Was folgt auf eine Billion?
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 28. November 2007 07:30 Uhr
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Liebe Leser,
Ich frage das, weil es jüngst in den Nachrichten hieß, die Derivate hätten weltweit die Marke von 500 Billionen überschritten. Sie sind also, mit anderen Worten, auf dem halben Wege irgendwohin. Ich gehe davon aus, dass sie auf halbem Wege in die Hölle sind... aber ich weiß nicht, wie viele Nullen es in der Unterwelt gibt.
Als ich den letzten Beitrag fertig geschrieben hatte… wurde es interessant.
Die unaufhaltsame Macht der Inflation war kurz davor, in den unbeweglichen Gegenstand der Deflation zu prallen.
Anschließend hieß es in den Nachrichten, dass beide immer weiter aufeinander zu laufen. Schon sehr bald, wird es zum Zusammenstoß kommen.
Die Mitte der vergangenen Woche war besonders nachrichtenwürdig, dass der Dow ausverkauft wurde. Die Aktien des Dow waren um weitere 211 Punkte gefallen, und haben so in der Dow-Theorie ein Verkaufssignal ausgelöst. Laut Richard Russell, der diese Dinge im Auge behält, sind die Aktien heute zuerst einmal in einem Bärenmarkt. Soweit ich sagen kann, bedeutet das, dass die Aktien weiter fallen werden – ehe sie wieder steigen. Ich bin nie hinter die Dow-Theorie gekommen, aber einige der klügsten Typen im Geschäft schwören darauf.
Es ist mir natürlich schon vor einigen Wochen aufgefallen, dass die Aktien in einem Bärenmarkt stecken. ‚Die Gezeiten haben sich gewandelt’, schrieb ich. Die Erträge fallen heute... und die Liquidität verschwindet ganz allgemein aus den Finanzmärkten... ich bin davon ausgegangen, dass die Aktien fallen müssen.
Und das bedeutet, im weiteren Sinne, dass Vermögen verebbt. Und bei Ebbe, sagt Buffett, erkennt man, wer nackt schwimmen gegangen ist – d.h. dass man herausfindet, wer vergessen hat, seine Badehosen anzuziehen. Die Preise fallen... und derjenige muss feststellen, dass er nichts mehr hat, mit dem er seine wertvollsten Stücke schützen kann. Aber selbst Investoren, die vorsichtiger mit ihrem Geld umgegangen sind, verlieren Geld. Alle verlieren Geld. Und Russel meint, dass der Gewinner dabei ganz einfach derjenige ist, der am wenigsten verliert.
Bei Ebbe… fangen all die Anlagewerte, die an Bojen durch die steigende Liquidität nach oben getrieben wurden, an zu sinken. Natürlich haben wir Ähnliches schon am Immobilienmarkt erlebt – wo, laut jüngsten Berichten, die Verkaufszahlen in 46 Staaten zurückgegangen sind... und die Preise fallen zum ersten Mal seit der Weltwirtschaftskrise überall in den Vereinigten Staaten. „Wir haben immer noch nicht die schlimmsten Punkte bei Neuverzinsungen, Zahlungsunfähigkeit und endgültigen Verlusten auf Hypotheken erreicht“, heißt es in einem Bericht von der OECD. Die Vereinigten Staaten stehen „am Rande einer Rezession“, heißt es in der UK Times.
Der Rückgang der Aktienpreise hat bislang einige Billionen implizierten Vermögens ausgelöscht. Der Rückgang der Dollars hat einige weitere Billionen ausgelöscht. Goldman Sachs schätzen, dass die Kreditkrise zu zwei Billionen Dollar weniger in Krediten führen wird. Und natürlich gibt es direkte Verluste aus der Kreditkrise selbst... womit weitere 300 Milliarden Dollar hinzukommen. Hier eine Billion.. da eine Billion... und schon sehr bald sprechen wir von echtem Geld.
Das ist der unbewegliche Gegenstand, über den ich gesprochen habe... die Preise fallen... das Geld verschwindet. Es ist eine Deflation, mit großem ‚D’.
Derweil kommt die unaufhaltsame Macht der Deflation auf uns zu. Überall auf der Welt steigen die Preise.
„Können Sie sich das vorstellen… auf der Rue de Passy stehen Kuchen im Schaufenster, die für 30 Euro verkauft werden”, sagte eine Französin, die wir gestern getroffen haben, zu mir, “sie sagen, die Inflation sei in Frankreich gering… aber ich glaube das nicht. Vieles ist in Paris genauso teuer wie in London...“
Überall auf der Welt sagen die Leute das Gleiche: die offiziellen Inflationszahlen lügen. Und überall auf der Welt haben sie damit vermutlich Recht. Die Verbraucherpreise steigen. Ende letzter Woche gab es Berichte aus Hongkong und Russland, beide haben höhere Inflationsraten bekannt gegeben. Und in den Vereinigten Staaten berichtet Merrill Lynch, dass die Kosten für Thanksgiving gegenüber dem Vorjahr um fast 8% gestiegen sind – oder um mehr als das Doppelte der offiziellen Inflationsrate.
Öl hat gleichzeitig einen neuen Rekord von mehr als 97 Dollar erreicht... Gold lag bei 798 Dollar... und der Dollar ist gegenüber dem Euro auf einen neuen Tiefstwert gefallen... und sogar die Reichen müssen ihre Ausgaben zurückfahren, heißt es von Bloomberg.
Während die Reichen die Segel spannen, versinken die Armen schon. Sie können ihre Rechnungen nicht mehr begleichen. Ein Artikel im International Herald Tribune berichtet, dass die Zahl derer, die sich auf Mittagstische und Obdachlosenunterkünfte verlassen müssen, stark gestiegen ist. Die Ernährungsprogramme in New York servieren in diesem Jahr 24% mehr Fressalien als im Jahr zuvor, heißt es in dem Beitrag.
Und die Mittelschicht sitzt zwischen dem Wirbelsturm steigender Lebenshaltungskosten… und der Flaute der sinkenden Preise bei den Vermögenswerten fest. Sie haben weniger Geld auszugeben... und mehr Möglichkeiten, es auszugeben. Die unaufhaltsame Macht der Inflation bedroht sie von der einen Seite... und der unbewegliche Gegenstand blockiert ihren Rückzugsweg. Sie beziehen Schläge.
Sie sind diejenigen, die Häuser und Gemeinschaftsfonds besitzen... und sie sind diejenigen, die zu viel Geld schuldig sind... und deren Lebenshaltungskosten entgleiten.
Sie haben vielleicht beachtliche Gehälter… aber sie haben nur wenig Spielraum. Sie arbeiten heute schon alle Vollzeit... oder mehr. Und nachdem sie für ihre Hypotheken, den Kredit für das Auto, die Ausbildung der Kinder, ihren Anteil für die Gesundheitsversorgung und die anderen regulären Ausgaben bezahlt haben... bleibt ihnen weniger übrig als ihre Eltern hatten. Ist das Fortschritt, oder was?
Ich habe argumentiert, dass der “Fortschritt” dieser Generation von Amerikanern zu weiten Teilen eine Illusion ist. Sie verdienen mehr. Sie haben mehr Geräte. Ihre Häuser sollen mehr wert sein. Aber sie haben tatsächlich weniger wahren Wohlstand als die Generationen vor ihnen.
Es hat niemanden gekümmert, wenn die Arbeiter an den Fließbändern den Boden unter den Füßen verloren haben. Wenn sie zu dumm oder zu langsam waren, eine Stell ein einem Büro zu bekommen, sagte die Mittelschicht, dann verdienten sie, was sie hatten. Aber heute fangen auch die Leute der Mittelschicht an, sich als Verlierer zu fühlen.
Man ist entweder ein Widerspruchsgeist oder man ist Opfer – ganz besonders während einer Kreditdeflation. Wenn die Preise für die meisten Anlagewerte fallen... dann muss man ein Widerspruchsgeist sein, um einige Dinge zu besitzen, die nicht im Preis fallen. Und wenn die zu Grunde liegende Finanzformel, die ganze Generationen von Amerikanern geführt hat, zusammenbricht, dann muss man ein Widerspruchsgeist sein, um eine andere zu finden.
Seit 1980 haben die Amerikaner immer weniger von ihren Einkünften gespart. Sie haben ein größeres Haus gekauft... ein neues Auto... sie haben mehr fossile Brennstoffe verbrannt... und mehr Geld ausgegeben. Diese Kultur des Verschwendens hat dazu beigetragen, das Wirtschaftswachstum in Asien zu beschleunigen. Amerikaner haben alles gekauft, egal ob sie es brauchten oder nicht. Die Asiaten haben angefangen, Güter zu produzieren und diese an die Amerikaner zu verkaufen und dann die Erträge zur Bank gebracht. Während sich dieser Prozess intensivierte, standen die Asiaten am Ende mit immer mehr Geld da... und einem immer größeren Anteil der weltweiten Industrie. Anders ausgedrückt haben die Ausgaben der amerikanischen Mittelschicht den Aufstieg des mächtigsten Wettbewerbers dieser Mittelschicht finanziert. Und jetzt sitzen die amerikanischen Haushalte in der Klemme.
Die offensichtliche Lösung des Widerspruchsgeists war es, genau das NICHT zu tun, was die amerikanische Mittelschicht tat: Nicht Geldausgeben, Sparen! Nicht Geld leihen, sondern verleihen. Nicht konsumieren, sondern mit dem auskommen, was man hat. Kein großes Haus weit entfernt vom Arbeitsplatz kaufen, sondern ein kleines Haus in der Nähe mieten. Nicht im großen Stile leben, sondern im kleinen. Nicht Aktien kaufen, sondern Gold.
Während der vergangenen 27 Jahre, wurden die meisten Leute von diesen widersprechenden Ideen genauso angesprochen, wie von einem billigen Haartransplantat. Sie fühlten sich lächerlich, wenn sie in einem alten Auto durch die Gegend fuhren... oder wenn sie eine Küche mit normalen Arbeitsplatten hatten.
Doch die Mode ändert sich. Vielleicht steht die Sparsamkeit kurz vor einem großen Comeback.
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