Verspäteter Neujahrsvorsatz
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 02. Februar 2006 12:00 Uhr
ENL5454
*** Wie soll man das (offizielle dänische und norwegische Entschuldigung für die Publikation von 12 Karikaturen des Propheten Mohammed) nennen? Präventive Kapitulation? Selbstmord aus Angst vor dem Tod? Beitrag zum multikulturellen Leben, in dem eine Gruppe die angegriffene spielt und die andere sich sofort von sich selbst distanziert? Oder einfach nur das Zusammentreffen von Erpressung und Opportunismus?"
- Henryk Broder, 31. January 2006
*** "Schau mal da, ein Neujahrsvorsatz", sagte mein zwölfjähriger Sohn und deutete aus der Windschutzscheibe.
Und tatsächlich, so langsam und zäh wie der Plot eines Francois Truffault Film, arbeitete sich ein Nachbar den Hügel hinauf, sein Gesicht von Schweiß überströmt und dennoch blass. Seine Füße bewegten sich, als seien sie in Zement gegossen. Der Anblick führte dazu, dass ich zwischen Schrecken und Mitleid hin und her gerissen wurde.
Der emotionale Reinigungsprozess, den die Griechen als Katharsis bezeichnen, setzte ein. Der analytische Teil meines Gehirns rechnete aus, dass der Nachbar bei dieser Geschwindigkeit Fett von der Größe eines Tic-Tac-Dragees verbrannte.
Das bedeutet, dass er hätte bis nach South Dakota laufen müssen, ehe er sich nach den Zahlen des Body-Mass-Index im Bereich der "Übergewichtigen" befunden hätte.
Wie sehr ähnelte er all diesen Neujahrsentschlossenen, die sich jedes Jahr dazu entschließen, nach Jahrzehnten, die sie von der Hand in den Mund gelebt haben, jetzt endlich die Finanzen in den Griff zu bekommen. Die sich entschließen, jede Woche Hundert Dollar zur Seite zu legen, und damit die erste Million erreichen wollen. Ein gewagtes Unterfangen, bei dem Fortschritt und Erfolg sich in so kleinen Zuwächsen zeigen, dass unsere Gemüter, die auf sofortige Befriedigung ausgerichtet sind, oft schon nach einem Monat wieder aufgeben.
Doch trotz dieser scheinbar unüberwindbaren Distanz zwischen dem Dicken und dem der Pleite ist, der Gegenwart und den blassen Konturen einer fitten und abgesicherten Zukunft, gibt es keine andere Möglichkeit, als gute Absichten in die Tat umzusetzen. Ohne diese ersten hundert Dollar, die man vom täglichen Konsum abzweigt, um Reichtum aufzubauen, um einen unantastbaren Kapitalstock aufzubauen, den man investieren und reinvestieren kann, wird man nie die Million erreichen. Ohne die unbeabsichtigte Belustigung eines Zwölfjährigen, der noch wie von selbst so schlank ist wie eine Bohnenstange, wird der Mann der vor uns herläuft, kein einziges seiner Pfunde loswerden.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass unser übergewichtiger Nachbar bereits in einem Monat schon wieder mit der gleichen alten Birnenform vor den Gerichtssendungen im Fernsehen dahin vegetieren wird. Andererseits, wenn er sich an seine Übungen hält, täglich laufen geht und auch seine Essgewohnheiten umstellt, dann wird er vielleicht in drei oder vier Jahren so aussehen wie Charles Atlas.
Das weicht jetzt ein bisschen von der Predigt ab, die ich meinem Sohn auf dem Weg zu seiner Oboe-Stunde hielt. Konnte ich etwas von meiner Weisheit vermitteln, eine Saite bei ihm zum schwingen bringen und seinen Geist öffnen? Wer weiß. Er verließ das Auto mit den erinnerungswürdigen Worten: "Kann ich einen Dollar für eine Limo haben?" und rannte aus dem Auto wie eine Antilope in zu großen Turnschuhen.