Warum Sie mit Angst im Rücken keinen Börsen-Erfolg haben können ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 13. Mai 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Morgen ist der nächste entscheidende Tag. Am Freitag wird der Verbraucherpreisindex mit Spannung erwartet. Er wird die nächsten Hinweise auf die Inflation in den USA geben. Je nach dem wie stark er ausfällt, werden die Märkte entsprechend reagieren. Bis dahin, und da der Dax heute wenig Schwung besitzt, kann ich die Zeit nutzen und etwas über Traden und Angst schreiben.
Einer der schlimmsten Feinde des Traders ist nicht die Börse selbst, auch wenn es manch einem so scheinen mag, der schlimmste Feind ist die Angst.
Es gibt dazu eine Geschichte, die ich einmal vor langer Zeit irgendwo gelesen haben und leider nicht wiederfinde. Ich erzähle sie also aus dem Gedächtnis: Ein sehr erfolgreicher und somit auch überaus bekannter Broker in New York tätigte sehr gewinnträchtige Geschäfte für seine Kunden. So wurden die Kunden immer reicher und reicher. Obwohl er auch gut verdiente, verwundert es nicht, dass er sich irgendwann fragte, warum er nicht Schluss mit diesem stressigen Job macht und auf eigene Rechnung tradet. Schließlich hatte er sich ja ausreichend bewiesen, dass er wirklich gut ist. Gesagt getan, das Arbeitsverhältnis wurde gekündigt, zu Hause ein entsprechende Equipment aufgestellt, Geld war auch genug da und los.
Es kam wie es kommen musste, sonst wäre es keine Geschichte, die ich hier erzählen würde: Der arme Mann machte pleite. Innerhalb eines Jahres war er arm wie eine Kirchenmaus. Ein wahrscheinlich wahres Börsenmärchen. Es ist ein Phänomen, um so mehr ein Trader mit dem Rücken an der Wand steht, um so mehr "Angst" er hat, desto schlechter werden seine Trades. Gerade wenn man vom Traden lebt und weiß, dass man jeden Monat mindestens das Geld für seine alltägliche Ausgaben eintraden muss, wird die Anspannung groß.
Diese Geschichte bestätigte meine Erkenntnis, die sich über die Jahre immer mehr verfestigt hat: Traden ist zum überwiegenden Teil Psyche und nur zu einem vergleichbar geringen Teil, Technik, Wissen oder System. Aus der Psychologie weiß man, dass ein Mensch der Angst hat, eine Art "Tunnelblick" entwickelt. Das bedeutet, er sieht nicht mehr vernünftig die vielen logischen Fakten um sich herum, sondern sein Blick fokussiert sich auf das angstauslösende Moment. Das angstauslösende Moment eines Traders ist der Verlust.
Um das mal ein wenig überspitzt darzustellen, nehmen wir einmal den ängstlichen Trader, der bereits viel Geld verloren hat und mit dem Rücken an der Wand steht, ich nenne ihn kurz: den "ängstlichen Trader".
Der ängstliche Trader ist aufgrund der Erfahrung mit allen seinen Sinnen auf "Verlust" ausgerichtet, geradezu auf Verlust getrimmt, auch wenn er noch so sehr auf einen Gewinn hofft. Dadurch verbindet er sich tief in seinem Inneren mit dem Verlust. Und da traden auch eine ganze Menge mit Intuition und Gefühl zu tun hat, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er sich genau diese Trades aussucht, die dieses starke Gefühl des "Verlustes" erfüllen werden. Auch das ist ein bekanntes Phänomen in der Psychologie (Denken Sie an Opfermentalitäten, Menschen die erstaunlicherweise immer und immer wieder Opfer von Verbrechen werden.).
Es ist ganz leicht zu erkennen, ob Sie zu einem solchen ängstlichen Tradertyp gehören. Wenn Sie immer und immer wieder feststellen, dass die Trades, die Sie NICHT machen erfolgreich gewesen wären und die Trades, die sie machen ein Verlust werden, dann ist das bereits ein guter Hinweis. Dazu zwei erläuternde Beispiele:
Ein Trader, der Angst hat, wird den sicheren Trade suchen. Das Problem: Der sicherste Trade ist der, den die Masse der Anleger ebenso als solchen ansieht. Der ängstliche Trader sieht, dass ein Kurs steigt. Dann wartet er darauf, dass eine wichtige Widerstandslinie bricht, dann dass Volumen in den Markt kommt, dann dass das Tageshoch überboten wird und dann noch, dass das die Märkte positiv gestimmt sind. Erst wenn er sich ganz sicher ist, steigt er ein, vorher traut er sich nicht: Die Folge: Er wird der Letzte sein, der in eine Aktie einsteigt und dann, ganz oben das Licht ausmachen.
Ein anderes Beispiel: Ein ängstlicher Trader, der um seinen letzten Cent tradet, wird seine Verlust-Trades extrem überbewerten. Dabei gehören Verluste zum traden dazu. Es ist der alte Casino Effekt: Ein Casino verdient hauptsächlich deswegen so viel Geld, da die Leute, die gewinnen weiterspielen, bis sie das Geld wieder verloren haben und die Leute, die verlieren gehen raus. Mit anderen Worten: Die meisten Casinospieler verlassen das Casino mit Verlusten.
Für den ängstlichen Trader bedeutet das: Er wird nach einem Verlust alles hinwerfen und den Computer ausmachen und dem Traden abschwören wollen. Dabei gilt gerade nach einem Verlusttrade: Weitertraden (sofern es der Markt hergibt). Sobald der ängstliche Trader jedoch Gewinn macht, wird er weiter traden, wahrscheinlich immer riskanter, denn jetzt läuft es ja, jetzt ist der Tag an dem er sich alle Verluste wieder zurückerobert. Wozu das führt, ist abzusehen.
Das sind nur zwei Beispiele für die vielen Fallen, die Ihnen die "Angst" stellen kann. Und natürlich trifft das nicht auf jeden Trader zu, es gibt auch Menschen, die brauchen diese Angst. Aber generell ist das ein weit verbreitetes Phänomen. Der erste Schritt zu Lösung ist, zu erkennen, dass man so handelt.