Was Börsenkurse zum Absturz bringt
Investoren Wissen
vom 17. Januar 2008 16:00 Uhr
ENL5454
Lieber Leser,
Am vergangenen Donnerstag stellte ich an dieser Stelle die Behauptung auf, daß die Börse praktisch ausschließlich von Optimisten gemacht wird, die mal mehr und mal weniger geizig oder gierig sind. Und am Schluß sagte ich, es gebe nur eine Ausnahme.
Ich kann an Ihren eMails sehen, daß Sie sich fleissig in der Beantwortung dieser Frage engagiert haben, und fast jeder hat ein Körnchen Wahrheit getroffen. Nun, zunächst korrigiere ich mich: es gibt doch – systematisch betrachtet – zwei Ausnahmen: Die eine Ausnahme besteht in der sogenannten Blasenbildung: Dabei fangen die Kurse plötzlich so schnell zu steigen an, daß irgendwann alle Profis zu der Erkenntnis gelangen, daß diese Preise jenseits aller ihrer Erwartungen liegen (und sie sich deshalb „gezwungen fühlen“,) ihre Aktien zu verkaufen. Wenn der letzte Profi verkauft hat, sind die Halbprofis und die Anfänger plötzlich unter sich. Es findet sich plötzlich niemand mehr, der ihnen die Aktien verkauft, aber umgekehrt will auch kaum noch jemand kaufen. Siehe das Chart zum Goldpreis unten.
Anfang April übersandte ich an meinen Club die Nachricht: "die Profis kaufen beim Gold nicht mehr mit." Wie man so etwas beobachtet, gehört zum wichtigsten Knowhow eines Börsianers - deshalb werden dies in einer der kommenden Ausgaben der Investoren-Akademie thematisieren, bei der es um das Erkennen von Blasen gehen wird.
Mit Genehmigung von - Chart Courtesy of stockcharts.com
Doch, mal ehrlich.: Sie hätten den Goldpreis von 550 auf 720 getradet und hätten dann den Rückbruch auf 550 miterlebt und dort wieder verkauft. Was solls? Sie haben doch nichts verloren! Nein, ein richtiger Weg zur Geldvernichtung sind Blasen eigentlich nicht, sie sind lediglich Selbstreinigungsmechanismen des Marktes, um sich von Fehlspekulationen zu befreien, um Überbewertungen abzubauen und um zittrige Anfänger ein wenig zu lehren, daß man nicht hinterherlaufen sollte......
Was ist dann die richtige Ausnahme? Siehe unten....
Die entscheidende Ausnahme - die "automatischen Pessimisten"
Also gibt es doch nur eine Ausnahme: Die entscheidende Ausnahme war es die beispielsweise, die in den Jahren 2000-2003 selbst die Kurse von Standardaktien um 60-70% zum Einsturz brachte, und bei der Sie im beliebten “Neuen Markt“ auch gerne mal 99% Ihres Geldes verlieren konnten.
Was war nun anders im Jahr 2000, außer daß die Aktien teuer waren, aber emotional (dummerweise) „so leicht“ zu kaufen? Es gibt einen handfesten Grund, wann das Spiel mit dem Optimismus nicht funktioniert: Und dieser Grund ist der KREDIT, der bei der Bank aufgenommen wird, um Aktien zu kaufen: Aktien, die auf PUMP gekauft werden und bei denen die Aktien als Sicherheit für den Kredit abgetreten werden. Im Jahr 2000 waren ca. 40%- 60% (je nach Land) aller Aktien auf Kredit gekauft. Auch damals gab es immer noch nur Optimisten am Markt - UND es gab da Aktienbesitzer, die bei fallenden Kursen verkaufen mußten – wenn Sie so wollen – "automatische" Pessimisten! Dieser Pessimismus war automatisch, weil die Bank bei fallenden Kursen für den Kunden die Aktien verkauft – um ihren Kredit damit einzulösen. Man nennt das treffend: exekutieren.
Das genau ist die Ausnahme: Nur wenn Aktienbesitzer im Markt sind, die verkaufen müssen, wird es gefährlich! Als im Herbst 2000 die Kurse sich nicht zu erholen vermochten, exekutierte die Bank die Aktiendepots der Kunden – oft genug ohne Vorwarnung. So steht es im Kreditvertrag.
Sie können ganz sicher sein, daß die Technologieblase allein es niemals geschafft hätte, die Kurse derart in den Keller zu drücken. Hier ging eine geplatze Blase voran - und diese löste dann im weiteren Verlauf den automatisierten Verkauf 100tausender Aktiendepots aus.
Natürlich können einzelne Aktien auch fallen, weil zum Beispiel Bilanzfälschung betrieben wird, wie bei Enron. Aber ganze Märkte fallen im großen Stil erst, wenn die Kredite überhand nehmen....
Wo stehen wir damit heute?
Wer besitzt zur Zeit Aktien, der bei Rückschlägen verkaufen muß? Es sind insgesamt sehr wenige Menschen im Markt engagiert, die verkaufen müssen. Bei den klassischen Banken gibt es zur Zeit noch praktisch keine Wertpapierkredite. Ich habe zahlreiche "Fühler" bei den Banken - sie alle berichten: keine überzogenen Kredit an der Front. (Hier mein Fehler: die Kunden haben keine, aber die Banken..... und Versicherer? Anmerkung der Redaktion)
Aber das Thema Kredite muß man immer im Auge haben: so arbeiten zum Beispiel Hedgefonds mit Kredit. Geben Sie einem Hedgefonds Geld, beleiht er dieselbe Summe oder auch das 5fache oder das 40fache ihrer Einlagesumme (wie im Falle von LCTM), um sein „Spielkapital“ zu vergrößern. So machte es beispielsweise der LTCM Hedgefonds und kaum kam es zu einer kleinen Blase im Bondmarkt, war der LCTM Hedgefonds Pleite und..... Die Liste setzt sich fort: Phoenix, Refco und jüngst Amaranth Advisers ......
Eine weitere Entwicklung, die ich bereits im Auge habe, ist ein neues Produkt mit dem Namen CFD. Dabei kann man 10.000 Euro auf ein Konto einzahlen und damit dann Wertpapiere im Wert von 100.000 Euro handeln. Natürlich bildet ein Kreditvertrag die Basis dafür. Sie kaufen beispielsweise Aktien im Wert von 100.000 Euro und setzen einen STOP Loss bei –10% des Kaufwertes. Nehmen wir an, Sie rechnen mit der Chance, daß die Aktien um 50% steigen. Dann ergibt sich folgendes Chancen-Risikoverhältnis für SIE: Sie können 50% gewinnen oder Sie können 100% verlieren. Auf Ihr eingesetztes Kapital haben Sie sogar 500% gewonnen - aber.....
Sollten die Kurse tatsächlich um 10% fallen, dann wird die Bank Ihr Aktiendepot komplett am Markt verkaufen und sich ihr verliehenes Geld zurückholen. Ihnen bleiben dann satte 0 Euro.(Jüngst schrieb mir ein Leser, daß er sogar, weil sein Stop Loss über Nacht ausgelöst wurde, zur Nachzahlung aufgefordert wurde!) An dieser Stelle grinste mich neulich ein Seminarteilnehmer an und sprach überliefert: „Dann brauche ich ja gar keinen Stop Loss zu setzen!“ Recht hat er: Aber intelligenter wird dadurch dieses "Alles oder Nichts Spiel" auch nicht.
Fassen wir für heute zusammen: Machen Sie sich weniger Sorgen um Untergangsszenarien, Konjunkturentwicklung, etc. . Achten Sie besser darauf, daß Sie Blasen rechtzeitig erkennen und vor allem mitbekommen, wenn Aktienbesitzer da sind, die bei fallenden Kursen verkaufen müssen. Märkte sind solange gesund, solange Investoren Möglichkeiten sehen, auf Chancen zu setzen. Und da draußen gibt es zur Zeit unzählige Chancen! Menschen, die das tun, werden die Kurse dauerhaft steigen lassen..... und die Zukunft selber machen.
Mein Zitat für heute: „Der Fischer, der am Ufer wartet, bis sich alle Wellen gelegt haben, wird nie einen Fisch fangen.“ (Chinesisches Sprichwort)
Ihr Doc
(Dr. Markus Schoor)
