Vietnam!
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Global Anlegen
vom 4. Juli 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
Heute möchte ich Sie mal auf einen „schönen Emerging Market" aufmerksam machen:
Vietnam.
Meiner Ansicht nach sehen wir hier jetzt Kaufkurse. Gerade nach der deutlichen Korrektur der letzten Monate.
Denn die vietnamesischen Aktien haben seit Jahresanfang rund zwei Drittel ihres Wertes verloren. Zwei Drittel!
Zunächst zu den negativen Punkten:
- Vietnam hat eine hohe Inflation, von derzeit rund 25%.
- Vietnam hat ein stark wachsenden Außenhandelsdefizit. 2007 lag das Minus bei 12 Milliarden Dollar, zwischen Januar und Mai 2008 waren es schon 15 Milliarden Minus. Das bedeutet: In den ersten 5 Monaten 2008 importierte Vietnam für 15 Milliarden Dollar mehr, als es exportierte.
Diese beiden Punkte haben dazu geführt, dass ausländische Investoren dem vietnamesischen Aktienmarkt eindeutig den Rücken zugekehrt haben. Massive Verkäufe haben die Kurse der vietnamesischen Aktien deshalb einbrechen lassen. (So kam das Minus von rund 65% zustände).
Jetzt heißt es antizyklisch denken.
Vietnam ist derzeit ein Markt, den kein oder kaum ein Ausländer mit der Kneifzange anrühren möchte. Massiv gefallene Aktienkurse (im Mai ging es jeden Tag bergab!), hohe Inflation, steigendes Außenhandelsdefizit. Und so einen Markt empfehle ich?
Rhetorische Frage...denn zu Beginn habe ich bereits gesagt, dass ich genau das tue. Aus diesen Gründen:
Im Juni ist die Zentralbank Vietnams auf einen Zinserhöhungskurs eingeschwenkt. Sie möchte die Inflation bekämpfen, hat deshalb die Leitzinsen auf 14% erhöht. In einer Juni-Woche erhöhte sie die Leitzinsen gleich um 2 Prozentpunkte. Es sieht so aus, als ob die vietnamesische Führung nun wirklich ernsthaft gegen die Inflation im eigenen Land vorgehen will. Ziel der Regierung: Einstellige Inflationsrate. Für einen Emerging Market wie Vietnam ist das schon ein Erfolg.
Und was das Außenhandelsdefizit Vietnams betrifft: Das sollte auch sinken! Dafür sprechen einige Punkte:
Zu den größten Punkten auf der „Einkaufsliste Vietnams" gehören Maschinen und Benzin.
Aber viele dieser Maschinen sind für den Aufbau eigener Fabriken und Infrastruktur bestimmt.
Das sind sehr sinnvolle Importe - das relativiert das Minus in der Handelsbilanz. Ich finde, die Situation ist ähnlich wie die in der alten Bundesrepublik der 1950er: Da gab es zunächst auch noch ein Minus in der Handelsbilanz, weil Maschinen etc. importiert werden mussten. Diese wurden aber zum Aufbau einer eigenen Industrie genutzt, welche bekanntlich später „brummte" und dazu führte, dass sich das Minus in der Handelsbilanz in ein starkes Plus verwandelte. Und dieses Plus hat bis heute Bestand.
Ähnlich könnte es in Vietnam werden.
Ein Beispiel (aus der Realität): Vietnam importiert in diesem Jahr Maschinen und Ausrüstung für eine Öl-Raffinerie. Gut, das kostet erstmal.
Doch bedenken Sie: Vietnam muss bis jetzt das im Land geförderte Erdöl exportieren, das wird dann im Ausland raffineriert und Benzin wird importiert.
Ist es da nicht viel vernünftiger, eine eigene Raffinerie aufzubauen, damit das eigene Erdöl auch im eigenen Land weiter verarbeitet werden kann?
Klar.
Alleine dies wird sich ab 2009 positiv in der vietnamesischen Handelsbilanz auswirken. Und so etwas nehmen Börsen normalerweise vorweg.
Ähnlich die Entwicklung bei Stahl, welcher bis jetzt massiv importiert werden muss - gleichzeitig ist Vietnam dabei, eigene Produktionskapazitäten aufzubauen.
Ok, dann ist die Handelsbilanz mal eben stärker im Minus, weil die notwendigen Maschinen importiert werden müssen. Aber das ist doch volkswirtschaftlich vernünftig! Es handelt sich um keine „konsumtiven" Importe, welche direkt verbraucht werden.
Es ist doch ein Riesen-Unterschied zwischen einem Land, das ein Handelsbilanzdefizit hat, weil es Maschinen zum Aufbau von Raffinerien oder Fabriken importiert, und einem Land, das ein Minus hat, weil es Playstations und billige Klamotten einführt.
Und jetzt nehmen Sie noch folgende Faktoren hinzu:
In Vietnam wachsen die Unternehmensgewinne zwischen 20 und 40% pro Jahr.
Vietnam liegt seit der Jahrtausendwende weltweit auf Platz 3, was das Wirtschaftswachstum betrifft.
Das Wachstum geht weiter: So prognostiziert das Brokerhaus Goldman Sachs, dass Vietnam noch bis 2020 um durchschnittlich 8% pro Jahr wachsen wird.
Und nun dies: Sie können derzeit vietnamesische Aktien zu einem Drittel des Preises von Ende 2007 kaufen.
Ich finde: Auch wenn es noch ein paar Prozentpunkte nach unten gehen sollte (den absoluten Tiefpunkt erwischen eh nur Lügner oder sehr glückliche Menschen, ich denke ich bin keins von beiden)...das Chance/Risiko-Profil für vietnamesische Aktien ist jetzt richtig gut.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende,
Ihr
Michael Vaupel
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