Verzweifelte Regulierungswut
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 23. August 2011, 20:30 Uhr
ENL5454
In der vorletzten Woche war es wieder einmal so weit: die politischen Entscheider in Frankreich, Italien, Spanien und Belgien griffen einmal mehr zum letzten verzweifelten Mittel, um die Märkte in eine genehme Richtung zu lenken. Leider haben die politischen Entscheider aus der Geschichte nicht gelernt, dass jenes Mittel nicht dazu angetan ist, nachhaltig fallende Kurse zu verhindern.
Immer sind die Short-Seller schuld...
...wenn mal wieder die Aktienkurse fallen! So alt diese Aussage ist, so sehr zeigt sie aber immer vor allem eine panische Verzweiflung bei den Politikern auf, welche gerade ein Leerverkaufsverbot durchführen. Denn das Short-Selling (Leerverkäufe) besteht seitdem es Börsen gibt und wird seit Jahrhunderten immer dann verboten, wenn der Politik die Richtung des Marktes nicht schmeckt.
Doch der Erfolg lässt fast immer zu wünschen übrig
Aufgescheucht durch fallende Kurse gaben am 11.August Frankreich, Italien, Spanien und Belgien ein Leerverkaufsverbot bekannt - hauptsächlich für Finanztitel im Aktienmarkt, Spanien erließ zusätzliche Restriktionen für den OTC-Markt. Die Verbote gelten zunächst einmal bis zum 26.August. Die Folgen dieses Verbotes lassen sich zum Beispiel an der Aktie der SocGen sehr gut ablesen: die Aktie konnte von ihrem Tief am 11.August zwar zunächst deutlich steigen, gab aber ab Mittwoch vergangener Woche schon wieder deutlich nach.
Dies ist keineswegs ungewöhnlich, denn die Geschichte lehrt uns, dass Leerverkaufsverbote sich im Nachhinein nicht nur als denkbar ineffektiv erweisen, sondern die Probleme sogar noch verschärfen können. Jüngstes Beispiel: die letzte Leerverkaufsverbotswelle in 2008. Damals wurde in den USA nach dem Kollaps der Lehman Brothers ein temporäres Leerverkaufsverbot für Finanztitel eingeführt. Die Folge: kurzfristig legten die Märkte zwar zu, aber innerhalb von nur 3 Wochen hatten sich die zwischenzeitlichen Gewinne wieder verflüchtigt. Im Durchschnitt fielen die Kurse der vom Leerverkaufsverbot betroffenen Aktien hernach um 25%, während der S&P insgesamt um 21% nachgab.
Warum?
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Nun zum einen, weil der Druck auf die Kurse nicht zwangsläufig nur von "bösen" Leerverkäufern ausgeht, sondern eben auch von Investoren, die ihre Anteile verkaufen. Die Crux dabei: Aktien, die von einem Leerverkaufsverbot betroffen sind, geraten oftmals noch viel stärker in den Fokus der Verunsicherung. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass durch ein Leerverkaufsverbot eine normale Preisfindung erschwert wird und die Liquidität sinkt.
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Zweitens sind Leerverkäufe nun einmal wichtig für viele Marktteilnehmer (und nicht nur für "böse" Spekulanten), in Form einer Absicherungsstrategie. Und wer auf solch eine Absicherungsstrategie nicht verzichten will oder kann, wegen des Risikomanagements, der muss eben andere Wege finden um seine Positionen oder das Gegenpartei-Risiko (im Falle von Banken) abzusichern. Dies geschieht dann zum Beispiel mit Hilfe von synthetischen Short-Positionen über Derivate, wie Futures und Optionen. Aufgrund der Verbote und Restriktionen ist der Marktteilnehmer dann aber oft gezwungen, strategisch so vorzugehen, dass im Endeffekt, neben den vom Leerverkauf ausgeschlossenen Titeln, ein ganzer Index betroffen ist. Ein Beispiel: ein Marktteilnehmer will sich gegenüber dem Kursverfall der SocGen absichern. Weil Leerverkäufe in der Aktie verboten sind, shortet der Markteilnehmer einfach einen Index-Future, in dem die Aktie enthalten ist und kauft zugleich die Aktien der übrigen im Index enthaltenen Titel. Eine andere Möglichkeit wäre, Short-Positionen in anderen Finanztiteln (da sich die aktuellen Leerverkaufsverbote auf Finanztitel beziehen) einzugehen, welche nicht vom Leerverkaufsverbot betroffen sind, da ein möglicher Zusammenbruch einer Bank (und leider wachsen die Sorgen bezüglich eines solches Kollaps immer gerade für die Aktien, für die ein Leerverkaufsverbot ausgesprochen wird) auch die übrigen Finanztitel unter Druck setzen würde. Oder man shortet gleich einen ganzen Finanz-Index. Und sollten gar die Terminmärkte mit Restriktionen bedacht werden, wie zuletzt in Frankreich, dann sichern sich die Marktteilnehmer eben auf die gleiche Weise über Indizes in anderen Ländern ab. Oder anders gesagt: wer französische Banken nicht shorten kann, der shortet dann eben deutsche Banktitel, oder auch gleich den DAX-Future. Und schließlich gibt es auch immer noch die Möglichkeit in New York ADRs der betreffenden Titel leer zu verkaufen.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Albert Karl (24.08. 2011 01:47 Uhr):
SgFrau Kraus, schön, dass Sie wieder an Bord sind. Ich hoffe, Sie hatten gute Tage im Kreise Ihrer Lieben. Zu Ihrem heutigen Beitrag muss ich Ihnen beim Thema Verbot von Leerverkäufen widersprechen, das ist mir zu pauschal brav dargestellt ohne auch die Verwerfungen aufzuzeigen. Deshalb bitte nachstehend nochmals mein Hinweis, den ich gestern an einen Ihrer Kollegen abgegeben habe: "Sehr geehrter Herr Kelnberger, wenn Sie im Absatz: Der Politik fehlt das Fachwissen, schreiben, dass Goldberg das Leerverkaufsverbot kritisch sieht, dann kann er das ja so sehen. Auch sein Hinweis in Bezug auf den freien Markt kann man so stehen lassen, nur , wir wollen keinen Betrugsmarkt!! Und hier scheiden sich eben die Geister. Wir wissen doch: Auch Betrug und Schwindel nehmen gegen Ende eines Booms überhand - eine Folge der Tatsache, dass das unangestrengte Geldverdienen offensichtlich als ein von der Natur gegebenes Recht angesehen wird. Ich erinnere mich noch: So kam es während der Technologieblase zu vielen Fällen, die im Nachhinein wie Betrug aussahen. Die altehrwürdigen deutschen Banken und die Deutsche Börse, denen Millionen Privatanleger in der Technologieblase vertrauten, waren hiervor keinesfalls gefeit. Hedge-Fonds sind - wie auch wir Kleininvestoren wissen - auch derzeit noch die Speerspitze der globalen Spekulation. Man muss sich das mal als ehrbarer Kaufmann vorstellen: Sie können Leerverkäufe tätigen und sich beliebig verschulden, ohne von einer Finanzaufsicht überwacht zu werden. Zudem sind ja Hedge-Fonds oft hochvolatil und riskant. Man sollte also denken, dass es so ziemlich der schlechteste Ort für Pensionsfonds oder konservative Investoren ist, ihr Geld zu investieren. Dennoch schaffte es die Investmentbank Credit Suisse First Boston im Mai 2002, ein Portfolio von Krediten an Hedge-Fonds in Höhe von 250 Mio. Dollar in eine hochwertige Anleihe umzuwandeln, die sie >Colla- teralized Fund Obligation<< nannte. Die Anleihe wurde ohne Probleme in mehreren Tranchen plaziert. Der ganze Prozess geht halt so lange gut, wie das Finanzsystem insgesamt nicht in ernsthafte Probleme gerät. Wenn aber die Kreditversicherungen nicht mehr erfüllt werden können, bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Investoren, die dachten, dass sie Anleihen höchster Bonität im Portfolio haben, merken dann plötzlich, dass sie Junk Bonds gekauft haben. Soviel zum Finance-Experten Joachim Goldberg, der das Leerverkaufsverbot kritisch sieht und es sich sehr einfach macht, in dem er feststellt: "Bewiesen wurde wieder mal nur, wie uneins die EU agiert". Sorry, für die Länge der Gedanken. A.K " Und wenn wir schon beim Thema sind: Eine weitere und besonders - aus meiner kleinen Anleger-Sicht - brisante Variante stellen die sogenannten Finanzderivate dar. Nicht umsonst hat Warren Buffett diese Klasse von Wertpapieren als so gefährlich bezeichnet, dass sie als >>finanzielle Massenvernichtungswaffen eine Megakatastrophe << auslösen können. Noch relativ einfach zu verstehende Derivate (Verträge, die ihren Wert von einem zugrunde liegenden Vermögensgegenstand ableiten) sind für mich Optionen. Und wie wir beide wissen, wird es richtig kritisch bei den Terminkontrakten. Aber man muss sich auch vor Augen halten: Allein die Kontrakte für Zinsderivate hatte beispielsweise 2003 einen Wert von 124 Billionen Dollar und 2005 war diese Zahl auf 201 Billionen Dollar gestiegen. Das Weltsozialprodukt betrug im selben Jahr nur ca. 46 Billionen Dollar. Es ist auch nicht so, dass Optionen eine hervorragende Absicherung (Hedge) gegen Kursschwankungen seien. Aber: wie alle Versicherungen kostet die Option Geld. In vielen Fällen bezahlen Investoren mit Sicherheit zuviel - um dennoch nur eine Scheinsicherheit zu erhalten. Meine Bank bietet mir als Privatanleger immer wieder Produkte mit angeblichem "Sicherheitspuffer" an, zum Beispiel Discount- oder Bonus- Zertifikate. Dabei ist mir schon bewusst, dass solche Produkte für meine Hausbank seit Jahren sprudelnde Ertragsquelle darstellt - aus dem einfachen Grund, weil Privatanleger oft nicht genau nachrechnen können. Letztlich sind das alles Wetten auf die Zukunft, bei denen man meistens den gesamten Einsatz verlieren kann, die Bank aber immer prächtig verdient. Mit seriösen Investments hat dies für mich nichts zu tun! Zusammengefasst: Fakt ist, es fehlen natürlich weiterhin klare Signale der Politik, die zur Beruhigung der Märkte beitragen. Hinzu kommen schwache Konjukturdaten, die die Angst vor einer neuen Rezession oder Deflation (USA) verstärken. Ich gehe aber davon aus, dass die Börsen mit den massiven Abschlägen momentan bereits das Schlimmste-Fall-Szenario einpreisen, nämlich ein erneutes Abrutschen in die Rezession. Deshalb gilt für uns als Kleinanleger doch nur eine Devise: Ruhe bewahren! Oder um es mit Kostolany zu sagen: "Politische Börsen haben kurze Beine". Gute Nacht und Servus aus München Ihr freudiger Leser Albert Karl.
Antworten - Kommentar von Klaus Striegel (24.08. 2011 07:37 Uhr):
Hallo Frau Kraus, Ihre Meinung geht an den Fakten vorbei. Offensichtlich sind Sie mit dem ganzen Banken-Spekulantentum schon so verwachsen ,dass Ihnen der klare Blick verloren geht.Es kann nicht sein, dass Leerverkäufe (ob Aktien, Weizen oder Öl) ein vielfaches der körperlich existierenden Waren ausmachen können. Dort krankt das System und das gehört zusammen mit anderen Auswüchsen der sogenannten Investmentbanker rigoros ausgerottet.Das zerstört unser Wirtschaftssystem und die Gesellschaft.
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