Warum das Hedgen ebenfalls zu „fataler Anziehung“ führen kann
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 20. Mai 2010, 12:00 Uhr
ENL5454
Nochmal zum Thema „fatale Anziehungskraft der Knock-Out-Barriere".
Gestern habe ich Ihnen erklärt, warum diese so gefährlich ist. Nun noch eine andere Sichtweise - nämlich die des Emittenten.
Versetzen wir uns einmal in die Lage eines solchen Emittenten. Dieser muss sich für seine verkauften Turbo-Zertifikate absichern, das heißt im Börsenjargon "hedgen" (the hedge = die Absicherung).
Vereinfacht gesagt funktioniert das so: Wenn der Emittent BYD (Elektroauto-Unternehmen) Long-Zertifikate verkauft, dann kauft er am Kassamarkt BYD-Aktien. Und zwar in dem Umfang, dass er neutral positioniert ist.
Wenn die BYD-Aktie steigt, muss er zwar seine BYD Long-Zertifikate für mehr Geld zurücknehmen, aber dafür hat er mit den BYD-Aktien Gewinn gemacht. Und wenn die BYD-Aktie fällt, hat er zwar mit den BYD-Aktien Verluste, muss dafür aber weniger bezahlen, wenn ein Anleger die BYD Long-Zertifikate zurückgibt.
Der Emittent wird bzw. sollte so vorgehen, dass er völlig abgesichert ist, also in Bezug auf den Kurs der BYD-Aktie neutral positioniert ist (auf Börsendeutsch "perfect hedge" genannt).
Das Problem: Sobald die Knock-Out-Barriere erreicht ist, die BYD Long-Zertifikate also verfallen, muss er auch seine Hedgeposition völlig aufgelöst haben. Denn ansonsten könnte der Emittent Verluste erzielen, wenn die BYD-Aktien weiter fallen.
Und jetzt der entscheidende Punkt: Das bedeutet, dass der Emittent seine Hedgeposition (in diesem Fall also die BYD-Aktien) nicht erst dann verkauft, wenn die Knock-Out-Barriere erreicht ist, sondern bereits etwas VORHER.
Diese Verkäufe gehen gestaffelt vor sich (ich habe mit einem Bekannten gesprochen, der für einen Emittenten arbeitet und mir das bestätigt hat), d.h. je näher die Knock-Out-Barriere rückt, desto stärker wird verkauft.
Hier kann es nun zu selbstverstärkenden Effekten kommen: Denn durch die Verkäufe dieser BYD-Aktien kann deren Kurs weiter unter Druck geraten, dann rückt die Knock-Out-Marke noch näher, der Emittent verkauft weitere BYD-Aktien, die Aktie gerät dadurch noch weiter unter Druck ... bis die Knock-Out-Marke erreicht ist.
Das ist die Anziehungskraft der Knock-Out-Marken!
Und nun stellen wir uns folgende Situation vor: Die BYD-Aktie hat sich der Knock-Out-Marke sehr stark genähert ... sie ist vielleicht nur noch 2 Cent von ihr entfernt. Der Emittent hat fast seine gesamte Hedge-Position (d.h. BYD-Aktien) verkauft. Und nun passiert folgendes: Der Kurs der BYD-Aktie stabilisiert sich. Er fällt nicht weiter, sondern klettert sogar einige Cent nach oben.
Aus Sicht des Emittenten bedeutet das: Er müsste sich jetzt umgehend neu absichern, das heißt wieder BYD-Aktien kaufen. Das kostet Geld, und zwar möglicherweise mehr, als der vorige Verkauf erbracht hat. In dieser Situation ist folgende Verlockung groß:
Da die Knock-Out-Marke nur wenige Cent entfernt ist, würde es reichen, mit einem größeren (Leer-)Verkaufsauftrag für BYD-Papiere dafür zu sorgen, dass die Knock-Out-Marke erreicht wird. Dann müsste der Emittent sich nicht neu absichern - und, noch besser: Die BYD Long-Zertifikate wären verfallen. Und zwar wertlos. Das heißt, der Emittent müsste keine Rückzahlung für diese Scheine leisten.
Und an diesem Punkt frage ich Sie: Was meinen Sie, was der Emittent wohl tun wird?
Ich sehe eine große Wahrscheinlichkeit für diesen Fall: Er wird für das Auslösen der Knock-Out-Marke sorgen.
Das gilt nur für Scheine, die bei Erreichen der Knock-Out-Marke WERTLOS verfallen. Denn bei Scheinen, bei denen bei Erreichen der Knock-Out-Marke noch ein Restwert ausbezahlt wird, löst der Emittent seine Hedgeposition auch erst bei Erreichen der Knock-Out-Marke aus (ich berücksichtige diesen Faktor bei meinen Empfehlungen in meinem Börsendienst Rohstoff Signale).
Aus diesem Grund kann ich vor Turbo-Zertifikaten ohne Restwertauszahlung nur warnen, wenn die Knock-Out-Marke sehr nahe gerückt ist.
Diese fatale Anziehungskraft wird umso größer, je näher die Knock-Out-Marke rückt. Bitte denken Sie daran, wenn Sie mit solchen Scheinen traden möchten!
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
Michael Vaupel
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von ME (20.05. 2010 19:16 Uhr):
Ich bin ab nicht an Aktien und der Boerse interessiert und lese hier und da diese Mails aus Neugier. Das was hier erklaert wird zeigt das Ende, den Absturz der Menschheit auf. So grass muss man das beschreiben. Das VIRTUELLE hat die gewinnt die Oberhand ueber die REALITAET! Der Haende Arbeit ist nahezu wertlos geworden, der Boersentrick und das schnelle Geld sind offensichtlich der Trend. Nun die Menschheit lernt offensichtlich doch nicht aus der Geschichte. Wieder ist eine Hochkultur (falls wir das wirklich noch sind) kurz davor sich selbst zu zerstoeren. Wir hedgen, wir traden, wir surfen, usw. und ganz nebenbei geht die Sonne langsam (fuer immer) unter. Es ist hoechste Zeit innezuhalten und sich auf Werte und Inhalte zu besinnen! Viel Glueck Menschheit!
Antworten - Kommentar von Henning (20.05. 2010 22:43 Uhr):
Weniger ein Kommentar als eine Frage: Wie erkenne ich, ob ein zertifikat wertlos oder nicht verfällt? Und danke für die Warnung. J.Henning
Antworten - Kommentar von Opfer (22.05. 2010 11:12 Uhr):
Eine sehr gute Darstellung der Sachverhalte.Hier werden Informationen gegeben, die für den Handel mit ko-Scheinen unbezahlbar sind. Weiter so!
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