Vorwarnung
unserem Korrespondenten Eric Fry in Manhattan in Investors Daily
vom 27. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Vater Greenspan hat am Mittwoch in den Hallen des US-Kongresses eine inspirierende Moralpredigt gehalten. Er forderte eine makellose Wirtschaft, er pries deren zahlreiche Stärken, während er ihre entschuldbaren Sünden wie die anhaltend unbefriedigende Lage am Arbeitsmarkt ignorierte ...
Er warnte allerdings vor dem Bösen in Form von großen Haushaltsdefiziten. "Wie Sie alle wissen", so Greenspan, "hat sich beim Staatshaushalt nach einer kurzen Periode der Überschüsse gegen Ende des Jahrtausends wieder ein Defizit eingestellt ... Eine Zeitlang war die fiskalische Stimulierung, die die größeren Defizite brachten, hilfreich, um die schwache Wirtschaft anzukurbeln", so der Fed-Vorsitzende. Aber die Defizite müssten wieder sinken
"Heute haben Pläne, die die zukünftigen Defizite verringern würden, nur schwache Unterstützung", bemerkte er, "und viele Analysten machen sich zunehmend Sorgen darüber, dass sich ( ...) die politische Hinwendung zu den roten Zahlen wieder einmal zementieren wird."
Amen!
Aber Greenspan verweilte nicht lange bei den negativen Punkten. Er kam in den US-Kongress, um eine Botschaft des Siegs und der Hoffnung zu vermitteln. Er verkündete: "Die US-Wirtschaft scheint den Wechsel von einer Periode des unterdurchschnittlichen Wachstums hin zu einer Periode mit kräftigerem Wachstum geschafft zu haben. Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs in der zweiten Jahreshälfte des letzten Jahres stark, angefeuert durch den bedeutenden Ausgabenzuwachs der privaten Haushalte, die starken Investitionen der Unternehmen und dem starken Rebound bei den Exporten ... insgesamt hat die Wirtschaft zuletzt beeindruckende Zuwächse beim Output und bei den realen Einkommen produziert, obwohl die Erfolge bei der Schaffung von Arbeitsplätzen begrenzt waren. Die jüngsten Indikatoren zeigen, dass die Wirtschaft im Jahr 2004 einen starken Start hatte, und die Aussichten dafür, dass die Expansion in der Periode vor uns nachhaltig sein wird, sind gut."
Diese frohe Botschaft von Greenspan ließ auch den Dollar weiter steigen, der bereits wegen Gerüchten über eine mögliche Zinssenkung der Europäischen Zentralbank schon auf dem Vormarsch war. Ich wäre nicht überrascht, wenn die derzeitige Dollar-Erholung noch ein bisschen weiterlaufen würde ... aber diese göttliche Inspiration des Dollars ist bestenfalls temporär.
Die Erholung des Dollars geht übrigens Hand in Hand mit einer Abschwächung beim Goldpreis. Der Goldpreis notiert derzeit signifikant unter 395 Dollar.
In einer Welt ohne Makel, in der makroökonomische Ungleichgewichte nicht zählen, da ist Gold irrelevant. Wenn es keine Dämonen, böse Geister oder bevorstehende finanzielle Desaster gibt, warum sollte man sich dann mit einem Relikt wie Gold abgeben ... besonders dann, wenn die Relikte bei der Fed darauf bestehen, dass die Inflation nicht existiert?
Ungeachtet der Unfähigkeit Greenspans, inflationären Druck in der Wirtschaft zu bemerken, habe ich sehr wohl etwas entdeckt, das zu Druck auf die Inflationsrate führen könnte. Der Erdölpreis (für Lieferung im April) ist auf rund 35,70 Dollar gestiegen – den höchsten Stand seit fast einem Jahr.
Und ein bisschen Inflation scheint es auch bei den Halbleiter-Aktien zu geben. Ein amerikanischer Halbleiteraktien-Fonds (Reuterskürzel: SMH) hat sich in den letzten 12 Monaten verdoppelt, am Mittwoch ging es weitere 1,5 % aufwärts. Aber potenzielle Käufer dieses Fonds sollten wissen, dass sich darin eine Menge heiße Luft befindet. Das durchschnittliche KGV der 10 größten Positionen liegt bei heftigen 82,4. Und der Options-Profi Jay Shartsis hat Folgendes beobachtet: "Die Unternehmensinsider bei diesen 10 Firmen haben in den letzten 6 Monaten insgesamt 239 Mal Aktien ihres eigenen Unternehmens verkauft, und nur 3 Mal gekauft ... aber das scheint die Analysten der Wall Street nicht zu kümmern, denn 51,2 % der Empfehlungen für diesen Fonds lauten "Kaufen", und nur 6 % empfehlen den Verkauf (ich nehme an, dass der Rest ein "Halten" empfiehlt).
Die Wall Street liebt solche Aktien. Betrachten Sie dies als Vorwarnung.