Wahlrallye ertrinkt im Ölpreis
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 18. Oktober 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Und wieder ist es der Ölpreis, der die Märkte belastet und den Dax leicht im Minus hält. Analysten gehen mittlerweile davon aus, dass der amerikanische Sweet Light Crude Future auch noch die 60 Dollar Marke erreichen kann.
Komisch nur, dass die Nordseeölsorte Brent nicht nachkommt. Brent bleibt in seiner kleinen Range zwischen 50 und 52 Dollar. So richtig erfüllt das zwar nicht die Erfordernisse einer Topbildung, andererseits geht im Brent auch die Schwungkraft verloren. Der Crude Future ist, wie gesagt, spekulationsgetrieben.
Die Medien wiederholen litaneiartig immer und immer wieder, dass die Sorge um einen kalten Winter die Ölspekulation anheizt. So langsam gehen den Ölbullen offenbar die Argumente aus – der Winter müsste eigentlich auch schon eingepreist sein. Doch bedeutet dies, dass wir nun das Ende der Ölrally gesehen haben? Es mehren sich zumindest die Anzeichen. Doch wie gesagt, um gegen den Trend zu traden, braucht man Geduld.
Insgesamt kann man sagen, die Wahlrallye ertrinkt im Ölpreis. Das führt zu einigen verwunderten Kommentaren meiner Kollegen, die ich einmal fast kommentarlos wiedergebe. Der erste ist ein Monolog, den ich mir am Freitag Abend anhören musste und nichts könnte die aktuelle Situation besser wiedergeben als diese verhaspelten Sätze:
"Die Börse ist im Moment der totale Wahnsinn. Ja ich weiß, die Börse ist immer der totale Wahnsinn – schließlich ist Wahnsinn an den Börsen Normalität (längere Pause) Aber im Moment ist die Normalität des Börsenwahnsinns einfach wahnsinnig geworden."
Eine weitere Ansicht:
"Da haben so viele Analysten Bush im Vorfeld unterstellt, dass er die Konjunkturdaten fälschen und manipulieren würde und nichts ist geschehen. Die Konjunkturdaten sind so schlecht, dass eins sicher ist: Sie sind nicht manipuliert. Ich frage mich, ob Bush überhaupt die Wahl gewinnen will! Weiß er, was auf ihn zukommt?"
Anm: Der einzige Manipulationsversuch, den ich erkennen konnte, war der über den Ölpreis. (Das ist aber auch schon von anderen US-Präsidenten gemacht wurden) Wie erwartet wurden im September die Vorräte zunächst nicht aufgestockt. Das änderte sich dramatisch, wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Wirbelstürmen und verfehlte somit das Ziel, ein nachhaltig sinkender Ölpreis, vollkommen. Dazu ein weiterer Kommentar:
"Ich frage mich ernsthaft, ob es in den USA oder Amerika Kräfte gibt, die verhindern wollen, dass Bush an die Macht kommt. Anders kann ich mir die aktuelle Ölpreissituation nicht mehr erklären. Vielleicht ist ja auch George Soros (Investmentlegende im Devisenhandel, Fonds Manager und einer der reichsten Männer der Welt) irgendwie darin verwickelt, er will doch mit allen Mitteln verhindern, dass Bush noch einmal Präsident wird."
Anm: Ob das überhaupt funktionieren kann ist fraglich. Die Vehemenz der Wirbelstürme, die Yukos-Krise und andere Faktoren konnte auch Sorros nicht vorhersehen. Im Moment liegt Bush trotz hohem Ölpreis und schlechten Konjunkturdaten vorne – es wäre sicherlich Sorros größte Fehlspekulation gewesen.
Ein letzter Kommentar eines Traderkollegen: "Warum hast Du nicht weiter auf die Seitwärtsbewegung gesetzt (Diese Frage haben einige von Ihnen mir auch in Mails gestellt.) Wie Du doch so richtig das ganze Jahr über dargestellt hast: Eine Seitwärtsbewegung tradet man immer, indem man auf den Fortgang der Seitwärtsbewegung tradet, niemals auf den Bruch."
Diese Anmerkung meines Kollegen ist nicht ganz richtig. Ich hatte immer darauf hingewiesen, dass die Seitwärtsbewegung nur dann nach oben verlassen wird, wenn der Ölpreis fällt. Obwohl man niemals weiß, was wirklich passiert wäre, gehe ich davon aus, dass die Märkte in diesem Fall auch nach oben ausgebrochen wären. Und genau dabei bleibe ich auch jetzt. Wenn der Ölpreis fällt, werden die Märkte nach oben ausbrechen.
Es ist ein interessantes Phänomen: Den Ölpreis hatte in diesem Jahr keiner auf der Rechnung (ich habe ein wenig recherchiert: Tatsächlich keiner! 2003 vor dem Irak-Krieg hatten den viele auf der Rechnung, für 2004 war das schon ganz anders). Und das ist aus antizyklischer Sicht der einzige kleine Hinweis, der auf einen steigenden Ölpreis hingewiesen hat. Aber es hat auch keiner eine Landung von Außerirdischen auf seiner Rechnung, was nicht unbedingt bedeutet, dass diese direkt bevorsteht.
Leider hat hier einmal mehr die alte Börsenweisheit zugeschlagen: An den Börsen kann immer alles passieren, gerade auch das Unerwartete.
Für Sie und mich ist natürlich interessanter, wie man mit dem aktuellen Markt umgeht. Und dazu gibt es eigentlich nur eine Antwort: Positionen absichern und kaufen, sobald der Ölpreis fällt. Tiefere Kurse sind immer auch bessere Einstiegskurse. Erst wenn die großen letzten Bewegungstiefs deutlich und nachhaltig nach unten brechen sollte, kann man sich Sorgen machen. Im Moment muss man vorsichtig sein, sich nicht zu sehr von den Bären anstecken zu lassen, denn sonst wird man zu dem Schaf, das von der Bullenkoppel auf die Bärenkoppel getrieben wird, so jedem Trend hinterherläuft und dabei immer zu spät kommt.