Von der Verlustabneigung bis zur naiven Aufteilung
Markus Miller in Kapital & Steuern Global zum Thema Kapitalschutz
vom 21. August 2008, 16:00 Uhr
7. Die Verlust-Abneigung
Das Verhalten - Im Fachjargon der Behavioral-Finance-Wissenschaftler ist das Phänomen der Verlustaversion folgende: Haben Sie an schwachen Börsentagen auch schon bewusst nicht in Ihr Depot geschaut, weil Sie sich die Verluste nicht ansehen wollten? Dieses Verhalten mag zwar ziemlich kindisch erscheinen, dennoch kennen alle Anleger dieses Verhalten. Und es ist nichts anderes als normal, denn wir gehen, wo immer möglich, schlechten Gefühlen aus dem Weg. Die Psychologen nennen dieses Verhalten: Vermeidung.
Die Folgen - Auch die besten Investoren haben nicht nur gut laufende Titel im Depot. Somit gilt: Auch die Warren Buffets dieser Welt müssen sich mit negativen Positionen herumschlagen. Schließlich gilt auch für die Aktienwelt: Niemand ist perfekt. Wer aber seine schlecht laufenden Aktien ausblendet und/oder nicht beachtet, läuft Gefahr, große Verluste einzufahren.
Die vorteilhafte Einstellung - Wer Verlustpositionen im Depot stehen hat, sollte sich eines vor Augen halten: Früher oder später muss man sich sowieso entscheiden, wie man mit den Titeln verfahren will. Also: Lieber früher als später entscheiden. Als Faustregel gilt: Von Verlustpositionen sollte man sich rasch trennen. Spätestens sobald ein Titel eine gewisse Prozentuale Veränderung (20-25%) unter dem Einkaufspreis liegt, sollte man verkaufen. Laufen die Märkte neutral bis steigend, haben fallende Aktien die Tendenz weiter zu fallen. Somit gibt es keinen Grund, in fallenden Aktien zu verharren. Auch wenn es weh tut, wenn man die Verluste realisieren muss, ist es oftmals besser dies zu tun, als auf eine Trendumkehr zu hoffen, welche unter Umständen Monate bis Jahre dauert, falls überhaupt eine Trendumkehr eintritt. (Beispiel "Neuer Markt")
8. Die Sorglosigkeit
Das Verhalten - Wer das Glück (oder je nachdem auch das Pech) hatte, in den 90er Jahren an der Börse investiert zu sein, der kennt die euphorischen Gefühle, der Freude, Genugtuung und des Stolzes, die einen als Anleger eine Hausse erleben lässt. Doch nach der Euphorie kommt meist die Depression. Nach den 90er-Jahren kam das Jahr 2000. Die Internet-Blase platzte und mit ihr der gefühlsmäßige Überschwang. Unter großen wie kleinen Börsenteilnehmern machte sich Panik und Ohnmacht breit. Viele Anleger blieben investiert und versuchten, weiter Gewinne zu machen. Mit entsprechend hohen Verlusten. Nicht wenige sind den Aktienmärkten bis heute fern geblieben.
Die Folgen - Doch was passiert? Nach den Jahren des Börsenaufstieges hatten die Anleger "vergessen", dass es an den Märkten auch abwärts gehen kann, und sämtliche Vorsichtsregeln über Bord geworfen. mit dem Erfolg in den 90er Jahren waren sie sorglos geworden. Behavioristen sprechen von "erlernter Sorglosigkeit".
Handlungsalternativen - Wer an der Börse investiert, sollte auch in der Hausse immer im Hinterkopf behalten, dass 1. Märkte auch wieder einmal fallen werden, und 2. in euphorischen Börsenzeiten Bewertungskennzahlen wie ein Kurs/Gewinn-Verhältnis etc. nichts mehr zu gelten scheint und Zukunftsperspektiven zu euphorisch bewertet werden, fern jeglicher Rationalität. Die Erfahrung zeigt: Es lohnt sich, bei großen Korrekturen rasch auszusteigen und man erspart sich damit einiges an Verlusten und Frust.
9. Die Reue
Das Verhalten - Wem geben Sie lieber die Schuld für etwas Schlechtes das passiert ist: Sich selbst oder jemand anderem? In der Regel lautet - die Ehrliche - Antwort : Jemand anderem. Weshalb ist das so? Wenn man etwas getan hat, das sich später als ungut herausstellt, stellt sich in der Regel ein Gefühl der Reue ein. Das geht auch Anlegern so. Sobald man im Rückblick erkennt, dass man besser in eine andere Aktie investiert hätte, beginnt die Reue am Selbstbewusstsein zu nagen.
Die Folgen - Um solch negative Gefühle zu vermeiden, verlassen sich viele Anleger gerne auf Tipps von Analysten und Aktienspezialisten. Dies hat den Vorteil, dass sie, wenn die empfohlenen Titel in der Folge schlecht laufen, die Schuld nicht bei sich selbst suchen müssen.
Handlungsalternativen - Haben Sie den Mut zu einer eigenen Meinung! Sowohl in Bezug auf die ökonomische Großwetterlage, die Aussichten der einzelnen Unternehmen und der jeweiligen Branchen, als auch in Bezug auf die beobachteten Firmen / Märkte sowie in Sachen Aktienbewertung bzw. Produktbewertung. Wer sich keine eigene Meinung zutraut oder sich nicht zutraut zu lernen, eine eigene Meinung zu haben, sollte die Finger von Einzel-Aktien lassen und eine professionelle Vermögensverwaltung wählen.
10. Die Geldillusion
Das Verhalten - Womit vergleichen Sie sich jeweils, wenn Sie Ihre eigene Börsenperformance einstufen? Die meisten Privatanleger sind mit sich selber zufrieden, wenn Ihre Investments am Jahresende mehr wert sind, als zu Jahresbeginn. Das tönt banal, doch nicht alle Börsenteilnehmer denken so. Fondsmanager zum Beispiel sind glücklich, wenn sie ihren entsprechenden Vergleichsindex schlagen. Egal, ob dieser im positiven oder negativen Bereich abgeschlossen hat. Doch Gradmesser sollte weder das eine noch das andere sein. Die eigentliche Messlatte sollte die Inflation plus der Sparzinssatz sein.
Die Folgen - Nehmen wir an, Sie verdienen in einem Jahr mit Ihren Investments 2 Prozent, das Sparbuch gibt 1 Prozent und die Teuerung (Inflation) ist 3 Prozent. So haben Sie eine reale Performance von 0 Prozent. Und dies obwohl sie mit Ihrer Vermögensanlage 2 Prozent Gewinn erzielten.
Handlungsalternativen - Ihr Ziel muss es sein, Teuerung plus Sparzins zu schlagen. Erst wenn Sie das unter nicht allzu hohen Risiken nachhaltig und stetig schlagen, sollten Sie mit Ihrer Leistung zufrieden sein.
11. Die Gewinnbekanntgabe
Das Verhalten - Börsenpsychologen haben interessantes herausgefunden in Bezug auf die Auswirkungen, welche die Bekanntgabe positiver Gewinnüberaschungen durch Firmen auf die Aktien haben. Denn die Kurse reagieren nach deren Untersuchungen erst ab dem zweiten Tag stark.
Die Folgen - Das bedeutet folgendes: Wenn man eine Aktie bereits seit einiger Zeit verfolgt und kaufen will, lohnt es sich, gleich an dem Tag einzusteigen, an dem die positive Gewinnüberraschung eintrifft.
Handlungsalternativen - Warum? Zwar wird die Aktie am ersten Tag, am Tag der Bekanntgabe der Gewinnüberraschung, gleich einen Kurssprung vollführen, doch ist dies meist erst der Anfang. Denn mit den positiven Nachrichten kommt die Aktie sofort in den Focus von deutlich mehr Analysten, Fondsmanagern, institutionellen und privaten Anlegern. Die Behavioristen haben herausgefunden, dass die Kurse erst ab dem 2. Tag der Bekanntgabe richtig stark anziehen. Und die Erfahrung zeigt: Die Rechnung geht (oftmals) auf.
12. Die naive Aufteilung
Das Verhalten - Nehmen wir an, Sie verwalten ein Depot mit 100.000 Euro. Wie viele Aktienpositionen kaufen Sie? Wie teilen Sie den Betrag auf die einzelnen Positionen auf? Kaufen Sie 10 verschiedene Positionen und teilen Sie die 100.000 Euro durch 10?
Die Folgen - Wenn Sie dies tun, betreiben Sie gemäß Behavioral Finance eine "naive Aufteilung oder Diversifikation". Wer bei seiner Aufteilung nicht auch Momentums- und Bewertungskennzahlen einfließen lässt, erzielt eine schlechtere Performance als jemand, der in dieselben Titel investiert, aber zusätzlich Momentums- bzw. Bewertungskennzahlen im allgemeinen mit zu Rate zieht. Gerade Zertifikate-Strategien bieten hier ideale Strukturierungsmöglichkeiten.
Handlungsalternativen - Vor jedem einzelnen Aktienkauf ist ein Blick auf das Momentum und die Bewertung unabdingbar. Auch kann ein indirektes Investment über ein Zertifikat oftmals die bessere Wahl sein, als ein Direktinvestment in die Aktie.