Vorbild Japan
Bill Bonner in Investors Daily
vom 01. Juli 2005 18:00 Uhr
ENL5462
Spekulationsblasen gibt es immer wieder. In den 1980ern gab es eine japanische Spekulationsblase. Japan wurde weltweit zum Vorbild.
Die amerikanische Verehrung für Japan wurde durch Furcht, Abscheu und Neid verunreinigt. Und Mitte der 1980er begann es so auszusehen, als ob Japan nicht nur die Arbeitsplätze der US-Autofabriken übernehmen würde, sondern auch den Platz Amerikas als wichtigster Volkswirtschaft der Welt. Die japanischen Banken wurden die größten Banken der Welt. Die japanischen Industrieunternehmen dominierten bereits einige andere Industriezweige, und es sah so aus, als ob sie in jeder Branche, die sie sich vornahmen, triumphieren könnten.
Und die Japaner begannen, Geld auszugeben, und nicht nur Geld zu verdienen. Sie kauften überall auf der Welt Immobilien mit Weltruf – darunter die Hollywood-Filmstudios in Kalifornien, das Exxon-Gebäude und das Rockefeller Center in New York. In Frankreich kauften japanische Käufer eine Renaissance-Kapelle, komplett mit Glasfenstern, in der Absicht, sie Stück für Stück abzutragen und dann nach Japan zu verschiffen. Das provozierte die Franzosen so, dass sie ein Gesetz erließen, das den Export von nationalen Schätzen verbot!
Die japanischen Käufer saßen auch bei den großen Auktionen in London, Paris und New York in der ersten Reihe, wo sie berühmte Kunstgegenstände zu phänomenalen Preisen kauften. Genauso wie es amerikanische Wirtschaftsbosse zehn Jahre später taten, begannen die Japaner, Kunst zu kaufen, als ob sie sie wirklich mögen würden. So kaufte zum Beispiel der Mafiaboss Susumu Ishii im Jahr 1985 Aktien. Zwischen 1986 und 1987 stieg der Wert seines Depots um 5.000 % – wobei ihm von machtvollen Freunden in der Politik und im Finanzwesen geholfen wurde. Er nahm dann 7,5 Millionen Dollar seines Vermögens, um damit Bilder von Renoir, Chagall, Monet und anderen zu kaufen. Und die japanische Versicherungsgesellschaft "Yasuda Fire and Marine Insurance" bezahlte fast 40 Millionen Dollar für van Gogh's Bild mit den Sonnenblumen. Ryoei Saito gab 82,5 Millionen Dollar für ein anderes Bild von van Gogh aus, das "Portrait von Dr. Gachet", und weitere 78 Millionen Dollar für "Au Moulin de la Gallette" von Renoir. Yaumichi Morishita allerdings übertraf sie alle, indem er 300 Millionen Dollar für französische Gemälde des späten 19. Jahrhunderts ausgab. Als er gefragt wurde, warum ihm die französischen Impressionisten so gefallen, war seine Antwort: "Impressionistische Gemälde passen besser zum modernen Dekor".
In den 1980ern gab es einen Bestseller mit dem Titel "Japan as Number One". Das war nur der Ausdruck einer weit verbreiteten Prognose. Denn während Japan weiter auf dem Weg nach oben war, schien Amerika zurückzufallen. Die Zukunft sah eindeutig aus: Japans organisierter Kapitalismus schien unaufhaltbar. Zumindest dachten das die Japaner. Der japanische Premierminister Yasuhiro Nakasoone feuerte seine Landsleute so an, als ob sie nach Singapur marschieren würden. "Gebt jeden Sinn für Schande auf und geht vorwärts, auf der Suche nach Ruhm", sagte er ihnen.
Bedroht von der "gelben Gefahr" riefen die plappernden amerikanischen Klassen nach Reformen. "Ein wirtschaftliches Pearl Harbour", schrieen die Politiker. Die USA brauchen eine zentrale Planung, wie die Japaner – so die Kritiker. Die Amerikaner müssten die japanischen Managementtechniken lernen, so die Wirtschaftsberater. Die amerikanischen Unternehmen müssten langfristiger orientiert sein, verkündeten die Analysten. Amerika müsse Importbeschränkungen erlassen, fügten die Protektionisten hinzu.
Was Amerika so kümmerte war nicht nur die Tatsache, dass Amerika Marktanteile an Japan verlor, sondern auch, dass die Amerikaner sich auf andere Weise wie Verlierer zu fühlen begannen. Während die Japaner alles richtig zu machen schienen, schienen die Amerikaner die meisten Dinge falsch zu machen.
Wie die Geschichte endete, wissen wir: 1989 platzte die japanische Spekulationsblase – das Land hat immer noch mit den Folgen zu kämpfen.
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