Warten auf Godot
Miriam Kraus in Rohstoff Daily
vom 21. Juni 2011, 20:30 Uhr
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Ich hätte zwar auch nicht gedacht, dass ich solches einmal schreiben würde, doch tatsächlich: mit Spannung warte ich heute Abend auf die Abstimmung im griechischen Parlament. Aber seien wir doch ehrlich zu uns. In Wirklichkeit warten wir doch alle nur darauf, dass endlich Beruhigung einkehrt. Oder um es anders zu sagen: der Markt wartet auf seinen ganz persönlichen Godot, der zwar auch nicht eintreffen wird, doch alleine das Warten führt ja schon zum Zeitvertreib.
Na gut, ich lasse mal Samuel Becketts Theaterstück außen vor und sage stattdessen klar, was ich eigentlich sagen will: wir warten schlicht und ergreifend darauf, dass die Häuptlinge alles dafür tun werden, dass wir Griechenland weiter am Tropf halten dürfen, damit das Finanzsystem sich nicht selbst massakriert. Griechenland weiter am Tropf halten zu dürfen löst zwar keine Probleme, verschafft dem Markt aber eine Art illusorischen Zwischenraum, in dem er auf bessere Zeiten hoffen darf. Mir soll's Recht sein...
Warten auf die Griechen
Heute Nacht blickt die Welt auf Athen und hofft, dass das griechische Parlament Häuptling Papandreou sein Vertrauen bekundet. Das ist deshalb wichtig, weil die Griechen nur als Einheit auch die geforderten Sparanstrengungen unternehmen können. Und weil die EU-Häuptlinge zuvor ein Symbol des guten Willens von den Griechen eingefordert haben, bzw. ein einiges und inniges Ja der Griechen zu den Sparanstrengungen, bevor sie die nächste Finanztranche ans Mittelmeer schicken wollen.
Den Häuptlingen zittern die Knie
Allerdings gewinnt man kaum den Eindruck, dass hier tatsächlich die EU oder der IWF diejenigen sind, welche den Joker in der Hand halten. Nach außen mag zwar Druck auf die Griechen ausgeübt werden, doch eigentlich sollte allen Beteiligten im Spiel klar sein, dass die Griechen die nächste Finanztranche so oder so und unbedingt erhalten müssen. Sonst droht die offizielle Pleite, mit allen möglichen Konsequenzen, vor denen man so große Angst hat.
Natürlich wäre es nicht schön, wenn die Griechen Nein zum Sparpaket sagen sollten. Das würde die EU-Häuptlinge in eine überaus peinliche Lage bringen. Aber mal ganz unter uns: was bliebe den Häuptlingen denn anderes übrig, als die Griechen dennoch mit des Steuerzahlers Geld zu versorgen?
Unter diesem Aspekt dürfen wir wohl auch die nun hektisch vorgebrachten weiteren Hilfspläne betrachten, welche Barroso, Schäuble und Co. wohl vor allem deshalb äußern, um den Griechen das Sparpakets- und Papandreou-Ja schmackhaft zu machen.
EU-Kommissions-Häuptling Barroso kann sich zum Beispiel vorstellen, dass die Griechen rund 1 Milliarde Euro aus EU-Töpfen erhalten um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Bundesfinanz-Häuptling Schäuble erkennt in den Griechen gar die Retter der deutschen Energiewende und stellt sich da ein solares Griechenland vor, von dem wir dann fröhlich unseren Strom kaufen.
Na ja, immerhin haben sie gemerkt, dass die Griechen, ohne eine funktionsfähige Wirtschaft, niemals wieder auf die Beine kommen, geschweige denn auch nur einen Cent ihrer Kredite abbezahlen können.
Ob's was bringt?! Wer weiß, schauen wir mal....
Der Markt jedenfalls scheint im Moment Hoffnung zu schöpfen...hoffen wir mal, dass die Griechen heute Nacht nicht zu rebellisch werden. Das könnte den Euro sonst im schwach-volumigen Overnight-Handel ganz schön drücken. Und morgen müssten mindestens Angie und Nic schon in aller Frühe vor die Kameras treten und erklären, weshalb die Griechen trotzdem weiterhin Geld bekommen. ;-)
So long liebe Leser...damit verabschiede ich mich für heute....morgen möchte ich dann mit dem Thema Fremdwährungen weiter machen, genauer gesagt mit dem Schweizer Franken...doch zuvor müssen wir uns noch mit einem wichtigen dazugehörigen Thema auseinander setzen: der Kaufkraftparität....zufällig hat mein Kollege Thomas Kallwass von Diamant FX Portfolio, vor kurzem dazu bereits einen Beitrag verfasst, den ich Ihnen heute im 2.Teil als Gastbeitrag und wichtige Einstimmung auf morgen, ans Herz legen möchte...liebe Grüße und bis morgen...
Ihre Miriam Kraus