Volatilität kann sich auch ohne Kursbewegung des Basiswertes ändern
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 26. Mai 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
Trader´s Daily-Leser K. K. fragt:
"Ich habe zu Ihrem Artikel eine Frage: wie kann sich die Vola sehr ändern, wenn sich der Basiswert nicht bewegt ? Das heißt: Auch wenn sich der Basiswert gar nicht bewegt, dann steigt der Kurs des Scheins, wenn die Volatilität zunimmt."
Meine Antwort:
Völlig richtig. Die Volatilität kann sich auch ohne Bewegung des Basiswertes ändern. Und das ist ein Punkt, der mir bei Optionsscheinen überhaupt nicht gefällt...denn wer kann das bestimmen?
Antwort: Der Emittent des jeweiligen Optionsscheines. Der kann bei einer fragwürdigen Kursstellung des Scheins jederzeit sagen (und habe ich oft genug als Antwort erhalten):
"Die implizite Vola änderte sich, das Pricing wurde entsprechend angepasst."
Soll heißen: Wir sind der Ansicht, dass sich die aktuelle Schwankungsfreudigkeit des Basiswertes (= implizite Vola) erhöht oder gesenkt hat, entsprechend haben wir die Kurse für den Schein erhöht oder gesenkt.
So eine Antwort ist eine "Totschlag-Antwort" - denn wie will man den Gegenbeweis führen, dass sich bei dem jeweiligen Basiswert die Volatilität keineswegs so deutlich geändert hat, wie vom Emittenten angegeben? Mit ein Grund dafür, dass ich Optionsscheine wirklich nur in Zeiten sehr geringer "impliziter Vola" in Erwägung ziehe, sonst lieber Hebel-Zertifikate oder sonstige Zertifikate bevorzuge.
*** Gestern hatte meine geschätzte Kollegin Miriam Kraus in ihrem "Rohstoff Daily" das Thema "Trickreiche US-Statistiker".
Finde ich ein höchst interessantes Thema - denn meiner Ansicht nach sind zumindest die offiziellen Zahlen zur amerikanischen Inflation geschönt. Und zwar zumindest bis an die Grenzen des "guten Geschmacks" (im kleineren Kreis würde ich es auch drastischer ausdrücken).
Hier zunächst die offiziellen neuesten Zahlen zur US-Inflationsfront, Konsumentenpreis-Index: Im April ist dieser um 0,8% gestiegen, gegenüber dem Vormonat. Aufs Jahr hochgerechnet ist das eine spürbare Inflation. Die sogenannte "Kernrate" soll aber um nur 0,3% gestiegen sein. Klingt beruhigender...
Nun zeichnen sich Traders Daily-Leser(innen) aber allgemein dadurch aus, dass Sie offiziellen Zahlen nicht per se trauen. Da wird gerne hinterfragt. So auch in diesem Fall.
Ich hatte dieses Thema bereits im Trader´s Daily. Da ich es aber für ein wichtiges Thema für kritische Leser(innen) halte...heute nochmals.
Ich beginne mit dem Begriff „Kern-Inflationsrate". Wie ist die definiert?
Antwort: Im Gegensatz zur „normalen Inflationsrate" (Konsumentenpreise) werden da die Preise für Lebensmittel und Energie herausgenommen.
Mit der Begründung, die seien zu volatil.
Da geht es schon los: Wenn es darum geht, eine Inflation auf Basis der Konsumentenpreise zu berechnen...
...dann sollten die großen Ausgabenposten Lebensmittel und Energie meiner Ansicht nach auf jeden Fall drin bleiben.
Das sind schließlich zwei Ausgabenblöcke, mit denen es die Konsumenten auch wirklich zu tun haben. Kinokarten, neuer Fernseher, Fahrrad...da kann ggf. gespart werden. Doch welcher Konsument verzichtet schon auf Energie (Heizung...) oder Lebensmittel?
Ist also schon mal unrealistisch, wenn man eine Schätzung der Inflation auf Konsumenten-Ebene liefern möchte...und dabei zwei der wichtigsten Ausgabenposten einfach weglässt. Per Definition.
Berechnet und veröffentlicht werden die Zahlen vom amerikanischen BLS (Bureau of Labor Statistics). Ich habe nachgeschaut, was das BLS zur Berechnung der Inflation (Konsumentenpreise) mitgeteilt hat. Das Herausnehmen der Nahrungsmittelpreise ist wohl ein längerer Prozess gewesen...finde ich ganz interessant...
...konkrete Beispiele dann morgen. Dann zeige ich Ihnen die meiner Ansicht nach "krassesten Fälle".
Bis dahin!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Gert Wanka (26.05. 2011 13:46 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, ich glaube, Sie haben die Frage des Lesers K.K. zur Volatilität mißverstanden, jedenfalls auch gar nicht beantwortet. Er meint ja wohl, wenn sich der Basiswert nicht ändert, so kann die Volatilität von der Logik her nicht größer werden, weil diese ja ein Maß für die Schwankung des Basiswertes ist. Damit spricht er von der historischen Volatilität. Die kann in der Tat nicht größer werden, wenn sich der Basiswert nicht ändert. Sie meinen aber in Ihrer Antwort offensichtlich die implizite Volatilität, die formelmäßig mittels der beobachteten aktuellen Preise der Optionsscheine berechnet wird, also eigentlich auch nicht willkürlich durch die Emittenten festgelegt werden kann. Hier deshalb noch mal seine Frage und Ihre Antwort: "Trader´s Daily-Leser K. K. fragt: "Ich habe zu Ihrem Artikel eine Frage: wie kann sich die Vola sehr ändern, wenn sich der Basiswert nicht bewegt ? Das heißt: Auch wenn sich der Basiswert gar nicht bewegt, dann steigt der Kurs des Scheins, wenn die Volatilität zunimmt." Meine Antwort: Völlig richtig. Die Volatilität kann sich auch ohne Bewegung des Basiswertes ändern." Offensichtlich ist es so, dass hier unterschiedliche Definitionen von Volatilität verwendet werden und man daher aneinander vorbeiredet. Mit besten Grüßen, G. Wanka
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