Was haben Aktienkurse noch mit Fundamentaldaten zu tun?

Dr. Gregor Bauer in Investors Daily zum Thema Aktien
vom


von Dr. Gregor Bauer

Die Zeit der Quartalsergebnisse nähert sich ihrem Ende, die Firmenchefs bemühten sich nach Kräften positive Ergebnisse vorzulegen. Häufig wohl auch mit Hilfe der sog. "kreativen Buchführung". So wurden die Schätzungen der Fundamentalanalysten häufig übertroffen, und die Aktienkurse stiegen daraufhin auf neue Jahreshochs. Und alle waren glücklich. Jedenfalls für kurze Zeit. Denn plötzlich ist alles wieder ganz anders. Dieselben Analysten, die eben noch von neuen Konjunkturhoffnungen schwadronierten, sprechen nun schon wieder von einer neuen Aktienblase! Und in der Tat, Werte wie Yahoo werden schon wieder mit dem 100fachen des Gewinns und dem 20fachen des Umsatzes bewertet.


Fundamentalanalysten ändern häufiger Ihre Bewertungsmaßstäbe. Werte, wie z.B. Yahoo, werden schon wieder mit dem 100fachen des Gewinns und dem 20fachen des Umsatzes bewertet. Viele Analysten sprechen daher schon von einer Blase. Merkwürdig ist nur, dass solche Bewertungsniveaus noch vor 3–4 Jahren als Kaufgelegenheit gesehen wurden. Werte wie Amazon, AOL, und viele andere, wurde sogar noch höher bewertet.

Beliebt in fundamental – analytischen Kreisen ist auch das Inflations-/Deflationsspiel. Über viele Jahre wurde das Gespenst der Inflation von den Zentralbanken bekämpft. Dann tauchte plötzlich der bis dahin in Anlegerkreisen nahezu unbekannte Geist der Deflation auf. Also, plötzlich keine steigenden, sondern sinkende Preise. Nachdem die Notenbanken vorher zur Bekämpfung der Inflation den Geldhahn zugedreht, und die Zinsen erhöht haben, wurden zur Bekämpfung der dann aufgetreten Deflation seit 2001 in den USA die Leitzinsen von 6 % auf 1 %, und in Europa entsprechend von 4,75 % auf 2,0 % gesenkt. So weit so gut. Dumm nur, dass durch diese drastische Erhöhung der Geldmenge nun wieder die Angst vor der Inflation wächst. Und so schließt sich der Kreis.

Fundamentaldaten sind zur Prognose von Aktienkursen ungeeignet.

Damit ich nicht missverstanden werde: Natürlich haben Faktoren wie Geldmenge und Zinsniveau einen starken Einfluss auf die Wirtschaft, sie sind aber als Fundamentaldaten ungeeignet zur Prognose von Aktienkursen. Aber genau dafür werden Sie quasi "missbraucht". Denn Aktienkurse unterliegen Schwankungen, die nichts mit fundamentalen Kennzahlen, sondern viel mehr mit psychologischen Einflüssen zu tun haben.

Und genau da setzt ja die Methode der Technischen Analyse an. Sie müssen sich keine Gedanken über Inflation, Deflation oder die kreative Buchführung der Unternehmen machen, um darauf Ihre Analysen aufzubauen. Ein Blick auf den Chart eines Unternehmens reicht doch aus, damit Sie die Situation beurteilen zu können.

Ich komme gerade von der Jahrestagung der IFTA, des Weltverbands der Technischen Analysten, und gehöre als "Director at large" dem erweiterten Führungskreis dieses Verbandes an. Außerdem bin ich Chefredakteur des deutschsprachigen Börsendienstes "Chart Performer". Auf der Tagung, die in Washington D.C. stattfand, trafen sich Technische Analysten aus 22 Ländern, um die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Technischen Analyse zu diskutieren. Einen Vortrag fand ich ganz besonders interessant. Dieser wurde von einem Vorstandsmitglied des Weltverbandes der Technischen Analysten (IFTA) gehalten, und beschäftigte sich mit der Übertragung von Preisbewegungen aus fundamentalen Modellen in einen Chart. Sie kennen vielleicht aus der Betriebswirtschaft den Begriff des sog. "Schweinezyklus". Dieser erklärt, wie sich in Abhängigkeit von Angebot und Nachfrage, ein Gleichgewichtspreis bildet. Also ein Preis, bei welchem sich die Mehrzahl der Käufer und Verkäufer einig ist. Dieser existiert aber nur für eine gewisse Zeit, bevor andere Einflüsse, sog. Störungsgrößen, den Preis verändern. Dies können z.B. neue Techniken sein, die Änderung des Käuferverhaltens, Änderung der Produktionsmenge, u.a.

Der Redner konnte dann zeigen, dass die Aktiencharts genau dieses Modell widerspiegeln. Dieser Zyklus lässt sich nämlich in Form eines Dreiecks darstellen. Der Gleichgewichtspreis ist dabei derjenige, der am weitesten in die Spitze des Dreiecks gelaufen ist. Dieser Preis steht damit vor einem Ausbruch, also einer Störung von außen. Er bricht dann aus dem Dreieck aus, und ein neuer Zyklus beginnt. Die Schulter – Kopf – Schulter Formation lässt sich z.B. auch aus einem solchen Modell konstruieren. Nicht immer wird eine solche Formation vervollständigt, da eben Preiseinflüsse sehr schnell auftreten können, bevor sich ein stabiler Gleichgewichtspreis gebildet hat. Das System ist dann in Bewegung, z.B. in einem Trend, bis sich eine neue Formation bildet.

Daher auch die Aussage der Technischen Analysten: Alles, was wir kennen müssen, ist der Preis. Natürlich sind es auch fundamentale Einflüsse, also Störungsgrößen, die den Preis eines Unternehmens aus dem Gleichgewicht bringen. Aber das müssen wir doch gar nicht im Detail wissen. Aber letzten Endes kommt es nur auf das Ergebnis an, und das ist aus den Charts abzulesen. Ich bin davon überzeugt: Die Bestimmung des günstigsten Ein- und Ausstiegszeitpunkts kann nur mit den Methoden der Technischen Analyse zuverlässig bestimmt werden.


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