Vogelgrippe – oder: wohin wenn?
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 25. Oktober 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Zur Zeit der großen Pest glaubten die Leute in England, dass die Krankheit durch faule Luft ausgelöst wurde. Viele bauten hohe Mauern um ihre Häuser, um die schlechten Brisen abzuhalten. Andere geißelten sich, sie dachten, die Krankheit würde durch Sünden ausgelöst, welche durch Strafen erlassen würden.
Das einzige, was wirklich funktionierte, war Distanz. Generell galt, dass je weiter man sich von den Hauptpopulationszentren fern hielt, desto wahrscheinlicher konnte man überleben.
Falls also die Vogelgrippe wirklich ernsthaft ausbrechen sollte, dann wissen Sie, wo Sie mich finden. Draußen in den Pampas, fünf Stunden von der nächsten Metropole entfernt, in meiner abgelegenen Estanzia. Das letzte Mal, dass ich meine argentinische Farm erwähnt habe, war gegenüber einem argentinischen Freund in London, der sich daraufhin sofort auf den Boden warf, sich die Seiten hielt und fast an seinen inneren Organen erstickt wäre.
Diese gefährliche Attacke der Heiterkeit wurde durch meine bescheidene Unschuld ausgelöst. Draußen in der argentinischen Wildnis wäre ich nicht mehr in meinem Element, nicht mehr in meiner Liga und vielleicht auch nicht mehr bei Verstand, sagte mein Freund.
"Hast du das Anwesen gesehen?" fragte er mich.
"Aber sicher", antwortete ich.
"Wie kannst du dir sicher sein, dass das, was du gesehen hast, auch das ist, was du gekauft hast?"
"Nun, da muss ich wohl dem Immobilienmakler vertrauen ..."
Das hat den ersten Anfall ausgelöst. Der zweite betraf nicht die feststehenden Immobilien, sondern Eigentum der beweglichen Art.
"Du hast also 600 Stück Rind", begann er "aber hast du sie auch gezählt? Wo sind sie?"
"Ich weiß nicht, wo sie sind. Es ist ein großes Stück Land. Ich werde da nicht tagelang rumlaufen und Rinder zählen."
"Aber wie kannst du dann wissen, dass es 600 sind?"
"Es steht halt so im Vertrag. Wenn es sich als falsch herausstellen sollte, dann werde ich den Verkäufer eben verklagen."
Dieser letzte Satz wurde von so heftigen Lachern übertönt, dass ich mich schon fragte, ob ich vielleicht den Krankenwagen rufen sollte.
"Ich habe Neuigkeiten für dich", sagte er, als er wieder sprechen konnte, "in Argentinien läuft das nicht so. Es ist ein System, das auf Vertrauen basiert. Man kann immer darauf vertrauen, dass der Verkäufer einen anlügt. Und wenn du vor Gericht gehst, dann wird man noch mehr über dich lachen, als ich es gerade getan habe."
Geld südlich des Rio Grande zu investieren ist immer ein Abenteuer. Ein finanzielles Abenteuer natürlich. Aber das wahre Risiko betrifft die Selbstachtung des Investors. Ein Mann ist ein soziales Tier. Er fühlt sich am wohlsten, wenn er andere Männer um sich hat, die genauso sind wie er ... d.h. Männer, die genauso ängstlich und geistig träge sind wie er. Ein solcher Mann sagt, dass er immer versucht, etwas für sein Geld zu bekommen und dass er jederzeit bereit ist, die Straßenseite zu wechseln, um irgendwo billigeres Klopapier oder einen günstigeren Fernseher zu bekommen. Aber wenn er seine wirklich wichtigen Einkäufe tätigt, dann bleibt er am liebsten da, wo er ist.
Die Bank of England stellt ihm ein Papier aus, für das er über die nächsten 10 Jahre Erträge von 4,4 % bekommt. Das gleiche Geschäft kann er auch mit der amerikanischen Schatzkammer machen. Aber in Brasilien kann er fast drei Mal so viel bekommen. Und die brasilianische Regierung hat einen Vorteil. Die Handelsbilanzen sind positiv und die Inflation liegt bei nur 4,4 %. In Großbritannien und in Amerika tun die Finanzbehörden alles, um die Kredite zu stimulieren. In Brasilien unterdrücken sie diese quasi, bei Zinssätzen von der Zentralbank, die kürzlich bei 19,5 % lagen. Ja, brasilianische Anleihen zu kaufen ist ein Abenteuer, aber Anleihen von den Zentralbanken in Amerika oder England zu kaufen, könnte sich als noch aufregender herausstellen.
Preise und Risiken hängen normalerweise stark voneinander ab, so wie zwei dumme Tiere. Wenn das eine vorwärts läuft, dann tut es auch das andere. Anleihen, Aktien und Eigentum sind in Lateinamerika in der Regel billig. Bergen sie deshalb auch geringere Risiken? Vielleicht. Andererseits sind Anleihen, Aktien und Eigentum in Nordamerika und in Amerika teuer. Liegt dann nicht auch hier das größere Risiko?
Ein Pfund ist ein Dollar ist ein Peso. Ganz egal, welche Währung Sie ausgeben, in nominaler Hinsicht ist der Preis ungefähr gleich. Ich kann das nicht erklären, es ist vielleicht eher ein Zufall. Aber wenn man in London eine Tasse Kaffee bestellt, dann zahlt man drei Pfund. Die gleiche Tasse würde in New York drei Dollar kosten und in Buenos Aires bezahlt man drei Pesos. Aber der Dollar ist kaum halb so viel Wert wie das Pfund und der argentinische Peso ist nur ein Drittel so viel wert wie der Dollar. Damit liegen die realen Kosten für eine Tasse Kaffee in Buenos Aries bei einem Sechstel der gleichen Tasse in London.
Das gilt mehr oder weniger auch für die Immobilienpreise. Für den Preis eines einzelnen Stadthauses in London kann man in fast jeder Stadt Lateinamerikas ein ganzes Wohngebäude kaufen. Ein Luxusappartement in Buenos Aires, einer Stadt, die es an Charme, Lebendigkeit und Kultur mit fast jeder europäischen Hauptstadt aufnehmen kann, kriegt man immer noch für 750.000 Pesos. Man kriegt nichts Gleichwertiges in New York für 750.000 Dollar, vielleicht in Cleveland, Philadelphia oder Pittsburgh. Und in London käme man nicht einmal in die Nähe von etwas Gleichwertigem für den sechsfachen Wert. Wedeln Sie mit dem Geld vor einem Londoner Immobilienmakler herum und er wird Ihnen ein Bett in der Jugendherberge anbieten. Ebenso könnte man für den Preis eines bescheidenen Landhauses in England eine 100.000 Morgen-Farm in Paraguay oder Argentinien kaufen ... oder ein luxuriöses Haus an einem privaten Strand in Nicaragua.