Was Ihnen die Rohstoffpreise verraten können
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 10. Oktober 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, verehrte Leserinnen und Leser!
Die Meinungen sind geteilt – wie immer, wenn es um zukünftige Entwicklungen geht. Während ein Teil der Experten eine Rezession als nahezu unausweichlich ansieht, erwartet ein anderer Teil nur eine kleine Delle im Wachstumstempo. Und natürlich finden sich auch immer einige Stimmen, die jedwede Wachstumsschwäche in nächster Zeit als Unfug abtun.
Was soll man glauben und warum soll das eigentlich wichtig sein? Die zweite Frage ist leichter zu beantworten: Gewinnwachstum ist die mittel- und längerfristige Basis für steigende Aktienkurse. Und das lässt sich dauerhaft nur erreichen, indem die Umsätze wachsen, sprich die Nachfrage steigt. Wirtschaftswachstum und die Entwicklung der Aktienmärkte hängen also durchaus eng zusammen. Aber:
Künstliches Wachstum verfälscht oft das wahre Bild
Das muss man langfristig sehen und kann es nicht auf jedes einzelne Unternehmen hinunter verallgemeinere. Langfristig vor allem deswegen, weil wir seit letztem Jahr zwar immer noch erstaunliche Gewinn-Wachstumsraten sehen, diese aber oft durch Rationalisierungen einerseits und durch Wachstum durch Fusionen, Akquisitionen oder Joint Venturis andererseits entstehen.
Doch das sind Gewinnsteigerungen, die auf besondere Maßnahmen zurück zu führen sind und nicht dauerhaft anhalten können. Und dergleichen Aktionen – insbesondere wenn sie wie zuletzt gehäuft auftreten – deuten in der Regel das Ende eines Zyklus wirtschaftlichen Wachstums an. Denn wer seine Geschäftstätigkeit durch das Erschließen neuer Märkte ausweiten kann, die Chance zu Innovation und Produktionssteigerungen hat, vergeudet kein Kapital, um auf diese künstliche Weise, wie momentan oft zu beobachten, zu wachsen.
Das ist auch der Grund, weshalb die Unternehmensgewinne gerne noch mehrere Quartale weiter satt zulegen, während das wirkliche Wachstum der Wirtschaft bereits abflaut. Das aber ist eine gefährliche Phase, die man nicht übersehen oder verkennen darf. Denn steigende Aktienkurse bei zugleich fallenden Unternehmensgewinnen sind mittelfristig nicht drin. Daher bietet es sich an, hier besonders wachsam zu sein.
Fusionitis als Indiz für das Ende der Wachstumsphase
Eine simple Methode um zu erkennen, dass man sich langsam auf trübere Zeiten einstellen sollte, ist diese Fusionitis selbst. Wenn Hinz mit Kunz fusioniert, Tünnes den Schäl übernimmt und zudem ankündigt, eigene Aktien zurückkaufen zu wollen ist das ein recht gutes Indiz dafür, dass den Unternehmen langweilig wird, weil im operativen Geschäft nicht mehr viel zu erreichen ist.
Das gilt auch dann, wenn der umgekehrte Tick grassiert: Ausgliedern von Unternehmen, Konzentration auf Kernkompetenzen etc. Gerade Unternehmensgiganten wie Siemens, Telekom oder Daimler leiden an diesen zwei Formen der „-itis“ alle paar Jahre in regelmäßigem Wechsel. Oft gehen diese Aktionen daneben, bisweilen hauen sie hin ... aber fast immer passieren sie im Vorfeld schwieriger Zeiten, in denen das operative Geschäft in seichte Gewässer segelt.
Doch das ist nur ein Indiz für die wirkliche Situation. Auch die Rohstoffkurse können Ihnen Hinweise darauf geben, wie sich die wirtschaftlichen Perspektiven präsentieren!
Indikator mittelfristige Rohstoff-Nachfrage
Man muss sich vor Augen halten, dass die Rohstoffe ja nicht am Ende, sondern am Anfang eines Prozesses stehen. Die Nachfrage lässt mit nur geringem Zeitverzug nach, wenn die Auftragslage zu stottern beginnt, während sich das in den Unternehmensbilanzen selbst erst deutlich später niederschlägt. Doch da reicht ein kurzer Blick auf den CRB Rohstoffindex nicht aus, denn:
Es gibt eine ganze Reihe an Rohstoffen, deren Performances für diese Spurensuche nicht geeignet sind. Zuallererst die so genannten „soft commodities“ wie Weizen, Mais, Soja etc. Sie sind im Preis sehr vom Wetter abhängig und darüber hinaus für die Industrieproduktion nur bei wenigen Branchen relevant.
Auch die Edelmetalle wie Gold, Silber und Platin können die wirtschaftliche Lage nicht beschreiben. Sie sind zwar auch in der Industrie von Bedeutung, erfüllen aber zugleich die Funktionen als Wohlstandssymbole und als „sichere Häfen“ in kritischen Zeiten. Es ist nie klar abgrenzbar, welche Faktoren jeweils maßgeblich für die momentane Kursentwicklung verantwortlich zeichnen.
Sehr schön eigenen sich aber die Industriemetalle und der Ölpreis. Aber man muss da unbedingt den richtigen Maßstab anlegen – einen langfristigen. Weshalb ich in den Charts hier auch die Monatsbasis gewählt habe. Denn kurzfristig sind andere Elemente bestimmend:
Steigende Rohstoffpreise bedeuten Inflationsgefahr, dies wiederum das Risiko steigender Zinsen und das könnte die Unternehmensgewinne negativ beeinflussen. Diese Denkweise steht konträr dazu, was langfristig wichtig ist und irritiert daher. Und nicht nur diese Aspekte spielen einem gerne einen Streich, wenn man das Zeitraster zu kurz wählt, denn:
Gerade im Rohstoffmarkt ist der Anteil spekulativen Kapitals hoch. Kurzfristig können hier auch größere Bewegungen entstehen, die mit der Entwicklung von Angebot und Nachfrage gar nichts zu tun haben.
Das muss man daher ausblenden und kann es auch, denn langfristig gilt der vorab dargestellte Kausalzusammenhang: Steigende Nachfrage bedeutet steigende Rohstoffpreise, aber auch Wachstum – und damit steigende Aktienkurse. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb die Börsen bei steigenden Leitzinsen meist zulegen können – sie sind ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft stark wächst und die Unternehmen gut verdienen.
Rohstoff-Nachfrage als sicherste Indikation
Nun könnten Sie angesichts dieser Charts einwenden, dass die steigenden Kurse bei Öl und Kupfer, die ich hier als Beispiel dargestellt habe, doch vor allem wegen des starken Wachstums der BRIC-Staaten, allen voran China und Indien, so stark zulegen. Sicher, aber es ist doch egal, woher die steigende Nachfrage kommt. Wir leben in einer Welt ohne echte Grenzen. Wenn China wächst, profitieren davon Unternehmen auf der ganzen Welt. Aber:
Das ermöglicht auch einen Umkehrschluss, und der ist wichtig: Wenn sich abzeichnet, dass die Nachfrage nach Industrierohstoffen und Energie abnimmt, ist Gefahr im Verzug. Denn:
Das Angebot bei diesen Rohstoffen verändert sich nicht blitzartig und in größerem Umfang. Wenn die Preise im mittel- bis längerfristigen Zeitrahmen fallen, ist also normalerweise die Nachfrage das Problem. Kupfer zeigt erste Divergenzen, indem die Hochs aus 2006 bislang nicht überwunden wurden, während die Aktienmärkte weiter gelaufen sind. Öl hat zwar neue Hochs erreicht, markant sind diese aber in Relation zum Aktienmarkt nicht.
Oft wird argumentiert, dass das schwächelnde Wachstum in den USA durch das Wachstum in China und Indien kompensiert werde. Das ist aber erst mal nur eine Behauptung. Sollten die Preise für Industrierohstoffe spürbar fallen, ist es hoch wahrscheinlich, dass diese Behauptung falsch ist.
Im Schlepptau sind immer auch Dienstleistungs- und Finanzbranche betroffen
Okay, Sie können einwenden, dass die Aktienindizes wie hier der Dax schließlich nicht nur aus Industriewerten bestehen. Finanzsektor und Dienstleistung könnten auch unabhängig von der Industrie weiter zulegen.
Ja, eine zeitlang schon. Aber nicht ewig. Wenn die weltweite Produktion nicht mehr hinreichend wächst, werden über kurz oder lang auch die leiden, die von den Früchten der Produktion leben. Denn ohne Wachstum dessen, was man anfassen kann, werden auch die anderen Sektoren relativ schnell darunter zu leiden haben. Aber primär gilt natürlich ein Signal der Rohstoffe für die klassischen Industriebranchen.
Achten Sie also immer mal wieder auf die Rohstoffentwicklung. Die Chancen für steigende Gewinne in Branchen wie Automobile, Maschinenbau, Chemie oder Metallverarbeitung sind unmittelbar daran zu messen, ob die Wirtschaft weiter wachsen kann – und tut sie es nicht, ist die Angebot-/Nachfragesituation dieser Rohstoffe ein gutes Indiz, um dies frühzeitig anzuzeigen.
(Nebenbei: Das ist auch der Grund, weshalb die Akteure am Aktienmarkt über die momentane kleine Beruhigung bei den Öl- und Metallpreisen nicht begeistert sind, obgleich man das doch erwarten sollte. Sie fürchten, dass diese zeitweise deutlicher zurückkommenden Kurse Ausfluss einer abflauenden Nachfrage sein könnten.)
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer

