"Vorbild" Japan
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 13. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Es ist schwer, sich derzeit für den Akienmarkt zu begeistern. Die Tage der Halluzination – als die Investoren dachten, dass sie durch Neuemissionen, Technologie- und "dotcom"-Aktien reich werden könnten – sind vorbei.
Jetzt denken die Investoren, dass sie langfristig mit Aktien immer noch reich werden können. Die Illusion des Tages ist es, dass die Aktienkurse langfristig immer steigen. Das kann genau so falsch sein wie die Spekulationsblasen-Manie ... aber es macht auf jeden Fall weniger Spaß, diese Illusion zu beobachten.
Die Konsensmeinung an der Wall Street ist, dass die Aktienkurse dieses Jahr um 7 % steigen werden. Wie kommen die auf diese Zahl? Wenn ich diese Leute nur vor mir sehen könnte, damit ich ihnen ins Gesicht lachten könnte! Sie wissen schließlich nicht mehr als jeder andere, was die Aktienkurse tun werden. Das bedeutet, dass sie überhaupt nicht wissen, was die Kurse tun werden.
Ich habe schon vor langer Zeit meine Hände gehoben und bedingungslos vor der Ignoranz kapituliert. Der Markt wird das tun, was er tun will ... ohne uns zu konsultieren, nach unserer Meinung zu fragen oder vorher zu warnen.
Weil ich nicht weiß, was der Markt tun wird, habe ich eine Philosophie entwickelt, die Ignoranz-freundlich ist. Langfristige Investor's Daily-Leser(innen) wissen, dass ich nicht perfekt sein will ... sondern nur das Richtige tun will. Ich mache mir auch nicht die Sorge, Investments zu suchen, die im Preis steigen werden ... ich versuche nur, Investments zu finden, die so tief gefallen sind, dass es keinen Raum mehr für weitere Verluste gibt.
Und die Aktien, die im S&P 500 enthalten sind, haben noch sehr viel Raum für weitere Verluste – denn das durchschnittliche KGV liegt bei ca. 33. Und wenn man sich Japan ansieht, dann sieht man, dass die Reise vom Top bis zum Boden überraschend lange dauern kann. In Japan begannen die Investoren vor 13 Jahren, Geld zu verlieren. Bis heue hat sich daran nichts geändert.
Kaum jemand beachtet Japan noch. Das ist schade, denn wenn man in den letzten 10 Jahren die Zukunft der amerikanischen Finanzzukunft voraussagen wollte, dann musste man sich nur Japan ansehen. Aber selbst wenn die Leute nach Japan geschaut haben, dann haben sie nicht verstanden, was sie da gesehen haben.
"Gefangen wie Japan", so beginnt ein Artikel von CNN/Money. Die Falle ist die "Liquiditätsfalle", was bedeutet, dass die Leute aufhören, Geld auszugeben oder zu investieren. Wenn die Leute so ängstlich werden, dass sie ihr Geld nicht mehr aus der Hand geben, dann muss ich Ihnen, liebe(r) Leser(in), nicht sagen, dass das schlechte News für Unsterblichkeit suchende Zentralbanker und für Präsidenten, die wiedergewählt werden wollen, sind.
Aber laut CNN/Money muss man sich darüber keine Sorgen machen. Das sei ein leicht zu lösendes Problem. Die vorgeschlagene Lösung: "Man druckt Geld, bis es wieder eine Inflaion gibt. Für die Sparer bedeutet das, dass ihr ersparters Geld weniger wert wird – weshalb sie es lieber ausgeben. Für die Schuldner bedeutet das, dass ihre heutigen Schulden morgen real weniger wert sein werden – deshalb machen sie sich weniger Sorgen um ihre Bilanzen, und auch sie geben wieder mehr aus."
Wenn es wirklich so einfach wäre, warum ist Japan dann seit 10 Jahren nicht aus der Liquiditätsfalle herausgekommen? Warum gibt es in Japan derzeit keine Inflation?
Ich weiß es nicht, und ich bin mir nicht zu schade, zu sagen, dass ich es nicht weiß. Aber die meisten Analysten geben vor, die Antworten zu wissen. Wer weiß, vielleicht haben sie ja auch Recht und die Aktienkurse werden dieses Jahr wie von ihnen prognostiziert um 7 % steigen. Und vielleicht funktioniert dieselbe Wirtschaftspolitik, die in Japan gescheitert ist, ja in den USA.
Allerdings vielleicht auch nicht ...