Viel zu schnell bearish alles
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 25. September 2006 18:00 Uhr
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Kaum gibt es mal zwei schwache Tage kommen überall die Bären aus ihren Höhlen gekrochen, und das kurz vor ihrem Winterschlaf. Nein, meine Herrn Bären, so wird das nichts, mit der Baisse. Wenn immer alle bei den geringsten Unannehmlichkeiten ins Bärenlager hüpfen und sich in epischen Längen über all die bekannten Gefahren und Sorgen des Marktes auslassen, wer soll dann bitte schön Stück für Stück aus dem Markt gedrückt werden? Wie soll so eine längere Baisse entstehen?
Aktien sind zu billig in Relation zu den Zinsen
Ich sehe auch gar nicht das Umfeld für eine "längere" Baisse. Dafür sind Aktien in Relation zu den immer noch niedrigen Zinsen viel zu billig. Geld will Rendite! Und mir hat noch keiner geschrieben, wo das ganze Geld denn nun hin will. Das Geld, das aus den Rohstoffen abgezogen wird, das, was dem Immobilienmarkt in den USA nicht mehr zur Verfügung steht, etc, etc.
Zudem fällt der Ölpreis weiter. Rohstoffe, Immobilien und Ölpreis (vom Gaspreis will ich gar nicht erst reden, der ist komplett in sich zusammengebrochen) fallen. All diese bisher preistreibenden Effekte sind zumindest zurzeit auf direkten Weg in die Katakomben unter dem düstersten Keller der USA.
Das US-Wirtschaftswachstum kühlt sich massiv ab. Der Volkswirt sagt: Wachstum fördert Inflation. Schwächelt das Wachstum, wird sich auch das auf die Inflation auswirken – dämpfend.
Inflation und jetzt?
Aber der Markt, insbesondere die ganzen Bären ignorieren diese Fakten, als ob sie auf diesem Auge blind seien. Dabei war doch Inflation das Thema, was seit Wochen und Monate alle in Angst und Schrecken versetzt hatte. Jetzt werden eher wieder die schon lange bekannten Fakten diskutiert.
Die interessanteste Frage zurzeit: Fällt die US-Wirtschaft in eine Rezession?
Falscher Ansatz
Dabei wird die Diskussion meines Erachtens falsch geführt. Es ist vollkommen unerheblich, OB die USA in eine Rezession abrutscht. Wichtig ist, WIE LANGE sie dort drin bleibt. Eine Rezession bedeutet nicht gleich massiv fallende Märkte, auch wenn diese Tatsache nicht in die Köpfe vieler Anleger und Volkswirte will.
Rezession ist wieder so ein „Angstwort“. Und die Massen lieben „Angstwörter“. Es ist normal, dass solche Wörter die Runde machen. Ölpreis über 100, Inflation, Septemberschwäche, Oktobercrash, Rezession – es sind immer die gleichen Verdächtigen. Hatten die Anleger in den letzten Monaten gehofft, dass die US-Wirtschaft sich abschwächt, wegen der Inflation und dann eventuell sinkenden Zinsen, ist es jetzt das Erhoffte selbst, die „Rezession“ zum Angstwort Nummer 1 geworden. Nur kaum jemand fragt, was denn dahinter steckt.
In der Mitte der Rezession finden die Börsen ihren Boden
Fakt ist, dass in der tiefsten Rezession die Börsen anfangen zu steigen! Lange bevor sich eine Erholung der Wirtschaft abzeichnet. Ebenso können Börsen bereits fallen, wenn die Wirtschaft noch boomt. Die Börse läuft der Entwicklung der Wirtschaft tendenziell voraus. Viele sehen jedoch eine viel zu enge Verbindung zwischen Börse und Wirtschaft.
Es gibt viele Einflüsse auf die Börse, die Wirtschaft ist nur einer davon. Die wichtigste Frage ist immer: Wo fließt das Geld hin? Dann kommen noch ein paar andere Fragen und irgendwann taucht dann auch die Frage auf, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird.
Also, die Frage ist, werden wir, wenn überhaupt, nur eine kleine Rezession erleben und hat der Einbruch im Mai diese vielleicht schon vorweg genommen?
Alles diskutieren hilft nicht, die Börse hat immer Recht
Darüber kann man nun trefflich spekulieren und diskutieren. Ich mache es mir da einfach. Ich achte darauf, was die Charts anzeigen. Schafft der Dow Jones sein Allzeithoch nachhaltig, wird es (wenn überhaupt) nur einen kurzen Dip in eine Rezession geben. Schafft er es jedoch nicht, dann könnte es tatsächlich zu einer längeren Phase mit rezessiven Tendenzen kommen.
Es besteht natürlich kein Zweifel: Wenn wir am Anfang einer „großen Rezession“ stehen würden, müssten wir zunächst mit weiter fallenden oder seitwärts laufenden Kursen rechnen.
Uns interessiert also nur, was der Markt macht. Somit müssen wir uns nicht an den ewigen Diskussionen um Hinweise und Indikatoren, um Fakten und Fäktchen kümmern. Wir warten einfach ab, was passiert. Bis jetzt ist noch nicht viel passiert, dazu müssten die Kurse schon deutlicher und nachhaltige nachgeben. Wie gesagt, in der Nähe solcher Marken kommt es gerne zu allerlei unmotivertem Hin und Her.
Kurz vor dem Winterschlaf
Derweil genießen wir, wie die Bären (nach nur zwei fallenden Tagen, kurz unter dem Allzeithoch des Dow Jones) wieder zu alter Größe zu finden. Neben der Rezession bleibt Lieblingsthema: Der US-Immobilienmarkt. Gerade wenn mein Kollege Bill Bonner nun doch wieder in den buntesten Farben den Untergang des US-Immobilienmarktes predigt (was er schon seit Anfang 2003 beständig getan hat) sollte man vorsichtig werden, dann dürften wir uns in der Nähe des Bodens beim Immobilienmarkt befinden.
Und es gibt sogar einen Grund, warum der Einbruch des Immobilienmarktes bald (Anfang nächsten Jahres) sein Ende finden könnte: Der Markt preist mittlerweile sinkende Zinsen ein. Ja, und sinkende Zinsen würden natürlich den Immobilienmarkt wieder unterstützen. Aber psst – sagen Sie es niemanden weiter.
Kaufe, wenn die Zinsen sinken
Doch nicht nur das. Wie sagte der Altmeister der Börse, Kostolany: Wenn die Zinsen sinken, kaufen, wenn sie steigen verkaufen. Hinzu muss man noch die relative Höhe der Zinsen nehmen. Hinzufügen ist: „Wenn die Zinsen deutlich unter 5 % stehen, ist es für die Wirtschaft stimulierend.“
Also, die Fed braucht gar nicht viel zu tun, sie muss nur die Zinsen „etwas“ senken, um wieder in den stimulierenden Bereich zu kommen. Sollte sich also tatsächlich eine Rezession abzeichnen, werden die Zinsen gesenkt werden. Die Fed muss zudem keine weiten Wege gehen, um die Zinsen auf ein stimulierendes Niveau zu bringen. Sinkende US-Leitzinsen werden wieder neues Kapital in die Märkte treiben. Ich denke aber, die Fed wird nun in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren keine so großen Zinsbewegungen mehr vornehmen, wie wir sie in den letzten 5 Jahren zu sehen bekommen haben. Sie wird eher feinjustierend eingreifen und damit auch hier Ruhe in den Markt hineinbringen.
Noch ist alles offen
Das heißt alles nicht, dass die Börse in den nächsten Tagen und Wochen nicht noch weiter fallen könnte (siehe Dow Jones Chart vom Freitag), wir sind immer noch im September, noch sind die Inflationsdaten, die durch den fallenden Ölpreis positiv beeinträchtig werden, nicht veröffentlicht. Noch steht die Berichtsaison zum dritten Quartal an. Auch das kann sich belastend auswirken. Aber die wirklich bearishen Marken sind weit entfernt.
Gefahren bleiben natürlich bestehen: Ein wieder dramatischer steigender Ölpreis, geopolitische Faktoren, ein stark fallender Dollar, etc, etc. Aber wenn es keine Gefahren mehr gäbe, welche die Masse davon abhalten würde zu investieren, dann würde ich Puts kaufen....