Warum hält sich Öl auf hohem Niveau?
Sven Weisenhaus in Wave Daily zum Thema Rohstoffe
vom 16. November 2011, 13:00 Uhr
ENL5454
Die Märkte werden derzeit von den politischen Unwägbarkeiten der europäischen Schuldenkrise und andauernden Ängsten über das weltweite Wirtschaftswachstum beherrscht. Viele zyklische Rohstoffe wie Kupfer, Nickel oder Aluminium haben sich an das schwache konjunkturelle Umfeld angepasst und deutlich korrigiert. Kupfer liegt etwa 25 % unter seinem Jahreshoch und hatte zeitweise gar um 33 % korrigiert. Nickel notiert rund 40 % unter dem Jahreshoch und Aluminium bei Minus 25 %.
Warum hält sich Öl auf hohem Niveau?
Sowohl die Industriemetalle als auch die beiden Ölsorten Brent und WTI sind zyklische Rohstoffe, die auf konjunkturelle Veränderungen empfindlich reagieren. Doch warum hält sich Öl vor diesem Hintergrund derart stabil?
Der Preis von Brent Crude Oil notiert nur 11 % unter seinen Jahreshöchstständen. Selbst die US-Sorte WTI, die vom hohen Rohölangebot auf dem US-Binnenmarkt belastet wird und im Tief mit Minus 32,5 % ähnlich stark wie die Industriemetalle korrigierte, notiert mit aktuell 13 % nur moderat unter dem Jahreshoch.
Geringes Angebot verantwortlich?
Ein möglicher Grund könnte die Entwicklung der Lagerbestände sein. So zeigten die jüngsten Statistiken der Internationalen Energieagentur IEA, dass die OECD-Öllagerbestände um 25 Millionen Barrels unter den Fünfjahresdurchschnitt gefallen sind. Ein geringes Angebot lässt den Preis bekanntlich steigen.
Saisonalität außer Kraft gesetzt
Bereits am 7. Oktober bin ich im Rahmen der Beantwortung der Frage, ob die "Konjunkturrisiken höher als Inflationsrisiken" sind, auf die Saisonalität bei Öl eingegangen. Demnach geben die Energiepreise insbesondere in den Monaten Oktober und November nach und erreichen meist erst Ende Februar, inmitten der Heizperiode, saisonal betrachtet ihren Tiefpunkt.
Im letzten Jahr war dies zwar nicht der Fall, wohl aber, weil wir uns da noch inmitten einer Boomphase befanden. Aktuell befinden wir uns in der Abschwungphase. Womit lassen sich also die starken Ölpreise erklären?
Stärke durch Trendbruch
Die Stärke der Sorte WTI, die den Preis vom Jahreshoch gesehen von einem deutlichen Minus bis zu 32,5 % auf einen moderaten Abschlag von nur noch -13 % ansteigen ließ, lässt sich zumindest kurzfristig mit charttechnischen Argumenten belegen. So wurde der seit Mai diesen Jahres gültige Abwärtstrend gebrochen, was entsprechendes Potential auslöste.
(Quelle: CFX-Broker) US-Öl WTI, Candlestick-Chart, 1- Stunden-Kerzen
Auch die Nordsee-Sorte Brent konnte ihren Trend brechen, da dieser jedoch deutlich flacher verlief, war auch das Aufwärtspotential begrenzt.
(Quelle: CFX-Broker) Brent-Öl, Candlestick-Chart, 1- Stunden-Kerzen
Durch die jüngste Kurs- bzw. Preisentwicklung hat sich auch der Spread (Preisdifferenz) zwischen den beiden Öl-Sorten merklich eingeengt.
(Quelle: Ariva.de) Vergleich von WTI- vs. Brent-Öl, 5 Jahre
Kursrange des WTI-Ölpreises vorgegeben
Als ich das letzte mal am 14. und 17. Oktober die Ölpreise genauer unter die Lupe nahm, schrieb ich auch über die Erwartungen der OPEC bezüglich des Weltwirtschaftswachstums und der weltweiten Öl-Nachfrage. Eigentlich müssten die Erwartungen beider Zahlen inzwischen erneut deutlich nach unten korrigiert werden.
OPEC revidiert Wachstumserwartungen leicht nach unten
Und tatsächlich revidierte die OPEC die Zahlen in Ihrem November-Report, allerdings nur sehr leicht. Die Prognose für das globale Wachstum wurde für 2012 von 3,7 % auf 3,6 % revidiert. Begründet wird dies mit dem weiterhin hohen Wachstum in den Entwicklungsländern. Hier wurden die Wachstumsraten nicht nach unten hin angepasst. Man erwartet dort also weiterhin stabiles Wachstum.
(Den aktuellen November-Report in englischer Sprache können Sie HIER aufrufen.)
Doch die Ölpreise scheint dies alles nicht zu interessieren. Sie verbleiben oder befinden sich bereits wieder auf recht hohem Niveau. Was sagen die Charts?
Kursrange des WTI-Ölpreises vorgegeben
In der letzten Analyse der Öl-Sorte WTI am 14. Oktober hatte ich mich selbst bereits zitiert mit den Worten: "Der schwarze Trendkanal bildet damit die aktuelle Kursrange, in der sich der Ölpreis nun einige Zeit aufhalten dürfte. Die schwächelnde Wirtschaft und die damit verbundene rückläufige Nachfrage spricht dann für weiter fallende Notierungen."
Das Fazit der Analyse lautete dann: "Ich rechne vor dem Hintergrund, dass der Boden des wirtschaftlichen Abschwungs noch nicht erreicht ist, mit weiter seitwärts bis leicht abwärts tendierenden Kursen."
Trendbruch vorausgesagt
Doch am 17. Oktober ergänzte ich die WTI-Chart-Analyse noch mit einem steilen kurzfristigen Abwärtstrend und wies auf den bevorstehenden Trendbruch entweder des kurzfristigen Abwärtstrends (blaue Trendlinien) oder des längerfristigen Aufwärtstrendkanals (schwarze Trendlinien) hin "in den nächsten Stunden".
Oberseite präferiert
Ich präferierte die Oberseite, da "längerfristige Trends meist mehr Kraft als kurzfristige" haben, "was wiederum FÜR den schwarzen und GEGEN den blauen Trendkanal spricht". Das Ergebnis hatte ich Ihnen gestern bereits gezeigt. Der seit Mai diesen Jahres gültige (blaue) Abwärtstrend wurde gebrochen, was entsprechendes Potential auslöste.
WTI-Öl - Trendlinien formieren sich zum Kreuzwiderstand
Doch das Potential scheint bei einem Blick auf den längerfristigen Chart nun bereist schon wieder begrenzt. Mal abgesehen davon, dass der Kurs an die psychologisch wichtige runde Marke von 100 USD anklopft, befinden sich auf diesem Niveau auch eine ganze Reihe an Trendlinien.
(Quelle: CFX-Broker) US-Öl WTI, Candlestick-Chart, Tageskerzen
Trendlinien formieren sich zum Kreuzwiderstand
Spätestens dort, wo sich die blaue und die schwarze Trendlinie zu einem Kreuzwiderstand formieren, dürfte vorerst Schluss sein mit der aktuell recht dynamischen Aufwärtswelle. Der Ölpreis dürfte sich also tatsächlich, wie schon am 13. September formuliert, noch einige Zeit in dem schwarzen Trendkanal aufhalten.
Kursziel-Spielerei ohne Relevanz
Vielleicht erreicht der Kurs bei einem Rücksetzer ja sogar noch den grünen Kreis im Chart, der noch das Kursziel von 83,41 USD markiert, welches ich bereits in meinem Beitrag am 29. Juni ausgerufen hatte. Dies ist aber nur noch persönliche Spielerei von mir und hat charttechnisch kaum noch Relevanz.
während sich die Sorte WTI bei der letzten Analyse im Oktober im unteren Bereich der Kursrange aufhielt, stieß der Kurs der Sorte Brent-Öl an die obere Begrenzung der durch einen Abwärtstrendkanal vorgegebenen Kursrange. "Da der Kurs recht dynamisch mit einem Anstieg von fast 15% in einem Satz an den Trend heran gelaufen ist", hatte ich die Wahrscheinlichkeit deutlich höher eingeschätzt, "dass es zunächst wieder zu einer Abwärtsbewegung im Abwärtstrend kommen wird." Die Kraft für einen Ausbruch nach oben sollte nicht reichen und einfach langsam ausgehen.
Tatsächlich musste der Kurs seit dem eine ganze Weile unterhalb der Trendbegrenzung konsolidieren, bevor er, wohl auch mithilfe des starken Kursanstiegs des US-Pendants WTI, den Trendkanal verlassen konnte.

(Quelle: CFX-Broker) Brent-Öl, Candlestick-Chart, 1-Stunden-Kerzen
Seitdem ist der Kurs zwei Mal an den Trendkanal zurückgekehrt. Ihm scheint also trotz Konsolidierung weiterhin die Kraft zu fehlen.
Brent-Öl - Kreuzwiderstand formiert sich bei 119 USD
Im langfristigen Chart findet sich hierfür auch eine Begründung. So stieß der Kurs nach dem Ausbruch sogleich an die obere Begrenzung des schwarzen Aufwärtstrendkanals.
(Quelle: CFX-Broker) Brent-Öl, Candlestick-Chart, Tageskerzen
Und auch hier bildet sich mit dieser Trendlinie in Verbindung mit dem Widerstand bei 119 USD, mit dem sich der Kurs schon so lange schwer tut, ein Kreuzwiderstand - genau wie ich es Ihnen gestern für den WTI-Preis aufgezeigt habe. Die volatile Seitwärtsbewegung scheint sich vorerst fortzusetzen.
Ich wünsche Ihnen gute Gewinne
Sven Weisenhaus
ähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Werner Bläsius (16.11. 2011 14:25 Uhr):
Danke, die Bilderberger wollen ja den Mittelstand platt machen durch Hyperinflation und die Staaten kommen dadurch auch von den Schulden frei. Der richtige Start wird erst im März 2012 erfolgen. Aber Öl trifft jeden empfindlich, warum soll man damit nicht jetzt schon beginnen? Grüße Werner Bläsius
Antworten- Antwort von Sven Weisenhaus (19.11. 2011 14:03 Uhr):
Guten Tag, Herr Bläsius! - - - Von solchen Verschwörungstheorien lasse ich mich in der Regel nicht leiten. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus
- Antwort von Sven Weisenhaus (19.11. 2011 14:03 Uhr):
weitere Ausgaben von
Wave Daily
weitere Artikel dieser Ausgabe:
Freitag, 25. Mai 2012
Donnerstag, 24. Mai 2012
Mittwoch, 23. Mai 2012
alle AusgabenBörsenbrief: Taipan
Der Börsenbrief für internationale Trendwerte – Emerging Markets, Nanotechnologie, Biotech, Wasser, Rohstoffe, Sicherheits- und Verteidigungstechnologie
Klicken Sie hier für weitere Informationen zu Börsenbrief: Taipan