Vor die Wahl gestellt
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 19. Oktober 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Der Rest der Welt ist voller Schießbudenfiguren. Und unsere Vorfahren waren Tölpel.
Oder: Die aktuelle Generation der amerikanischen Finanzgurus besteht ausschließlich aus Dummköpfen und Quacksalbern.
Vor diese Wahl sah ich mich heute Morgen gestellt.
Was mich zu dieser unerfreulichen Auswahl bringt, ist eine Bemerkung des amerikanischen Finanzministers John W. Snow, über den die New York Times berichtete, dass "er bei einer Tour durch die Provinz Sezuan (China) dazu drängte, eine Lektion von den USA zu lernen, darüber, wie man mehr ausgibt, mehr Kredite aufnimmt, und wie man weniger spart. Er behauptete, dass die chinesischen Verbraucher und Unternehmer dringend die finanziellen Grundlagen bräuchten, die die amerikanischen Banken und Anlagebanken ihnen vermitteln wollten."
Während der ganzen vergangenen Woche nagte eine Idee in mir, ausgelöst bei einem Treffen mit ein paar scharfsinnigen Fondsmanagern. "Ein Land muss heute nichts mehr herstellen", sagten die Anlageprofis, "es kann auch nur Dienstleistungen anbieten – so wie die Finanzdienstleistungen, die in The City of London oder von der Wallstreet in New York angeboten werden. Diese Dienstleistungen sind sehr profitabel, weil die Chinesen in diesem Bereich nicht wettbewerbsfähig sind. Ihre Finanzindustrie ist nicht ausreichend entwickelt."
Was dieses dynamische Duo sagte, scheint zu stimmen. Die Fabrikschlote in Amerika haben aufgehört zu qualmen. Dennoch sieht es so aus, als ob sich Amerika und auch Großbritannien entwickeln. Und in beiden Nationen ist der aufstrebendste Industriezweig der Finanzsektor. Wo verdient man die dicken Gehälter? Wer kauft die großen Anwesen ... die dicken Autos ... und die großen Jachten? Was wünschen sich die Mütter für ihre Babys, wenn sie einmal groß sind? Hedgefonds-Manager ist die Antwort auf alle Fragen. Oder fragen Sie einen Vater, was er sich für seinen Sohn wünscht. Soll der Junge am Fließband arbeiten ... und auf die Abendschule gehen ... und seinen Weg ins Management erarbeiten? Oder sollte er direkt an die Wall Street gehen? Man könnte ihn ebenso gut fragen, ob er lieber mit einer nüchternen alten Dame oder mit ein paar jungen Mädchen, die ein oder zwei Gläser zu viel hatten, in einem Aufzug stecken bleiben möchte.
Was ist das, der finanzielle "Fortschritt", dem wir alle so viel verdanken. Und wie kommt es, dass keiner unserer Vorfahren und auch keine andere Nation außerhalb der angelsächsischen Welt bisher in der Lage sind und waren, das herauszufinden?
Die Chinesen sind z.B. schon eine ganze Weile mit von der Partie. Sie aßen schon Spaghetti und feuerten Raketen ab, als unsere eigenen Vorfahren noch im Schlamm des Mittelalters wühlten. Es ist ja nicht so, dass die Chinesen erst gestern auf die Welt gekommen sind. Es scheint jedoch so, als wären sie noch überhaupt nicht geboren. Sie wirken so naiv, so unschuldig, so unwissend. Warum denken diese armen Menschen immer noch, sie müssten Geld sparen, um weiter zu kommen? Können sie sich etwas so Rückständiges überhaupt vorstellen? Es ist wirklich schwer, sich das vorzustellen, oder? Ich meine, es ist das große Zeitalter des Internets – alle Geheimnisse der Welt stehen allen Menschen zur Verfügung, die google.de buchstabieren können – wie können die Chinesen da noch so besorgniserregend rückständig sein? Wie können sie nichts über das Abschöpfen von Eigenkapital über Hypotheken, über negative Amortisierung oder die Maximierung des Shareholder-Value wissen? Darüber, wie man Häuser kauft und sie wieder abstößt? Ich frage mich, ob sie über andere entscheidende Durchbrüche Bescheid wissen? Kennen sie Penicilin, Reality-TV und Rap-Musik? Laufen sie auf vier oder auf zwei Beinen? Vielleicht wissen sie noch nicht einmal, wie man ein Messer und eine Gabel benutzt.
London, The City, ist die Quelle des großen Geldes. Wie ich oft berichtet habe, sind die Restaurants und die Nachtclubs voll. Gestern bin ich am Southwark-Ufer entlangspaziert, und es ist mir nicht gelungen, einen Tisch für mein Mittagessen zu finden. Ich musste erst vom Fluss weg gehen.
Hier hat der finanzielle Fortschritt große Dividenden gebracht. Genauso wie auf der anderen Seite des Atlantiks haben die Leute hier herausgefunden, dass sie mehr Geld machen können, indem sie auf Häuser spekulieren, als wenn sie arbeiten gehen. Im Jahr 2003 machte die Abschöpfung des Eigenkapitals aus den Hypotheken 10 % des Einkommens nach Abzug der Steuern aus. Und das alles war so einfach ... und so leicht. Warum haben die Chinesen, oder auch die Engländer des 19. Jahrhunderts, nicht gemerkt, dass man so gut leben kann, indem man einfach Geld auf sein Haus leiht. Ich weiß es nicht, aber mein Freund James Ferguson denkt, dass er auch eine Kehrseite dieses Fortschritts sieht.
"Die britischen Hausbesitzer sind auf dem besten Weg in den Konkurs", lautet eine Schlagzeile im MoneyWeek Magazin. "Es ist gut möglich, dass wir schon die Phase der Verzweiflung erkennen können (vor der Phase der Konkurse) ..." Immobilienpreise steigen in England nicht mehr. Was steigt? Die Hypothekenraten. Also werden die Leute in dieser Hinsicht ihre Kosten einschränken müssen. Dass sie aber immer noch mehr Kredite aufnehmen und nicht weniger, ist entweder ein Zeichen von Demenz oder von Verzweiflung, denkt er.
"In der Vergangenheit ist der Wert der Häuser immer weiter gestiegen, und entsprechend hat sich der Topf der Kredite vergrößert, so dass man immer wieder darauf zurückgreifen konnte, um noch mehr zu kriegen. Doch die heute gleichbleibenden Hauspreise kündigen das Ende dieser glücklichen Zeit an. Wenn sich diese Leute bei ihren Ausgaben nicht zügeln, dann wird die nächste Station das Konkursgericht sein."
Vielleicht sind die unfortschrittlichen Bauerntölpel, Chinesen und die toten Leute alles in allem doch nicht so dumm gewesen. Sicher, an der Wallstreet und in London hat man viel Geld gemacht, die Kreditjäger haben die größte Kreditausdehnung der Geschichte erlebt. Ich warte nur noch darauf, was passiert, wenn die Kreditblase platzt.