Vom Bedauern
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 14. Oktober 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Die Welt ist voll von Bedauern. Frauen bedauern oft, dass sie einen bestimmten Mann nicht geheiratet haben – bei Männern ist es nicht anders.
George Bush Senior bedauert, dass er Saddam Hussein nicht hinweggefegt hat, als er es hätte tun können.
Alan Greenspan muss es bedauern, dass er nicht vor einer kollabierenden Spekulationsblase gewarnt hat. Auch wenn er nicht derjenige hätte sein wollen, der sie zum Platzen gebracht hätte, so wäre alles, was er hätte tun müssen, doch nur eine echte Warnung sein müssen. Dann stände er heute als Weiser da, und nicht als das, was er ist.
Dennis Kozlowski muss es bedauern, dass er Bilanzfälschung betrieben hat ...
Vielleicht hat James K. Glassman in seinem 1999 geschriebenen Buch wirklich nur versucht, zu untersuchen, wie Aktien bewertet sein sollten. Aber er muss sich wirklich wünschen, er hätte einen anderen Titel als "Dow 36.000" gewählt.
Natürlich steht auf vielen "Bedauern-Listen" 1999 als Datum. Das war das Jahr, als Hemmschwellen sehr niedrig waren. Die Leute waren bereit, einfach jeden und alles zu umarmen – egal wie lächerlich es aussehen würde.
"Denken Sie nur an das Internet, das die Metapher für wirtschaftliche Freiheit unserer Zeit geworden ist", so der Volkswirt Larry Kudlow (von den Republikanern) im August 1999. Seine Alkoholprobleme existierten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Er kann sich also nicht darauf berufen, dass er betrunken war, als er sagte: "Ich glaube, dass die Wirtschaft der Zukunft alle Erwartungen übertreffen wird. Der Dow Jones wird 15.000 Punkte erreichen, dann 30.000, dann 50.000 und noch mehr."
Kudlow hatte dem Alkohol entsagt. Stattdessen war er vom Hype der Neuen Ära verrückt gemacht worden. Neun Monate später "war es die US-Zentralbank, die den Markt getötet hat", so ein Interview mit ihm. Sie sei durch "zuviel Wohlstand ... zu viele Investoren, die zu viel Reichtum fabrizierten" in die Irre geführt worden.
"Aber die der New Economy zugrunde liegenden Kräfte sind real, und sie können nicht leicht unterdrückt werden", so Kudlow weiter.
In Kudlows Vorstellung gibt es keine natürlichen Zyklen im Kapitalismus. Die Leute werden einfach immer reicher ... solange sich Politiker und Zentralbanken nicht irren und eingreifen. "Wenn Washington früher etwas gemacht hätte (nämlich die Zinsen gesenkt, Anm. d. Verf.), dann wäre die ungeheure Kapitalvernichtung von 5 Billionen Dollar am Aktienmarkt vermieden worden, ebenso die lähmende Rezession, Zehntausende Entlassungen und das Vernichten des risikobereiten Unternehmergeistes."
Wenn die Fed in die Zukunft hätte sehen können ... dann hätte sie die Zinssätze, die der Markt gebraucht hätte, bestimmen können. Dann hätte es vielleicht keinen Bärenmarkt, kein Enron-Debakel, kein Telekom-Desaster, keine dot.com-Pleitewelle und keine Gewinneinbrüche gegeben.
Wenn die Fed einen Fehler macht, kein Problem. Das "repräsentiert nur den Wunsch der Investoren nach einer neuen Politik."
Das mit dem "wenn die Fed in die Zukunft hätte sehen können" ist natürlich absurd. Um mit Hyman Minsky zu sprechen – und der Erfahrung der letzten 10 Jahre: "Nothing fails like success." Eine gewisse Periode der Stabilität ist alles, was man braucht, um den Investoren weiszumachen, dass ein Investieren risikolos ist. Dann beginnt die Zeit, wenn man Dinge macht, die man später bereut – zum Beispiel eine Amazon-Aktie für 200 Dollar zu kaufen.
Wenn man eine solche Aktie einmal gekauft hat – welche Zentralbankmaßnahme könnte den Wert der gekauften Aktie auf das Kaufniveau hieven? Die Leute machen immer dumme Dinge; das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass sie damit Erfolg haben ... weil sie dadurch zu noch größeren Fehlern veranlasst werden. Besser, direkt mit Fehlern konfrontiert zu werden ... und lieber früher als später bedauern.
Und deshalb komme ich jetzt zum Punkt dieses Beitrags: Ich denke, dass es noch eine Menge mehr Bedauern geben wird, bevor der aktuelle Abwärtstrend abgeschlossen sein wird. Und nicht immer wird es um Geld gehen.
Hausbesitzer werden bedauern, dass sie ihre Hypotheken erhöht haben, zum Beispiel. Deflation wird zwar ihre Ausgaben verringern, aber die zu leistenden Zinszahlungen werden real mehr. Wenn die gesamte Volkswirtschaft in eine Deflation fällt, dann steigen eben die realen Zinsen, auch wenn die Nominalzinsen gleich bleiben. Hausbesitzer werden deshalb hohe reale Zinsen für ihre Hypotheken zahlen müssen, während gleichzeitig die Immobilienpreise fallen werden.
Investoren, die ihre Aktien weiter halten, werden dies auch bedauern. Wenn ich Recht habe, wird der Dow Jones noch unter 5.000 Punkte fallen ... und das könnte 10 Jahre oder so dauern. Es könnte eine lange, miserable Periode für Aktionäre werden.
Aber was denkt Kudlow, das die Regierung tun könnte, frage ich mich (und sei es auch nur, um mich zu amüsieren)?
"Die Schock-Therapie eines Krieges wird die Aktienmärkte letztlich um ein paar Tausend Punkte nach oben hieven", sagt er.
Es gibt wahrscheinlich Leute, die Paris bombardieren würden, wenn dadurch der Dow Jones um ein paar Tausend Punkte steigen würde. Aber ich zweifle daran, dass Krieg wirklich diese Vorteile bringen wird. Ich glaube eher, dass er zu neuem Bedauern führen kann.
Genauso wie die Investoren in den späten 1990ern leichtsinnig wurden, weil sie soviel Geld verdient hatten, so sind viele Leute jetzt durch die Aussicht auf militärischen Erfolg etwas verrückt geworden. Aber Politik ist nicht mein erstes Thema. Ich gebe offen zu, dass ich nur sowenig davon weiß, wie ich will – also relativ wenig.
Aber ich kann mir nicht helfen – die Wellen von Boom und Absturz, Verrücktheit und Bedauern, die wir an den Aktienmärkten sehen, scheinen auch in der Politik stattzufinden. Und ein paar Leute – so wie Larry Kudlow – erinnern mich an den Aktienmarkt der späten 1990er, kurz vor dem Absturz.