Vorhersagen, Vermutungen und Phantasieprodukte für 2008
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 07. Januar 2008 07:30 Uhr
ENL5454
Sagt mir nicht, wann ich sterben werde, sagt Woody Allen. Sagt mir nur wo… dann werde ich den Ort meiden.
Im Jahr des Herren 2008 wird es viele Orte geben, an denen das Geld der Anleger sterben wird.
Natürlich würde ich, wenn ich wirklich wüsste, wo gestorben wird, nicht diese Kolumne schreiben. Es ist dem Menschen nicht vergönnt, sein Schicksal zu kennen. Nicht einmal das Schicksal seines Geldes kennt er.
Aber es ist die Zeit des Jahres, in der der Finanzkolumnist seine wohlverdiente Bescheidenheit zugunsten einer dreisten Unbescheidenheit fallen lässt. Er reckt den Hals… und bietet den Lesern einen Ausblick auf die finanziellen Todesanzeigen des folgenden Jahres.
Aber ich will zuvor noch einen mildernden Umstand anbringen: Die Bedeutung eines Ereignisses ist nicht nur seine Wahrscheinlichkeit… sondern die Wahrscheinlichkeit multipliziert mit den Folgen. So ist es beispielsweise keine gute Idee, sich heftig zu betrinken und dann die US Interstate 95 nach Miami hinunterzufahren. Höchstwahrscheinlich wird man dort so oder so ankommen… aber die Folgen, wenn man falsch liegt, führen dazu, dass es eine schlechte Wahl ist.
Genauso ist es möglich, dass wir ein weiteres Jahr steigender Wertpapierpreise, einer starken Währung und eines weiteren Booms bei den Hauspreisen haben… sowie einer gesunden und wachsenden Wirtschaft. Aber es gibt Zeiten – wie z.B. nachdem man zu tief in das Glas der Liquidität geguckt hat – in denen das Wetten auf die Preise von Anlagewerten und auf Wohlstand eine schlechte Wette ist, das Risiko eines Einbruchs ist dann einfach zu groß, als dass man es einfach ignorieren könnte.
Also wollen wir uns wieder meinen Vermutungen zuwenden. Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass sie einem Muster folgen. Ich glaube, dass die Finanzwelt zwischen zwei mehr oder weniger gleichstarken und entgegengesetzten Kräften steht. Auf der einen Seite steht die unbezwingbare Kraft der Inflation. Auf der anderen Seite die unbewegliche Deflation. Zentralbanker sind eifrig bemüht, die Preise auf der einen Seite weiter steigen zu lassen, und auf der anderen Seite steht Mr. Market und hat seine eigenen Pläne. Die Party ist noch nicht vorbei, sagt der Markt. Nein, hier ist noch etwas Bowle, sagen die Zentralbanken.
Und um die Sache noch schwieriger zu machen, steht zwischen der These der Inflation und der Antithese der Rezession die Synthese der Stagflation. Ich weiß zwar nicht was passiert, aber mit diesen allgegenwärtigen „-flations“, wird irgendetwas wohl in die Luft gehen müssen. Die Vorhersagen die folgen, sind einfach nur eine Möglichkeit, sich Schutz zu suchen.
Um konkreter zu werden, gehe ich davon aus, dass das eine bessere Zeit sein wird, Aktien zu verkaufen, als sie zu kaufen. Die amerikanische Wirtschaft ist von zwei großen Industriezweigen abhängig – und beide sind durch ein „-flation“ bedroht.
Die Mühen und die Not der Finanzindustrie sind wohlbekannt. Dazu muss nicht mehr gesagt werden. Aber die Anlagepreise hängen von den Finanzen ab. Die Wall Street nimmt Geld von Leuten, die es verdienen, überall auf der Welt und lässt es in die Preise der Anlagewerte fließen. Wenn die Kredite schrumpfen, dann fallen die Preise der Anlagewerte.
Ein weiterer wichtiger Faktor zum Chaos bei den Aktienpreisen ist die Immobilienindustrie. Die Preise der Häuser werden nicht steigen; sie fallen. Und in Amerika bringen die fallenden Hauspreise die Hausbesitzer in die Klemme… und reduzieren die Verbraucherausgaben. Wenn die Verbraucher kein Geld ausgeben, dann verdienen die Unternehmen nicht mehr so viel Geld. Fallende Einkünfte produzieren bei ansonsten gleichen Umständen einen fallenden Aktienkurs und einen wirtschaftlichen Einbruch.
Ich habe bereits die Katze aus dem Sack gelassen, soweit es die Hauspreise betrifft. Es gibt zwei Dinge, auf die man sich verlassen kann: Sowohl die Hauspreise als auch die Unternehmenseinkünfte werden auf einen Mittelwert zurückkehren.
Die Hauspreise kehren immer auf ein Preisniveau zurück, das die Leute bezahlen können.
Und außerordentliche Unternehmenseinkünfte werden immer durch den Wettbewerb zermürbt.
Und auch der Dollar wird sowohl von der Inflation als auch von der Deflation bedroht. Ich habe dazu nicht etwa unmittelbare oder neue Informationen, aber wenn ich eine Lebensversicherungspolice für den Dollar ausstellen müsste, dann würde ich eine gründliche ärztliche Untersuchung verlangen.
Die Inflation schränkt den Wert der grünen Scheinchen unmittelbar ein. Produkte kosten mehr, wenn sie in Dollar ausgezeichnet werden. Auch die Deflation tut weh. Wenn man die Preise der Anlagewerte senkt und die Verbraucherausgaben einschränkt, dann schlägt die Inflation unter die Gürtellinie.
Die Wirtschaft bricht zusammen… und der Dollar fällt.
Warum? Weil die Dollarhändler sowieso sehen wollen, wie der Dollar diesen Kampf verliert. Wenn die Deflation droht, senken sie die Zinssätze… und machen den Dollar für die ausländischen (und da wir gerade dabei sind, auch die heimischen) Besitzer noch unattraktiver.
Die Zentralbank betreibt, zusammen mit der Bank of England und der EZB die Pumpen – und versucht den inflationären Boom in Gang zu halten, indem sie den Wert der eigenen Währungen senkt.
Ich habe wenig Vertrauen in die Heilkraft des zentralen Bankenwesens, aber wenn es darum geht, den Patienten umzubringen, dann kann jeder Quacksalber die Sache erledigen.
Aber wenn der Dollar fallen soll, wogegen wird er dann fallen? Ach, das ist eine gute Frage. Gegenüber den Rohstoffen? Vielleicht. Gegenüber Immobilien und Aktien… wie ich bereits sagte, vermutlich nicht. Gegenüber dem Pfund oder dem Euro? Das kann ich nicht sagen, sie sind alle im Durcheinander. Gegenüber Gold?
Damals, im Januar 2001, habe ich meinen Trade des Jahrzehnts verkündet – Aktien verkaufen/ Gold kaufen.
Zu dieser Zeit hatte das Verhältnis zwischen den Aktienkursen und Gold eben erst den absoluten Höchstwert überschritten, bei dem 44 Unzen den Dow Index kaufen konnten. Gold ist fast nie weniger wert gewesen und die Aktien kaum je mehr. Zwanzig Jahre zuvor hatte das Verhältnis noch bei eins zu eins gelegen.
Seit Januar 2001 ist das Verhältnis von Aktien zu Gold auf die Hälfte gefallen. Nicht weil die Aktien gefallen sind, sondern weil Gold gestiegen ist. Der Trade war gut.
Wird es auch im folgenden Jahr noch ein guter Trade sein? Auch das kann ich nicht sagen. Aber da ich rate, rate ich, dass in diesem Trade noch mehr Saft steckt. Gold befindet sich ganz eindeutig in einem Bullenmarkt.
Wenn die Kraft der Inflation auch weiterhin vorherrscht, dann ist es unmöglich, dass der Bullenmarkt zu Ende geht und die Preise kaum höher sind als auf dem Gipfel, der vor 27 Jahren gesetzt wurde. Und wenn Gold nicht nach oben klettern wird, dann wird der Grund dafür sein, dass die Kraft der Deflation die Oberhand hat, und das wird fast mit Sicherheit geringere Aktienkurse bedeuten.
Ganz egal, was auch passiert, der Trade des Jahrzehnts scheint immer noch gut zu sein. Wie bei einer guten Ehe oder in einem schlechten Film, werde ich damit weitermachen, nur um zu sehen, wie es ausgeht.