Wachstumsmärkte: "BRIC" und die Grenzen
Martin Hutchinson (US-Korrespondent) in Investoren Wissen
vom 19. März 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Wachstumsmärkte: Ein weiterer "BRIC" stößt an seine Grenzen ...
(Anmerkung des Übersetzers:
Englisches Wortspiel: BRIC-Staaten - "Brick" = Mauerziegelstein)
Liebe Leser,
Die Goldmann Sachs Gruppe prägte den Ausdruck "BRICs" im Jahre 2003, um Brasilien, Russland, Indien und China zusammenzufassen.
Diese Gruppe von vier Ländern sollte das enorme Potential der Wachstumsmärkte repräsentieren und ihre Bevölkerungen sollten das meiste Wachstum auf der Welt in den bevorstehenden Jahrzehnten schaffen. Ein oder zwei Jahre lang schien die Theorie von Goldman zu funktionieren und das Akronym "BRIC" wurde ungemein modisch.
Aber nun, da der globale Abwärtstrend zugeschlagen hat, haben die vier Länder unterschiedliche Pfade eingeschlagen und es ist nicht länger klar, welche Eigenschaften sie immernoch gemeinsam haben. Tatsächlich warfen meine Kollegen und ich einige dieser Bedenken in einer zweiteiligen Serie auf, die schon vor Monaten lief - gerade noch bevor der Abwärtstrend Krisenausmaße annahm oder Analysten begannen, das BRIC-Konzept in Frage zu stellen.
So lassen Sie uns die vier Länder besuchen, einen Blick auf jedes einzelne werfen und uns unser eigenes Bild davon machen, ob das BRIC-Konzept immer noch irgendeine Bedeutung hat.
Brasiliens Wachstumsmarkt - Eine ökonomische Erfolgsgeschichte
Brasiliens Wachstumsmarkt ist eine der wahren ökonomischen Erfolgsgeschichten der letzten sechs Jahre. Im Jahr 2003, man hatte gerade einen sozialistischen Präsidenten gewählt und schien nahe am üblichen Standard zu sein, war seine Mitgliedschaft in der BRIC-Gruppe in hohem Maße vorläufig.
Aber der Rohstoff-Boom von 2004 bis 2008 war äußerst segensreich für Brasilien. Die Regierung des Landes arbeitete hart, um das Haushaltsdefizit zu verringern, während die Zentralbank die Zinssätze weit oberhalb der Inflationsrate hielt. Folgerichtig war die Zentralbank, als die Rohstoff-Blase Mitte 2008 zerplatzte, in der Lage, die Inlandsnachfrage weiter wachsen zu lassen, indem sie ihre Zinspolitik lockerte.
Brasiliens Wirtschaft - gemessen am Bruttoinlandsprodukt (GDP = Gross Domestic Product) - eilte mit einem Jahres-Tempo von 5,3% in 2008 weiter. Das Prognose-Gremium von The Economist erwartet, dass Brasilien dieses Jahr nur mit einem 1,6%-Schritt wächst, aber das ist viel besser als meistens anderenorts. Seine Inflationsrate beträgt 6% - zu hoch, aber sie vermeidet zumindest Deflation.
Brasiliens kurzfristige Zinsen bleiben angemessen restriktiv bei 12,5 %, und sein Aktienmarkt verlor dieses Jahr nur 4%, was besser ist als das, was Investoren über die Wall Street sagen können.
Brasilien bleibt eine erfolgreiche Entwicklungsgeschichte, wiewohl mit einer moderaten (und nachhaltigen) Wachstumsrate. Darüber hinaus hat seine Ölgesellschaft, Petroleo Brasieiro SA (Petrobras) enorme Erdölreserven im Meer entdeckt. Die Produktion aus diesen Ölfeldern wird für 2012 erwartet. Es scheint wahrscheinlich, dass dies Brasilien zu einem der Haupt-Erdöl-Exporteure der Welt machen wird.
Wann immer jemand eine Liste der großen Wachstumswirtschaften der Welt zusammenstellt, ist Brasilien - unabhängig davon, welche Parameter verwendet werden - so gut wie sicher dabei. Unglücklicherweise haben sich einige der anderen BRIC-Nationen nicht so gut geschlagen.
Russlands Wachstumsmarkt: Einem Senkrechtstarter geht die Puste aus
Während Brasilien sich als Erfolgsgeschichte entpuppt hat, zeigte Russlands Wachstumsmarkt früh Verheißung, die aber einer etwas düsteren Realität gewichen ist.
Tatsächlich hat sich Russland, seit das Goldman-Papier 2003 geschrieben wurde, von einem erfolgreichen Wachstumsmarkt in eine korrupte Bereicherungsherrschaft ohne Gesetzesnormen verwandelt, die nur von Erdölexporten gestützt wird.
Nun, da die Ölpreise gefallen sind, ist Russland in Schwierigkeiten. Die Verbraucherpreise steigen in einem 14%-Tempo laut den frisierten offiziellen Daten, seine Währung kollabiert - um ein Drittel im vergangenen Jahr - und die Aktienkurse sind um 80% gefallen seit ihrem Hoch im vergangenen Frühling. Selbst Russlands Bevölkerung verringert sich.
Das Endresultat: Russland ist weder Wachstum noch Markt.
Solange sich nicht die Ölpreise schleunigst erholen, oder sich das Land einer plötzlichen Hinwendung zu sicheren Eigentumsrechten unterzieht, scheint es dazu bestimmt zu sein, verarmt zu bleiben und seine ökonomische Kraft in militärisches Abenteurertum umgeleitet zu bekommen. Es sollte auf niemandes Liste von Wachstumsmöglichkeiten stehen.
Indiens Wirtschafts-Maschine: Politische Untauglichkeit stumpft Wachstum ab
Indien schnitt gut ab von 2004 bis 2008, was weitgehend den Reformen zu verdanken war, die von der Regierung der Bharantiya Janata Partei (BJP) von Atal Bihari Vajpayee von 1998 bis 2004 durchgeführt wurden. Die derzeitige, von der indischen nationalen Kongress-Partei dominierte, Regierung hat jedoch so gut wie keine weiteren Reformen durchgeführt, und die indische Wachstumsmaschine zeigt klare Zeichen des Auslaufens.
Während man für 2009 noch ein Wachstum in der Größenordnung von 5 % erwartet, gehen die Schätzungen für das zusammengefasste Haushaltsdefizit bis in Bereiche von 12% des Bruttoinlandsprodukts. Indien ist nicht China: Es verfügt nicht über die riesigen Fremdwährungsreserven, um ein derartiges Defizit zu finanzieren. Folglich erwägen die Rating-Agenturen, Indiens Verbindlichkeiten auf "Junk"-Status herabzustufen.
Davon ausgehend, dass Indien wohl in diese Finanzierungsschwierigkeiten kommt, muss man es als wahrscheinlich ansehen, dass das Wachstum wieder einmal durch den Mangel an Fremdwährungen vereitelt werden wird, so dass Indien zur traditionellen "Hindu-Wachstumsrate" von 3 bis 4% zurückkehrt - eine Wachstumsrate, die in keiner Weise in der Nähe dessen ist, was nötig ist, um die schnell wachsende Bevölkerung aus der Armut herauszuholen.
Die nächsten Wahlen werden im Frühling stattfinden, aber es scheint unwahrscheinlich, dass die BJP eine Regierungsmehrheit gewinnen wird (Vajpayee hat sich sowieso zurückgezogen) - in dem Fall wird die Regierung der zu hohen Ausgaben und des Widerstandes gegen Reformen der letzten fünf Jahre fortgesetzt werden.
Indien würde dann ein enorm frustrierendes Mysterium bleiben, ein Land mit riesigen Wachstums-Möglichkeiten, das durch eine korrupte und inkompetente Regierung gefesselt ist.
China - der entstehende asiatische Riese des Weltwachstums
Mein Kollege Keith Fitz-Gerald glaubt, dass China der Hauptmotor des Weltwachstums ist und diese Rolle wahrscheinlich anhalten wird - trotz der derzeitigen Schwierigkeiten, denen sich der entstehende asiatische Riese anscheinend ausgesetzt sieht.
Chinas Regierung hat ein enormes Konjunkturprogramm von mehr als 600 Milliarden US-$ versprochen, weit größer im Verhältnis zur chinesischen Wirtschaft als das vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama vorgeschlagene Gegenstück der USA.
Jedoch mit ungefähr 2 Billionen US-$ an ausländischen Währungsreserven, riesigen inländischen Sparguthaben und einem nahezu ausgeglichenen Haushalt scheint es wahrscheinlich, dass China sich seinen Anschub leisten kann. Durch das Vergrößern der Inlandsnachfrage könnte dieses Stimulans das Land aus der Rezession ziehen, ohne schwerwiegende Finanzierungsschwierigkeiten zu verursachen.
Das bereits erwähnte Economist-Gremium erwartet, dass China dieses Jahr mit einem Tempo von 6% wächst, aber dieser Wert mag zurückhaltend sein. Chinas Aktien sind immer noch 60% unterhalb ihres Höchststandes, aber sie sind dieses Jahr um 20% gestiegen und sehen auf diesem Niveau attraktiv aus.
Demnach ist die BRIC-Gruppe der neuen Wachstums-Wirtschaften im Wesentlichen zu einem großen 'C' geworden, mit einem mäßigen, hinterher gezogenen 'B'. Es gibt etwas die Möglichkeit, dass ein 'I' wieder Teil unseres Gruppen-Akronyms wird, aber es gibt offensichtlich derzeit keine Hoffnung für 'R'.
In der Tat, wenn es um die BRICs geht, gibt es nur eine erreichbare Schlussfolgerung: Das Akronym ist zerbrochen und ist an seine Grenzen gestoßen.
Erfolgreiches Anlegen,
Martin Hutchinson
KOMMENTAR ZUM ARTIKEL VON HERR HUTCHINSON:
Ich stimme Herr Hutchinson in seiner Gesamtbewertung hinsichtlich "BRIC" zu. Auch ich halte das Akronym für zerbrochen und sehe die einzelnen Vertreter dieser Gruppe ähnlich.
Ein Punkt, in dem ich jedoch eine leicht andere Meinung als Herr Hutchinson vertrete ist z.B. Russland. Während vor ein paar Jahren dieses Land noch massiv gefeiert wurde, warnten damals schon verschiedene, vorausschauende Investmentgrößen davor, dass es sich hier nicht um einen nachhaltigen Boom handele (mit ähnlicher und großteils noch ausführlicherer Begründung wie im obigen Artikel). Die Masse feierte jedoch Russland weiter, als sei alles bestens.
Ich habe Russland als "große Wachstumsstory" stets skeptisch gesehen und kann daher auch nicht ganz nachvollziehen, warum Herr Hutchinson z.B. von "Verheißung" spricht.
Natürlich gab es dort auch Wachstum in einigen Bereichen, aber von der Nachhaltigkeit her ist dies wohl kaum mit China oder Brasilien zu vergleichen gewesen.
Solche Punkte sind aber eher kleinere Details und für die eigentliche Botschaft des Artikels sekundär. Die Quintessenz des Artikels halte ich somit für stimmig und richtig (wenn ich auch darauf hinweisen möchte, dass China durchaus auch seine wirtschaftlichen Probleme hat).
Beste Grüße
Alexander Hahn