Vom Regen in die Traufe
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 30. Oktober 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Die Sonne war über den Anden untergegangen, die Luft stand still. Die Temperatur war perfekt. Francisco hat ganz cool Mate geschlürft. Jorge betrachtete den Autor dieser Zeilen nervös und fragte sich, ob er die Polizei oder einen Arzt rufen sollte.
Ich war dabei, meinen Besuch auf der Ranch unter Dach und Fach zu bringen, und mehr über die Sache mit den Rindern zu erfahren. Ich fühlte mich so, als müsste ich mich entschuldigen. Aber bei wem? Und wofür?
So weit ich sagen konnte, waren Jorge und Francisco absolut ehrlich. Die Zahlen passten zusammen. Und es gab das Heu ... und es gab die Rinder. Ich untersuchte ihre Gesichter. Ich hörte auf ihre Stimmen. Diese Jungs kandidierten nicht für ein Amt. Sie verkauften keine Hedgefonds oder leiteten die Zentralbank. Sie sind Gauchos, Rancher... ohne eine Spur von Verlogenheit, Marktschreiertum oder Unsinn an sich zu haben. Ich hatte mich entschlossen, dass es sich um Männer handelt, denen man vertrauen kann.
Alles war in Ordnung. Die Rechnungen ... die Quittungen ... die Bestände ... die Kühe.
“Es war ein schreckliches Jahr”, fasste Francisco zusammen, “und dennoch sind die Kühe nicht so mager, wie Sie erwarten würden.”
Ich wusste nicht, was ich erwarten würde. Die einzigen Kühe, mit denen ich Erfahrungen habe, sind die in Frankreich. Sie sind immer dick und rund. Das Gras ist normalerweise so dicht, dass sich die Kühe kaum bewegen müssen. Die Temperaturen sind immer moderat. Die Sonne ist nie zu warm ... und die Nächte nur selten zu kalt. Das Leben einer Kuh in Frankreich ist wie ein Bullenmarkt, das einzig Schlimme daran ist der Tag, an dem es zuende geht.
Wie neidisch wären die Kühe hier in Argentinien, wenn sie sie sehen könnten. Dort draußen gibt es kaum einen Grashalm. Sie laufen durch die Wüste, fressen was immer sie finden können – auf mich wirkt es wie ausgedörrte Salbeibüsche. Und wenn sie Durst bekommen, müssen sie meilenweit laufen, um an den kleinen Bach zu kommen, der sich durch das Gelände der Ranch schneidet. Die Tage sind heiß und die Nächte kalt.
In Frankreich geht man davon aus, dass eine Kuh im Jahr ein Kalb hat. Nur wenige erfüllen das nicht. Und jedes Kalb wird wie ein Thronfolger willkommen geheißen, sorgfältig beobachtet und geschont bis es soweit ist, verladen zu werden.
Hier draußen in der Wüste werden hingegen sind es nur halb so viele Kälber, die geboren werden und überleben. Viele sterben aufgrund der harten Bedingungen. Einige werden von Pumas getötet.
"Señor Bonner, wir sind am Rande der Welt”, erklärte Jorge. Wir sind der letzte Posten, ehe man in die Salzebenen kommt. Da draußen kann nichts überleben. Und selbst hier ist es ein Kampf.“
“Und trotzdem ist es nicht schlecht gelaufen”, fügte Francisco hinzu, “in diesem Jahr kommen wir immer noch auf Null raus, selbst nachdem wir all das Heu kaufen mussten. D.h. wir kommen bei Null raus, wenn wir diese ‚Novillos’ verkaufen können.“
“Was sind Novillos?”
“Das sind die Rinder, die uns die illegalen Siedler geben, anstelle Miete zu zahlen. Oben in den Hügeln leben Leute ohne jegliches Geld. Wir glauben, dass es hier unten hart ist, aber dort oben ist es noch härter. Sie halten einige Rinder, Ziegen und Schafe. Anstatt uns Pacht für das Land zu zahlen, bezahlen sie uns mit Tieren. Wir versuchen, sie dazu zu bringen, mit Geld zu bezahlen, aber sie haben kein Geld. Also nehmen wir jedes Jahr 5% ihrer Tiere. Wir nennen sie Novillos, weil es überwiegend männliche Tiere sind und überwiegend kastriert. Aber sie sind so mager. Sie sind Mischlinge ... sehr winterfest ... sehr zäh. Aber keiner will sie kaufen.“
“Aber wenn wir sie verkaufen können, dann kommen wir dieses Jahr auf Null raus”, fuhr Francisco fort. „Natürlich habe ich keine Ahnung, was im nächsten Jahr sein wird.“
„Sie rechnen nicht mit einer weiteren Dürre, oder?“
“Nein … ich hoffe nicht.”
“Dann sollten wir Gewinn machen, weil wir kein Heu kaufen müssen.”
„Aber wir hatten in diesem Jahr eine Dürre ... und die Bedingungen waren so hart – wir hatten auch einen der kältesten Winter aller Zeiten – und deshalb haben wir nicht viele Kälber. Also haben wir auch nicht viele, die wir verkaufen können. Es tut mir leid, Don Bill ... aber im nächsten Jahr werden wir vermutlich Verluste machen.“