VW:Hat die Deutsche Börse zu spät reagiert?
Andreas Wolf in DAX Daily zum Thema Dax 30
vom 3. November 2008, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
Mit Beginn des heutigen Handels bleibt nach einer Entscheidung des Arbeitskreises Aktienindizes der Deutsche Börse das Gewicht der VW-Aktie im DAX auf 10 Prozent begrenzt. Im Gegenzug werden alle übrigen 29 DAX-Werte schwerer gewichtet, den höchsten Zuwachs verzeichnen mit jeweils einem Plus von knapp 0,7 Prozent E.ON und Siemens. Zusätzlich tritt heute eine Ergänzung des Regelwerks in Kraft. Demnach kann künftig ein Titel aus dem Index umgehend entfernt werden, wenn sein Indexgewicht 10 Prozent und die 30-Tage Volatilität 250 Prozent überschreitet.
Die Deutsche Börse reagiert mit dieser Maßnahme auf die überaus starke Zunahme der Schwankungsbreite der VW-Aktie und deren unmittelbaren Auswirkung auf den DAX. Der Anstieg der Papiere bis auf knapp 1.000 Euro Mitte der vergangenen Woche führte zu einem zeitweiligem Gewicht der Aktie im Index von 30 Prozent, normale Marktverhältnisse sehen anders aus. Die Deutsche Börse geriet wegen der nach Meinung vieler Marktbeobachter zu späten Reaktion auf die außergewöhnlichen Bewegungen heftig unter Beschuss. Insbesondere die Boulevardmedien verglichen in ihrer fundierten Kenntniss der Sachlage die Verhältnisse an der Börse mit denen eines Kasinos. Nicht nur, dass diese Kritik von der Unkenntnis seiner Urheber zeugt, auch die damit verbundenen Schlussfolgerungen wie eine stärke Regulierung der Preisbildung und der Einschränkung der Spekulationsmöglichkeiten gehen am Thema vorbei. Das Regulierungswerk der Deutschen Börse ist im weltweiten Vergleich bereits besonders detalliert, weitere Einschränkungen als die darin vorgesehenen bedarf es wahrlich nicht.
Inwieweit für die handelnden Protagonisten im Dunstkreis der Börse bereits früher als in der vergangenen Woche absehbar war, dass ein Eingreifen nötig werden würde, lässt sich nur schwer beurteilen. Tatsache ist jedoch, dass jeder unnötige regulatorische Eingriff in die bewährten Marktmechanismen erst den Vertrauensschaden bei den aktiven Marktteilnehmern verursacht, der im Nachhinein so lauthals gefordert worden ist. Am Preisbildungsprozess der Aktienkurse hat der Kleinanleger schon lange kaum noch Anteil, bestimmt werden die Kurse von den größeren Fonds, die ihre Geschäfte zudem meistens von den USA oder England aus machen. Deutlich sichtbar ist dies an Feiertagen in den entsprechenden Ländern, ein deutlicher Umsatzabfall macht sich dann bemerkbar.
Die grundlegende Frage die hinter der Entwicklung der VW-Aktie steckt wäre also, wie der Anteil der kleineren Aktionäre am Aktienbesitz insgesamt wieder soweit erhöht werden kann, dass eine breitere Verteilung des Aktienvermögens geordnetere Kursbewegungen möglich macht. Auf diese Baustelle hat die Deutsche Börse so gut wie keinen Einfluss, hier richtet sich der Blick zu den politisch Verantwortlichen nach Berlin. Wenn die dortige Elite zum größten Teil schon selbst nicht mehr in der Lage ist, den Stellenwert des Aktienmarktes für die gesamte Bevölkerung richtig einzuordnen (Stichwort: Kasino), darf sie sich über die zunehmende Skepsis gegenüber dem Modell Soziale Marktwirtschaft nicht beklagen.
