Wahlen im Irak und Katastrophenszenarien
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 28. Januar 2005 18:00 Uhr
ENL5462
An diesem Wochenende finden die Wahlen im Irak statt. Schon im Vorfeld kommt es zu einigen Unsicherheiten unter den Anleger. So habe ich von mehreren Seiten gehört, dass sie Investitionen bis nach der Wahl zurückstellen. Schließlich seien weltweite Anschläge denkbar. Auch könnte die irakische Ölinfrastruktur beeinträchtigt werden, oder Saudi Arabien Ziel von Anschlägen werden. Wer weiß, vielleicht schaffen es die Terroristen auch, in den USA einen Anschlag zu verüben – hört man.
Nein, höchstwahrscheinlich nicht.
Wie immer, wenn die entscheidenden Stellen darauf vorbereitet sind, ist es für Terroristen außerordentlich schwierig, Anschläge zu verüben. Terror braucht den Überraschungsmoment. Es ist eigentlich genau umgekehrt: An solchen Tagen ist es recht unwahrscheinlich, dass ein Anschlag in den USA erfolgt.
Unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich!
An den Börsen beschäftigen wir uns mit Wahrscheinlichkeiten. Aus dieser Sicht ist ein größerer Anschlag an anderen Tagen fast sogar "wahrscheinlicher". Trotzdem ziehen wir unsere Investitionsentscheidungen an anderen Tagen nicht aufgrund eines möglichen Anschlages zurück. Doch die Börse hat nun einmal viel mehr mit Psychologie zu tun als mit Vernunft und so frage ich mich, ob nicht sogar diese Wahl im Irak steigende Kurse in den USA bisher verhindert hat?
Das würde jedoch bedeuten, dass die Kurse nach dieser Wahl steigen, sofern es nicht zu größeren und für die Weltwirtschaft empfindlichen Anschlägen kommt. Wie so oft wird sich die Börse verraten. Achten Sie auf die Zocker: Sollte es heute zum Schluss hin bei den amerikanischen Indizes zu verstärken Käufen, also steigenden Kursen kommen – können Sie davon ausgehen, dass es nach der Wahl zu stärker steigenden Kursen kommt – trotz Zinsentscheidung (sofern nichts Schlimmeres passiert). In diesem Falle sind dann die Zocker wieder unterwegs.
Dazu möchte ich einen kleinen Exkurs in die Tiefe der menschlichen Psyche wagen:
Die Menschheit hatte schon immer die Angewohnheit, sich die unterschiedlichsten Untergangszenarien vorzustellen. So wird seit Tausenden von Jahren in vielen Völkern die baldige Apokalypse vorhergesagt, seit ebenso langer Zeit ist sie nicht eingetreten. Auch wenn manche Zeiten apokalyptischen Beschreibungen schon sehr nahe kamen.
Ich denke, das hat einen ganz einfachen und simplen Hintergrund. Mit diesen "Ahnungen" verarbeitet der Mensch einfach nur seine ureigenste Todesangst – die größte "Katastrophe", die uns allen, jedem einzelnen Menschen, bevorsteht. Je weniger sich ein Mensch mit dem eigenen Tod auseinandersetzt, umso mehr wird er es im "übertragenen Sinne" tun. Statt also die Angst da auszuleben, wo sie hingehört und sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen, werden angstvolle Szenarien entwickelt – diese müssen aus dieser Logik heraus etwas mit "Untergang" zu tun haben. (Es sei mir nachgesehen, dass ich mich so weit in das Gebiet der Psychologie wage.)
Ich schreibe das natürlich nicht ohne Grund. Ich vermute, dass genau dieses Phänomen auch diese perfide Freude an der Beschäftigung mit Horrorszenarien an den Börsen erklärt: Den Zusammenbruch, das Ende, der Untergang des Abendlandes schlechthin.
Glauben Sie nicht, dies sei eine Erfindung neuerer Zeit: Seit dem Zweiten Weltkrieg wird unter anderem in schöner Regelmäßigkeit der totale Zusammenbruch des amerikanischen Finanzsystems vorhergesagt. Eine der letzten Vorhersagen, die eindeutig noch nicht eingetreten ist, war der Zusammenbruch des Euros – da herrschte fast Konsens! Im Moment sieht es sogar eher so aus, als könne der Euro dem Dollar den Rang ablaufen. 1990 wurde der Zusammenbruch des amerikanischen Finanzsystems von vielen namhaften Börsenanalysten vorhergesagt. Darauf folgten zehn der besten Börsenjahre! Am lautesten schrie die Meute der Untergangspropheten im September 2002. Dem eigentlichen Tiefpunkt des Crashs. Danach stiegen die Börsen dramatisch.
Das wirklich Schlimme dabei ist: Wir werden wahrscheinlich nie genau wissen, wann wir vor dem Untergang des Abendlandes stehen. Es wird uns aber mit hoher Wahrscheinlichkeit dann treffen, wenn keiner damit rechnet. So war es 1929, 1987 und so war es 2000. Der "wirkliche Untergang" des amerikanischen und damit globalen Finanzsystems kann uns in den nächsten Jahren blühen, es kann aber noch weitere 60 Jahre dauern. Damit ist es wie mit dem eigenen Tod, der jeden von uns morgen treffen, aber auch noch Jahrzehnte auf sich warten lassen kann.
Dieses Wissen kann mir die Freude an meinem Leben nehmen, aber es kann mich auch dazu veranlassen, jeden Tag sehr intensiv zu genießen. An den Börsen müssen Sie investieren – auf steigende, wie fallende Kurse. Genießen Sie es, und denken Sie nicht darüber nach, dass ALLES irgendwann ein Ende findet.
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