"Wall Street Horror Show"
unserem Korrespondenten Eric Fry in Investors Daily
vom 28. Januar 2003 18:00 Uhr
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Die "Wall Street Horror Show" bleibt weiter erfolgreich. Der Ansturm des Publikums ist auch im vierten Jahr so stark, dass jeder Broadway-Produzent vor Neid erblassen würde. Die tragische Story: Der böse Hauptdarsteller, der Markt, verkleidet sich, um als freundlich und wohlwollend zu erscheinen. Die Kleinanleger werden dadurch getäuscht und vertrauen ihm ihre Ersparnisse an. Und dann beginnt der Markt, ihr Vermögen Stück für Stück durch teuflische Mittel zu zerstören, ohne seine Maske abzunehmen. Die Kleinanleger wiederum verdächtigen nicht den Markt ... bis es zu spät ist, bis sich ihre lebenslangen Ersparnisse in Luft aufgelöst haben.
Obwohl die "Wall Street Horror Show" an eine klassische griechische Tragödie erinnert, gibt es Unterschiede. Bei der klassischen griechischen Tragödie gab es immer einen Chor, der die Zuschauer zur Vernunft ermahnte. Nicht so bei der "Wall Street Horror Show": Hier versucht der Wall Street-Chor die ganze Zeit, den Investoren ihre Zweifel zu nehmen, damit sie weiterhin dem Markt blind vertrauen.
In einem Akt des Dramas geht es um eine Minderheit von Investoren, die als "Goldkäfer" bekannt sind. In den ersten Szenen machen sich die Investoren über diese Goldkäfer lustig, weil diese dem Markt nicht vertrauen. Im Laufe des Stückes jedoch wird das Vertrauen der Goldkäfer in das Gold belohnt, wie die anderen Investoren tragischerweise realisieren müssen.
Auch die Entwicklung des Dollarkurses gleicht einer Tragödie. Der Greenback hat letzte Woche jeden Tag an Wert verloren – genaugenommen hat er sogar jeden Tag seit dem 14. Januar an Wert verloren. Der Dollar ging letzte Woche mit 1,08 Dollar pro Euro ins Wochenende, ein Wochenverlust von 1,5 %. Die US-Währung ist laut dem Barron's Magazin "ein Opfer der starken Auslandsinvestitionen in den USA." Kein Wunder, dass das gelbe Metall dafür wie ein Windhund durchstartet. Der Goldpreis zog letzte Woche fast 12 Dollar an – auf ein neues 6-Jahres-Hoch.
Angesichts der Volatilität der Währungs- und Goldmärkte sind die Unternehmensergebnisse etwas in den Hintergrund gerückt. Vielleicht ist das ganz in Ordnung. Schließlich hat es sich kaum gelohnt, diese Ergebnisse näher anzusehen. Fast jede Gesellschaft präsentierte nur maue Gewinne, und die Zukunftsprognosen fielen noch mauer aus. Trotzdem vertrauen die breiten Anlegerschichten immer noch dem Markt. Aber ihr Vertrauen schwindet langsam.
"Der weitverbreitete Mangel an Interesse gegenüber Aktien zeigt sich an den schwachen Umsätzen der Discountbroker und der Aktienfonds, und Umfragen unter Privatanlegern zeigen einen unüblichen Pessimismus", so das Barron's Magazin. "Die Schätzungen der Fonds zeigen, dass seit Jahresbeginn netto Geld aus Aktienfonds abgezogen wurde. Mr. McManus von Bank of America Securities meint dazu, dass es das erste Mal seit 1990 wäre, dass es in einem Januar zu Mittelabflüssen bei Aktienfonds gekommen wäre."
Aber vielleicht sind diese Mittelabflüsse auch nur ein Zeichen für Armut – und nicht ein Zeichen für wachsendes Desinteresse an Aktien. Vielleicht ist der Geist willig, aber das Konto schwach. Nach drei Verlustjahren ist das Kapital der Aktienanleger vielleicht etwas leichter geworden ... und das ist eine Tragödie.