Von Unwahrheiten, Nebelkerzen und Lügen
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 12. März 2009, 16:00 Uhr
ENL5462
Liebe Leser,
ich habe das Gefühl, dass zur Zeit Lügen bzw. Unwahrheiten besonders weit verbreitet sind. Bereits kürzlich schrieb mein Kollege Claus Vogt in seinem Artikel "Der Fisch stinkt vom Kopf" über die Lügen Ben Bernankes und seiner zweifelhaften Mitstreiter.
Am Dienstag wurde dann massiv ein Memo von Citigroup CEO Vikram Pandit durch die Medien in die Köpfe der Marktteilnehmer gehämmert, was wohl dazu führte, dass die Märkte anstiegen. Verwunderlich mutet dabei nur an, dass anscheinend niemand das Memo tatsächlich gelesen hat, sondern die Horde der Investment-Schafe einfach hektisch die Kaufknöpfe bediente. Hauptsache, man hat zuerst gekauft.
Wie ich zu solch einer Aussage komme? Sehen wir uns das Memo doch einmal an. Der Vollständigkeit halber habe ich die Originalversion in Englisch komplett zitiert (Quelle: Wall Street Journal); den relevanten Part übersetze ich weiter unten ins Deutsche:
Dear Citi Colleagues,
After a broad sell off in the markets last week, I thought I would give you a quick update on our position. Despite the steps we've taken to strengthen our capital base, I am, like you, disappointed with our current stock price and the broad-based misperceptions about our company and its financial position. I don't believe it reflects the strengths of Citi; our newly strengthened capital base, our unique global franchise and most importantly, the quality of our people.
These are unprecedented times in the markets, but over time, the markets will recognize the many strengths of Citi. I believe there are two key issues to focus on: capital strength and earnings power. First, on capital strength, as you know, the preferred exchange we announced nearly two weeks ago is expected to make Citi the strongest capitalized large U.S. bank as measured by tangible common equity (TCE) and Tier 1 ratios. While our Tier 1 ratio will remain at 11.9% as of December 31, 2008, assuming 100% participation in the exchange, our TCE could increase to as much as $81 billion.
Despite this addition of tangible common equity, some people continue to question our capital strength because of our net deferred tax asset (DTA) and the quality of our assets. * DTA: Even if near-term conditions deteriorate significantly, we expect to be able to realize the majority of our DTAs.
Asset quality: The Fed will conduct stress tests for all large banks in coming weeks. We've done our own stress testing using assumptions that are more pessimistic than the Fed has outlined and we are confident about our capital strength. * In addition, the Smith Barney joint venture and the conversion of mandatory convertibles is expected to add another $14 billion to our tangible common equity over time. In addition to our strong capital position, I am most encouraged with the strength of our business so far in 2009.
In fact, we are profitable through the first two months of 2009 and are having our best quarter-to-date performance since the third quarter of 2007. In January and February alone, our revenues excluding externally disclosed marks were $19 billion. Our client businesses are strong: our deposits are relatively stable, our client-driven Securities and Banking businesses have been performing well, including our recent #1 rank in M&A, and we continue to provide credit to consumer and corporate customers. You have all done a very impressive job driving revenues and reducing our cost structure, and it is gratifying to see the results first hand.
I also appreciate how distracting the confusion in the markets and the media can be. In case you missed it, you should read the article in Friday's Wall Street Journal Deal Journal entitled. It was great to see you get the recognition you deserve and how you have remained focused on your clients and customers. Lastly, I spent time last week talking to groups of colleagues and clients in Europe. It was good to hear from them.
Not only did I learn a lot about what was on their minds, I was able to give them the full story of Citi and where we are today, including our full commitment to our global network and presence in over 100 countries, which is our key competitive differentiator. I would encourage each of you to continually engage with your colleagues and clients to ensure open lines of communication. To help in this effort, I have attached some important information points as an aid in your discussions. Please send me any feedback you may receive or any questions you are not able to answer.
Thank you again for your dedication. These are the times that will define us all.
Best regards, Vikram
Ist dieses Memo relevant?
Von Bedeutung hinsichtlich der Profitabilitätsbehauptung Pandits ist eigentlich nur der nachfolgende Teil:
In fact, we are profitable through the first two months of 2009 and are having our best quarter-to-date performance since the third quarter of 2007. [...]. Our client businesses are strong: our deposits are relatively stable, our client-driven Securities and Banking businesses have been performing well, [...], and we continue to provide credit to consumer and corporate customers.
[Übersetzung: Tatsächlich sind wir die ersten zwei Monate des Jahres 2009 profitabel und haben unsere beste Dreimonatsperformance seit dem dritten Quartal 2007. [...] Unsere Kundengeschäfte sind stark, unsere Einlagen relativ stabil, unsere kundengetriebenen Wertpapier- und Bankgeschäfte laufen gut [...] und wir stellen weiterhin Kredite für Konsumenten und Geschäftskunden zur Verfügung]
Citigroup nahm zu dem Memo bisher nicht offiziell Stellung. Auch enthält das Memo keine Aussagen darüber, in wie fern kritische Kosten für Abschreibungen anfallen. Selbst im Horrorquartal letzten Jahres lag der Geschäftsertrag ohne Abschreibungen bei respektablen 13.4 Milliarden US-Dollar. Dass nun ein positiver Ausschlag nach oben erfolgt, mag ja ganz nett sein, aber es ist eben nur eine Teilbetrachtung, welche wichtige Faktoren außen vorlässt bzw. gar nicht erwähnt, in wie fern diese noch zu Buch schlagen.
Hinzu kommt, dass in volatilen Märkten Geschäftsbereiche wie der Devisenhandel oder Wertpapiere stets gut laufen.
Eine weitere Frage ist, wie viel dieses groß herausposaunten Gewinns durch den Smith Barney Brokerage Bereich entstand, denn Citigroup war hier vor einem Monat gezwungen, die Hälfte zu verkaufen. Somit müssten die Ergebnisse, welche hierdurch in die in den Medien herumposaunte Citizahl einfließen, ebenfalls um die Hälfte reduziert werden, um ein wahres Bild zu erhalten, ansonsten läge eine die Tatsachen nicht korrekt abbildende Doppelzählung vor.
Es gibt noch weitere Punkte, aber ich denke, es ist klar, worauf ich hinaus möchte: Aus meiner Sicht ist dieses Memo bedeutungslos.
Viel mehr sehe ich hinter dieser Aktion eine wahrscheinlich bewusst lancierte, psychologische Nebelkerze zur Aufhellung der Stimmung an den Märkten.
Das klingt für Sie nach Verschwörungstheorie?
Bedenken Sie bitte, dass unser momentanes Weltfinanzsystem praktisch mit einem Bein schon im Abgrund steht und einige extrem wohlhabende und einflußreiche Leute von diesem System in der Vergangenheit sehr stark profitierten und dies sicherlich auch gerne in Zukunft möchten. Somit wird mit großer Sicherheit wohl nichts unversucht gelassen werden, den (m.E. kaum vermeidbaren) Gang der Dinge weiter aufzuhalten (und dabei die Situation dank der ausufernden Schulden noch schlimmer zu machen).
Außerdem wären solche Maßnahmen zur "Stimmungsaufhellung" sicher nicht neu (Wir kennen z.B. bereits das PPT...)
Aber es gibt noch mehr solcher Beispiele. Ein Mann etwa, welcher von vielen Investoren verehrt wird, hat sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch schon zum Instrument solcher "Cheerleader-Kampagnen" gemacht; ich spreche von Warren Buffet.
Warum sagt Warren Buffet nicht die Wahrheit?
2003 veröffentlichte Warren Buffet einen exzellenten Artikel ("Squanderville vs. Thriftville"). Hierin beschreibt er sich als einen Pessimisten gegenüber der US Wirtschaft, da die USA über ihren Verhältnissen lebten, zu viel konsumierten und zu viel Kapital liehen. Auch wies er dabei darauf hin, dass es bereits eine Reihe anderer kritischer Stimmen gäbe, welche vor diesen Entwicklungen warnten. Genau dieser Kollaps, vor dem er 2003 warnte, tritt nun in den USA ein. Buffet lag also völlig richtig.
Womit ich jedoch gewaltige Verständnisprobleme habe ist die Frage, weshalb Warren Buffet nun die "Bailout"-Pakete und die Pläne von Barack Obama unterstützt? Warum befürwortet er noch mehr Schulden, wo er doch 2003 bereits mehr als treffend erkannt hat, dass diese mit ein entscheidender Hauptfaktor des Problems sind? 2003 äußerte Buffet sich sogar derart, dass er für sehr unbequeme wirtschaftspolitische Regeln eintrat, welche die von ihm mit Sorge beschriebenen Entwicklungen aufhalten bzw. stark verlangsamen würden.
Jetzt ist die Krise da, doch was ist neu? Was hat sich verändert? Ist Warren Buffet nur ein guter Investor und kein guter Ökonom? Wohl kaum.
Fakt ist jedoch, dass er seine Stimme denen leiht, welche nun nach noch mehr "Rettungspaketen" rufen, obwohl er es - wie man bereits an seinem Artikel aus dem Jahr 2003 sieht - besser weiß. Gerade jetzt hätte er doch den perfekten Hintergrund um seine Forderungen nochmals aufzugreifen und er könnte sich mit seinem Status positiv einbringen. Warum leiht er seine Stimme nun dem "Rettungspakete"-Irrsinn?
Ich kann es mir nur derart erklären, dass ihm klar ist, wie ernst das System in Schwierigkeiten ist und wie gewaltig die Probleme seit seinem Artikel 2003 geworden sind und er nun einer Agenda folgt, welche ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in vollen Zügen durchschauen kann. Ist er derart in Panik, dass er nichts unversucht lassen möchte, um das System zu retten, auch wenn er nicht recht an die Maßnahmen glauben möchte? Weiß er, dass das System nicht zu retten ist und will durch seine Hilfe beim Versuch die Blase wieder aufzupumpen noch ein paar Jahre für sich rausschlagen auf seine alten Tage? Oder ist er einfach Teil eines orchestrierten, psychologischen "Beruhigungsprogramms" der verunsicherten Marktteilnehmer (letztlich ist Vertrauen die Basis unseres gesamten Wirtschaftssystems und dessen Wichtigkeit somit nicht zu unterschätzen...)?
Ich erinnere mich sogar noch daran, als Buffet nach den ersten Einbrüchen an den Märkten öffentlich in einem Artikel empfahl, Aktien zu kaufen, worauf sich wohl einige fähige Leute ziemlich verwundert an Kopf griffen und sich ungläubig die Augen rieben. Wusste er es wirklich nicht besser? Angesichts seines 2003er Artikels glaube ich das überhaupt nicht. Viel mehr betätigt er sich hier wohl bewusst als Cheerleader.
Dass ein Mann solch eines Formats sich jedoch zu solchen Schritten hinreißen lässt, die offensichtlich völlig gegen seine eigenen Überzeugungen und Erkenntnisse gehen, ist für mich eher ein Zeichen, dass die Lage weit ernster ist, als öffentlich zugegeben wird.
Ihnen, liebe Leser, kann ich als Konsequenz nur raten, stets auch Äußerungen von "Finanzgrößen" immer erst einmal zu misstrauen und nie diesen blind zu folgen.
Lassen Sie sich nicht in falscher Sicherheit einlullen und bleiben Sie stets kritisch. Diese Krise ist noch lange nicht vorbei und anscheinend stirbt nicht nur im Krieg die Wahrheit zuerst...
Beste Grüße
Alexander Hahn
ähnliche Beiträge:
- Lügen, Lügen, Lügen: Das Fundament des Finanzsystems
- Lügen und Nebelkerzen: Die Arbeitslosenzahl
- Lügen und Nebelkerzen: Inflationsraten
- Neue Serie: Lügen und Nebelkerzen in der heutigen Börsenwelt
- Schluss mit der Mainstream-Ökonomie!
- Konsequenz der Inflationslüge: Anforderungen
- Zitat des Tages
- Zitat des Tages
- Zitat des Tages
Artikel weiterempfehlen