Volksverdummung
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 01. Dezember 2004 12:00 Uhr
ENL5454
Volksverdummung. Klarer Fall.
Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich vorgestern einen TV-Tipp gegeben hatte: "Die Nibelungen" auf Sat1.
Denn dieser Zweiteiler war wirklich so schlecht, dass ich mich richtig darüber geärgert habe.
Im Forum von Wallstreet-Online brachte es jemand auf den Punkt: "Deutschland hat eh nicht viele Heldensagen, aber mal ehrlich, würden die Griechen Herkules so verhunzen?"
Ich glaube nicht – das zeigt sich ja z.B. gerade in den Kontroversen über den "Alexander"-Film in Griechenland. Es gibt eben auch noch Völker, die sich mit ihrem kulturellen Erbe auskennen.
(Was das mit der Börse zu tun hat? Das frage ich mich auch gerade. Aber da es sich beim Trader's Daily um einen kostenlosen Newsletter handelt, fühle ich mich frei, über das zu schreiben, was mich gerade beschäftigt – in der Hoffnung, dass es Sie interessiert.)
Hierzulande habe ich da meine Zweifel: Denn das Nibelungenlied, DIE deutsche Sage überhaupt, ist gestern und vorgestern völlig verfälscht wiedergegeben worden. Natürlich kümmert das niemanden. Und ich bin mir sicher, dass nun mehr Deutsche die Sat1-Version als die richtige Version kennen.
Allein das Ende des gestrigen Films: Da bringt Hagen von Tronje seinen König Gunther um und wird danach von Brunhild getötet. Das ist völlig daneben, da im wirklichen Nibelungenlied (das um 1200 verfasst wurde, aber rund 800 Jahre vorher spielt) Hagen der treueste Gefolgsmann seines Königs ist. Gerade er ist ja der Prototyp der "Nibelungentreue". Dass diese in den Untergang führt, ist eine andere Sache. (Merkwürdig übrigens deshalb, dass VOR dem Ersten Weltkrieg das deutsche Bündnis mit Österreich-Ungarn als "Nibelungentreue" bezeichnet wurde). Im Original wird Hagen dann von Kriemhild getötet – also der Witwe Siegfrieds, die nach dessen Ermordung den Hunnenkönig Attila/Etzel heiratete, um dessen Macht für ihre Rache zu nutzen (der ganze Hunnenteil wurde im Film weggelassen).
Es gibt übrigens auch eine nordische Version des Nibelungenliedes, die auf den alt-isländischen Dichter Snorri Sturluson (1178-1241) zurückgeht. Wagner hat sich mit seinem "Ring des Nibelungen" an dieser Version orientiert.
Aber Sat1 hat sich weder an der einen noch der anderen Version orientiert, sondern wild gemischt und frei erfunden.
Das ging unmittelbar nach dem Film übrigens weiter: Da wurden Rollenspieler präsentiert, die "wie damals Siegfried & Co." als "Ritter, Hexen und Inquisitoren" verkleidet waren.
Aha. Dabei spielt das Nibelungenlied im 5. Jahrhundert; es geht auf einen historischen Kern zurück, denn der bei Worms siedelnde germanische Stamm der Burgunder wurde 436/437 von Römern und Hunnen besiegt und ins heutige Frankreich vertrieben – weshalb es dort heute die Region "Burgund" gibt.
Die Inquisition wurde hingegen erst im 13. Jahrhundert von der katholischen Kirche gegründet. Und der Begriff "Hexe" tauchte erst im Spätmittelalter auf, um 1419 (die berüchtigten Hexenverfolgungen sind keineswegs ein Produkt des "finsteren Mittelalters", sondern ein Produkt der frühen Neuzeit).
Da hat Sat1 also einfach mal rund 1000 Jahre in einen Topf geworfen. Nach dieser Logik müssten irgendwann einmal auch Adolf Hitler und Karl der Große als "Zeitgenossen" bezeichnet werden.
Geistige Kleingärtnerei (fast hätte ich geschrieben: Arme Kulturnation Deutschland, aber ich habe noch Hoffnung).
Viele Grüße,
Michael Vaupel