar durch eine Politik des extrem leichten Geldes zu schwächen. Das senkt die reale Schuldenlast und soll den Konsum anfachen.
Was wäre, wenn Greenspan in Wirklichkeit durchaus noch das Problem einer deflationären Stagnation sieht, aber, um keine schlafenden Hunde zu wecken, als "offizielles Problem" die Inflation nennt?
Denn eine Stagnation mit unverändertem oder sogar leicht sinkendem Preisniveau ist noch nicht vom Tisch. Die "Preisgestaltungskraft" der US-Unternehmen ist keineswegs hoch, da sie unter dem harten Konkurrenzdruck der sehr günstig produzierenden chinesischen Unternehmen leiden. Das hält die Preise unten. Zudem ist die amerikanische Geldmenge zuletzt sogar etwas gefallen, und eine fallende Geldmenge spricht tendenziell für fallende Preise (bei weniger Geld wird das vorhandene Geld tendenziell mehr wert, bei unverändertem Güterangebot).
Doch ich bin mir unsicher, denn es gibt mindestens einen Faktor, der nicht ins Bild passt: Nämlich die steigenden Rohstoffpreise. Hier sehen wir auf jeden Fall einen Bullenmarkt mit nachhaltig steigenden Preisen, da bin ich mir sicher. Und steigende Rohstoffpreise wirken auf jeden Fall inflationär – schließlich sind sie ein Kostenblock.
Wie passt das alles zusammen? Eine eindeutige Antwort kann ich Ihnen nicht geben. Aber ich bin auf jeden Fall vorsichtig, was offizielle Aussagen von Greenspan & Co. angeht. Was wir hören, muss nicht das sein, was der Aussagende auch wirklich meint.
Beste Grüße,
Michael Vaupel