Viel Lärm um Nichts
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 03. Februar 2006 12:00 Uhr
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Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich alt und verbittert werde. Aber wenn ich in diesen Tagen meinen Fuß in ein College setze, dann ist es so, als würde ich eine fremde Welt betreten. Ich mache mehrmals in der Woche bei solchen Gelegenheiten diese außerirdischen Erfahrungen, wenn ich auf meine Kinder warte, sie von ihren verschiedenen Sport – und Musikstunden abhole, die in diesem Tempeln der höheren Bildung stattfinden.
Das auffälligste Phänomen, dessen ich dabei gewahr wurde, ist das kommunikative Verhalten von jungen Hochschülerinnen mit ihren Mobiltelefonen.
Stellen Sie sich eine Gruppe von ihnen vor, die durch einen Gang laufen. Sie sind ein bisschen unsicher auf den Beinen, wie Leute die in den vergangenen Jahrtausenden liefen, während sie gleichzeitig Kaugummi kauten, lasen oder anderweitig abgelenkt waren. Das liegt daran, dass jede von ihnen ein Mobiltelefon am Ohr hat und so eine eigenbrötlerische kommunikative Blase erzeugt, die neben den ebenso isolierten Gleichaltrigen auftaucht. Betrachtet man sie alle zusammen, dann erzeugen sie eine verbale Kakophonie, deren wiederkehrendes Motiv aus Kombinationen von "irgendwie", "irgendwie total", "ach halt den Mund", "krass" und verschiedenen Anrufungen des Herren "Oh mein Gott", bestehen.
Ich empfinde Mitleid mit den Vätern, die die Rechnungen für diese philosophischen Unterhaltungen in den Kreuzgängen bezahlen müssen. Und mit dem unglücklichen Mitarbeiter beim Geheimdienst, dessen Fehlverhalten im Büro nicht mit Toilettendienst sondern mit dem Abhören der Unterhaltungen von Collegemädchen geahndet wurde.
*** Einmal im Monat treffen sich die Alumni der deutschen Studentenverbindungen und schlagenden Verbindungen in einem Restaurant in Washington zum Abendessen.
Obwohl es sich dabei um wirklich angenehme und unterhaltsame Versammlungen von Berufstätigen in gehobenen Positionen und hier und da einem studentischen Besucher aus der alten Heimat handelt, habe ich in den vergangenen 15 Jahren an nur zwei dieser Treffen teilgenommen. Mich hindern die Stundenpläne meiner Kinder, mein eigener Ehrgeiz beim Fechten und die Arbeit normalerweise daran, mich mitten in der Woche auf die anderthalbstündige Fahrt nach Washington zu machen. Außerdem bin ich kein großer Freund der Botschafts- und Hochschulkultur, um die es dabei auch immer geht.
Und abgesehen davon kenne ich die organisierte deutsche Ungeselligkeit gut genug, um zu wissen, dass dort die ehrwürdigen Dienste des Schatzmeisters und des Schriftführers in Zukunft auf mich warten würden, wenn ich mir die Treffen zur Gewohnheit machte.
Uns so wie die Dinge im Moment aussehen, ist die Aussicht zum Hilfsgruppenleiter bei den Pfadfindern ernannt zu werden, das höchste der Gefühle, besten Dank.
Beim letzten Mal, als sich bei diesem monatlichen Treffen teilnahm, traf ich auf einen interessanten Zeitgenossen. Er war in meinem Alter und vor mehr als zehn Jahren in die USA emigriert, um ein IT-Unternehmen aufzubauen. Anfangs lief alles nur sehr schwer an. Aber er fasste schon ganz am Anfang Fuß in Entwicklungen einer 'Instant-Messaging'-Technologie und erhält jetzt Lizenzgebühren auf die riesigen und exponentiell wachsenden Aufkommen von Instant-Messaging Systemen.
Sein letztes Geschäft hing mit Klingeltönen zusammen. Diese hatten in Europa schon sehr viel früher ihren Siegeszug angetreten als in den Staaten. Bei dem Versuch, diesen technologischen Rückstand auszugleichen, ist es ihm gelungen, auch für sich selbst ein gutes Stück des Kuchens zu sichern.
Stellen Sie sich das nur einmal vor. Mobiltelefone, Instant Messaging und Klingeltöne waren noch vor 15 Jahren entweder unbekannt, unentdeckt oder einfach unbedeutend. Diese drei machen heute Industrien mit einem Volumen von mehreren Milliarden Dollar aus, deren Hauptabnehmer junge amerikanische Plaudertaschen sind, die im Monat mehr Geld für diese Dienstleistungen ausgeben, als ihre Eltern einst für die Telefonrechnungen eines ganzen Jahres.
Es sind die ultimativen Eintagsfliegen. Es geht einfach nur um Informationen, die keinen eigenen Wert haben. Und doch sind die Leute bereit, mehr Geld für diese Dienste auszugeben, als für eine Gallone Benzin, um zur Arbeit und wieder zurück zu kommen. In Ländern wie Deutschland zählen die Handyrechnungen schon zu den Hauptursachen privater Konkurse der Leute.
Wenn sie einen Vergleich dafür im industriellen Zeitalter suchen, dann kommt die Zufuhr von komprimierter Luft in Artikel wie Rasierschaum und Sahne der Sache am nächsten. Indem man die (nahezu) kostenlose Luft zur Seife hinzufügt, erhält man Rasierschaum in Druckluftflaschen die man für einen höheren Preis verkaufen kann, obwohl sie nur ein Zehntel so lang halten.
Indem man kostenlose Luft zum Frischkäse hinzufügt, erhält man ein Produkt, das unter dem Namen "Einstein Brothers' double-whipped cream cheese" in den amerikanischen Supermärkten angeboten wird und das deutlich weniger Käse erhält als die feste Variante.
Doch werden die Leute sich nur einmal am Tag rasieren und nach einem Bagel mit doppelt-geschlagenem Frischkäse satt sein.
Telefonieren können sie den ganzen Tag.
Und wenn sie demnächst wieder hören, dass sich die Politiker beschweren, das die "guten Stellen in der Herstellung" das Land verlassen, dann sollten sie im Hinterkopf behalten, dass dies das Informationszeitalter ist, und das die profitabelsten Industrien heute so etwas sind, wie eine Sendung von Seinfeld – "Eine Sendung über Nichts"