Von Wahrscheinlichkeiten und herrlichen Zeiten
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 15. März 2006 18:00 Uhr
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Zunächst zum Markt:
Der Dax duckt sich heute ein wenig unter der 5900er Marke und wartet auf die amerikanischen Indizes. Diese wiederum stehen alle an wichtigen Marken, der Dow testete gestern sein letztes Hoch bei 11159 Punkten. Nein, es ist kein Doppeltop, wie Sie unschwer an dem Chart erkennen können. Die Aufwärtsdynamik ist deutlich stärker, als die Abwärtsdynamik, die Umsätze dünnen in beiden Hochs leicht aus. Wirklich interessant: Im Tief (Tal) ist sogar ein leichter Umsatzanstieg zu erkennen. Beides spricht dafür, dass es sich um kein Doppeltop handelt.
Damit ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der Dow nach oben ausbricht. Das würde dann auch den Dax beflügeln, brechen die genanten Widerstände in den USA, kann der Dax sein letztes Hoch überwinden, dann ist die 6200 Punkte Marke eingeloggt.
Wie geht es weiter?
Auf jeden Fall ist der Motz-/ und Nervtag letzte Woche tatsächlich der Umkehrtag gewesen. Im Moment höre ich aber immer noch von allen Seiten nur Zweifel. Viele sind noch bearish, das ist gut – keine Euphorie in Sicht. Man sah es heute am Dax, der trotz der guten Vorgaben aus den USA nur mickrig im Plus lag – kein Vertrauen im Markt. Dabei haben die Amis, besonders der Nasdaq100 gestern zum ersten Mal eine überzeugende Stärke gezeigt. Das ist ein weiterer bullisher Hinweis. Natürlich kann es sein, dass nun noch ein wenig gespielt wird, ein bisschen nach unten antäuschen, ein paar der Zittrigen noch rausekeln – das ist durchaus möglich. Aber, wie gesagt, die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass es weiter geht.
Niemand weiß Genaues, es bleiben immer nur Wahrscheinlichkeiten.
Es geht an den Börsen immer nur um Wahrscheinlichkeiten. Es ist ein einfaches Prinzip: Wenn Sie theoretisch immer eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 60 zu 40 spielen, dann müssen Sie auf lange Sicht mehr Gewinn als Verlust machen (lassen wir die Stopp-Kurse/Geldmanagement einmal außer Acht). Schließlich wird das Kursziel in 6 von 10 Fällen erreicht. Das muss reichen.
Leider wissen Sie niemals, ob es dieses eine Mal, bei dem Sie gerade investiert sind, zu den 60 % oder 40 % gehören. Es geht also darum, die Wahrscheinlichkeiten möglichst zu erhöhen. Dazu sollten Sie alles, was Sie an Information kriegen können, zu einem einheitlich stimmigen Bild zusammenfügen.
Wenn nichts funktioniert
Viele Trader berichten davon, dass immer wieder Phasen auftauchen, in denen nichts, aber auch rein gar nichts funktioniert. Ein Trade nach dem anderen läuft in den Stop, obwohl sie gar nichts anders machen, als in den letzten Monaten. Das liegt einfach daran, dass bei einer Wahrscheinlichkeit von 60/40 (als Beispiel) das Kursziel auch durchaus 20 oder 30 Mal hintereinander nicht erreicht werden kann, ohne dass die Wahrscheinlichkeit sich verändert hat. Zwar sollte das selten sein, aber es ist immerhin möglich.
Das Schwierige ist, solche Phasen, die immer wieder auftauchen können, durchzustehen. Die meisten empfehlen zurecht, wenn es einmal konsequent nicht laufen will, Urlaub zu machen. Ich empfehle immer wieder, neben dem Traden ein gesichertes Einkommen zu haben – dann können solche Phasen Sie nicht zerstören. Auch habe ich das Gefühl, dass dann solche Phasen gar nicht erst oder nur sehr viel seltener auftreten, da man insgesamt einen viel entspannteren Eindruck macht, auch wenn es mal nicht so gut läuft.
Amis eröffnen im Plus.
Ich sehe gerade die Amis eröffnen nach dem starken gestrigen Tag im Plus. Leider heißt das noch nicht viel, oft genug steigen nach einem starken Tag die ersten noch voller Euphorie in den Markt ein, um dann von den Gewinnmitnahmen der kurzfristig orientierten Trader überrollt zu werden. Ob die Börse stabil bleibt, wird sich erst im weiteren Verlauf und insbesondere nach dem Ölmarktbericht um 16.30 Uhr erweisen.
Alte verstaubte und neue herrliche Zeiten
Heute morgen hatte ich einige lustige Gespräche mit Tradern über die alten Tage. Es scheint so lange her zu sein, doch tatsächlich sind es nur wenige Jahre ...
Ein Kollege erzählte, wie er damals eine Aktie gekauft hatte und dann sah, wie diese Aktie auf einmal nach einer Nachricht eingebrochen ist. Völlig aufgeregt ist er dann zu seiner Bank gelaufen, um diese Aktie zu verkaufen (wohlgemerkt zu Fuß und persönlich!). Der lapidare Kommentar des Bankangestellten: "Okay, wir verkaufen die Aktie dann heute Abend zum Kassakurs." "Was?!", reagierte mein Kollege. Doch auch nachdem einige Vorgesetzte zu Hilfe kamen und schließlich sogar der Fillialleiter selbst erschien, gab es "angeblich" keine Möglichkeit, die Aktie sofort zu verkaufen. Sehr zur Freude meines Kollegen notierte die Aktie dann am Abend deutlich höher.
Mein glorreicher Einstieg ins Daytrading-Geschäft
Ich erinnere mich an meinen ersten missglückten Auftritt als Daytrader. Nachdem ich mich, vom Börsenvirus endgültig infiziert, entschlossen hatte, den "Beruf" des Daytraders zu erlernen, betrat ich mit gewichtigem Schritt eine Bankfiliale und verkündete bei einem Beratungsgespräch meinen weitreichenden Entschluss.
Die Dame, die mich fürsorglich beriet, nickte immer nur und meinte, klar sei das möglich. Ich könne per Telefon jederzeit schnell Order aufgeben, die umgehend ausgeführt würden, ich brauchte dazu lediglich eine Pin und eine Geheimzahl, von der jeweils eine Stelle abgefragt würde. Das wäre nun seit neuestem möglich. Ich war im Paradies! Heute glaube ich, die Dame hatte von Anfang an nicht den Hauch eines Schimmers, wovon ich damals eigentlich geredet habe, sie hat einfach nur freundlich genickt und mich wahrscheinlich für besessen, völlig irre oder sonst wie verdreht gehalten. Warum sollte man auch eine Aktie, die man gerade glücklich erworben hat, direkt wieder verkaufen?!
Nachdem ich mich durch unendlich scheinende Formalitäten gequält hatte und viel Geld von einem Konto auf ein neues wuchtete, saß ich mit fiebrigem Kopf vor diversen Kursreihen und dachte – so, die Aktie kaufst du. Ein Anruf, klar kein Problem. "Klappt doch alles prima", dachte ich, "nun steht deiner Karriere nichts mehr im Weg!" Nachdem die Aktie auch tatsächlich etwas gestiegen war, wollte ich die Aktie wieder verkaufen, am gleichen Tag. Noch ein Anruf, die Dame am Telefon verneinte verwirrt: "Entschuldigen Sie, ich kann Ihre Aktie nicht verkaufen, ich weiß auch nicht warum!" Nach einigen internen Telefonaten erklärte Sie mir: "Sie können diese Aktie nicht verkaufen, da wir sie noch gar nicht eingebucht haben. Da müssen Sie ein bis zwei Tage warten!"
Erst mit den Online Brokern kam die Freiheit, komfortabel zu handeln. Doch auch mein erster Onlinebroker, machte mir das Leben schwer. Zunächst einmal musste man umständlich die WKN, Börsenplatz, die Anzahl, das Kurslimit, die Limitart, den Zeitraum und was weiß ich noch alles eingeben. Das allein war schon ein Geduldsakt. Nachdem man dies nun vollbracht hatte, wurde man auf die nächste Seite weitergeleitet. Ein Umstand, der bei den damaligen Verbindungszeiten durchaus mal eine lange Weile dauern konnte. Wurde die Verbindung zu der neuen Seite nicht in einem gewissen Zeitrahmen erledigt, wurde der Vorgang abgebrochen und man dürfte noch einmal von vorne beginnen.
Nachdem endlich die neue Seite erschien, die alle Daten noch einmal fein säuberlich auflistete, musste man den Auftrag dann noch mit einer Tan-Nummer bestätigen.
Sie können sich vorstellen, wie schnell die Nerven blank lagen, wenn man in aller Hektik aus einer Aktie aussteigen wollte. Und fast immer tippte man entweder die Tan falsch ein, oder die Tannummer war bereits schon benutzt. Egal, auf jeden Fall musste man auch dann alles wieder von vorne eingeben. Das hat mich Geld gekostet ...
Wie schön ist es doch heute, eine Tan (Session-Tan) am Anfang des Handelstages einzugeben, danach bleibt sie gültig für alle weiteren Order. Ein Klick und ein Fenster öffnet sich mit dem richtigen Börsenplatz bereits eingetragen, die Limitart ist schon vorgegeben, schnell die Anzahl eingetippt, selbst das Kauf/Verkaufs-Limit wird schon automatisch eingefügt und abschicken. Sekundebruchteile später taucht die Order im Markt auf und man ist draußen.
Noch komfortabler ist es im Future. Hier klicken Sie nur auf den Kurs und schon ist der Kauf im Markt – Ein klick und Sie sind auch wieder draußen – sind das nicht herrliche Zeiten?
Man vergisst oft, wie schnell sich in den letzten 10 Jahren die Zeiten und die Technik gewandelt haben ...