Vernünftige Erwartungen
Von unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 08. Januar 2003 18:00 Uhr
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In den letzten beiden Tagen hatte ich den Aktienmarkt und die US-Wirtschaft unter die Lupe genommen. In beiden Fällen hatte ich nicht prognostiziert, was passieren WIRD, sondern nur das, was passieren SOLLTE. Dieses "sollen" ist gut genug für mich; das zu prognostizieren, ist das Beste, was ich tun kann.
Die Aktien können 2003 steigen oder fallen, aber man SOLLTE sie nicht kaufen, liebe(r) Leser(in). Die Bewertungen – basierend auf dem KGV – sind jetzt schon 2 bis 3 Mal so hoch wie der langjährige Durchschnitt. Natürlich können die Aktienkurse steigen ... aber es wäre unvernünftig, das zu erwarten.
Auch die amerikanische Wirtschaft sollte weiter bergab gehen. Vielleicht werden die Stimulierungen von Mr. Bush oder die von Mr. Greenspan genug sein, um die Wirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zu bringen. Vielleicht wird die Wirtschaft dank der gewaltigen Mengen an heißer Luft, die in sie gepumpt werden, in den nächsten ein oder zwei Jahren weiter expandieren. Ich weiß es nicht. Aber es ist unvernünftig zu erwarten, dass ein solcher großer Boom nicht früher oder später in einem gewaltigen Knall enden würde. Früher oder später, auf die eine oder andere Art, müssen schließlich die Fehler der vergangenen Spekulationsblase voll korrigiert werden.
Ein vernünftiger Mensch erwartet, dass die Dinge eintreten, die passieren sollten. Ein Idiot sollte von seinem Geld getrennt werden. Ein Mann, der einen Freund betrügt, sollte in der Hölle schmoren. Ob das alles tatsächlich eintritt, können wir natürlich nicht selbst entscheiden ... aber wir können hoffen, dass es so sein wird. Und was für einen besseren Weg, Entscheidungen zu treffen, gibt es, als herauszufinden, was passieren sollte, und dann so zu handeln, als ob diese Sachen tatsächlich passieren? Von all den Geheimnissen, Formeln, Charts, Grafiken und Modellen, die uns beim Investieren helfen, habe ich folgende Prinzipien besonders schätzen gelernt: Die Annahme, dass das, was passieren sollte, auch passieren wird ... niedrig zu kaufen und hoch zu verkaufen ... und sich nicht zuviel Sorgen darüber zu machen.
Aber was sollte passieren? Nun, das festzustellen, ist auch nicht immer einfach ...
"Der große Richter der Welt", schrieb Adam Smith in seiner 'Theory of Moral Sentiments', "hat es aus weisen Gründen für richtig befunden, zwischen das schwache Auge der menschlichen Vernunft und den Thron der ewigen Gerechtigkeit eine gewisse Obskurität und Dunkelheit zu stellen ... (die) diese Gerechtigkeit schwach erscheinen lässt, im Vergleich zur wirklichen Größe und Wichtigkeit eines so gewaltigen Objektes."
Heute schaue ich mir mit meinem schwachen Auge den Dollar an. Was sollte er tun, frage ich mich?
Um es für meine Leser leicht zu machen, gebe ich mein Urteil vor meiner Begründung ab: Er sollte fallen.
Die breite Masse der Anleger tendiert dazu, Dinge zu glauben, die nicht stimmen. In den besten Tagen der Spekulationsblase glaubten sie, dass sie mit Aktien langfristig 18 % pro Jahr verdienen könnten – obwohl sie keine Ahnung hatten, was die einzelnen Gesellschaften eigentlich herstellten und wie sie arbeiteten. Sie glaubten, dass sie den Vorständen dieser Gesellschaften vertrauen könnten, und dass diese sie, die Aktionäre, reich machen würden – und nicht in erster Linie sich selbst. Diese Anleger glaubten, dass Aktien immer steigen würden, und dass Alan Greenspan einen großen Bärenmarkt einfach nicht zulassen würde.
Sie glaubten, dass das amerikanische System des Kapitalismus, mit offenen Märkten und Sicherheitsnetzen, das beste System sei ... und dass es eine Art von Perfektionismus repräsentieren würde, das weltweit für eine lange Zeit Spitze bleiben würde.
Sie glaubten auch, dass der Dollar reales Geld sei und dass er nur durch eine minimale Inflation zerstört würde. Und ein bisschen Inflation sei gut für die Wirtschaft – das war ihnen gesagt worden.
Von all diesen Lügen, die die breiten Anlegermassen glaubten, war die mit dem Dollar besonders provokativ. Jedes Gut, das einen gewissen Wert behalten will – das gilt besonders für Währungen –, muss nur begrenzt verfügbar sein. Wenn es zum Beispiel Millionen Bilder von Manet oder Rembrandt gäbe, dann wäre jedes einzelne erheblich weniger wert als heute. Im 19. Jahrhundert waren die Währungen durch Goldreserven gedeckt. Das hatte den Effekt, dass die Menge des umlaufenden Geldes begrenzt war – denn auch die Goldreserven waren begrenzt.
Nachdem sich die Leute an Papiergeld, das durch Gold gedeckt war, gewöhnt hatten, bemerkten sie kaum, dass das Papiergeld auf einmal nicht mehr gedeckt wurde. Die Regierungen bzw. Zentralbanken druckten und verteilten auf einmal neue, "gemanagte" Währungen. Die Zentralbanken würden schon darauf achten, dass nicht zuviel gedruckt würde, dachten sich die Leute.
Und nebenbei – es gab Zeiten, in denen das Drucken von zuviel Geld willkommen war. Die 1990er waren so eine Zeit. Alan Greenspan schuf mehr neues Geld, als alle Fed-Vorsitzenden vor ihm ZUSAMMEN. Aber wer beschwerte sich? Das neue Geld schlug sich in den Aktienkursen wieder ... und später im Immobilienmarkt. Die Leute fühlten sich reicher, nicht ärmer – genau wie die Japaner 10 Jahre vorher.
Und dennoch war es unmöglich, dass die Zentralbank Billionen neue Dollar drucken konnte – aus dem Nichts –, ohne dass das den Wert der Währung beeinflusst hätte. "Der Dollar sollte fallen", begannen die Volkswirte zu sagen, als die 1990er vorbei waren.
Schließlich fiel der Dollar auch, letztes Jahr, gegenüber anderen Währungen (besonders dem Euro) ... und gegenüber dem Gold, gegen das er um 19 % gefallen ist.
Was sollte der Dollar jetzt tun, frage ich nochmals? Hier füge ich zwei komplizierte Details hinzu.
Zunächst einmal wurden nicht nur die amerikanischen Investoren durch die vorige Dollar-Stärke getäuscht, sondern auch – und besonders – die Ausländer. Sie konnten nicht genug Dollar bekommen. "Man kann die Schiffe, die in amerikanischen Häfen anlegen, zählen", schlägt James Grant vor. "Die Schiffe, die ankommen, sind voll mit Importwaren; die, die ablegen, haben weniger Exportgüter geladen."
Wie könnte ein Land seine Bilanzen ausgeglichen halten, wenn es mehr von den Ausländern kauft, als es ihnen verkauft? Es musste die Ausländer dazu bewegen, Geld in Form von Investments ins Land zu holen. Die Ausländer tauschten die Dollar, die sie für ihre Importe bekamen, nicht in ihre Heimatwährungen; stattdessen nutzten sie diese Dollar, um Dollar-Anlagen zu kaufen – amerikanische Aktien, US-Immobilien, US-Unternehmen. Ende 2002 hatte der Betrag, den Ausländer in den USA investiert hatten, den Himalaya-hohen Betrag von 9 Billionen Dollar erreicht. Das entsprach ungefähr dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der USA.
Jetzt, wo der Dollar – und auch die US-Aktien – fallen, sollten die Ausländer eigentlich ihre Dollar-Anlagen etwas verringern wollen. Und wenn sie nur einen kleinen Teil dieser Anlagen versilbern wollen, dann könnte das einen verheerenden Effekt für den Dollar haben. Der Dollar fiel gegenüber den ausländischen Währungen im letzten Jahr um nur 12 %. In den 1980ern ist er insgesamt mit erheblich weniger Provokation um fast 50 % gefallen.
Das zweite Detail, das ich hinzufügen möchte, ist die Tatsache, dass zu den 9 Billionen Dollar ausländischer Anlagen in den USA täglich ein Leistungsbilanzdefizit von fast 1,5 Milliarden Dollar hinzukommt. Wie erfolgreich die USA als militärische Supermacht auch sind – dieser Erfolg verblasst gegenüber dem Erfolg als monetäre Supermacht.
Denn jeden Tag schließen die Amerikaner sehr vorteilhafte Geschäfte mit den Ausländern ab. Diese liefern wertvolle Güter und Dienstleistungen und erhalten als Gegenleistung nur kleine Papierstücke mit grüner Tinte drauf, die keinen intrinsischen Wert haben. Die "Hüter" dieser Währung haben sogar gesagt, dass sie ein fast unbegrenztes Angebot schaffen können, wenn es sein muss, damit diese Währung nicht im Verhältnis zu den Konsumgütern an Wert gewinnen sollte (wie es bei einer Deflation der Fall wäre)!
Wo ist der Haken? Der Haken dieses auf den ersten Blick für die USA sehr vorteilhaften Geschäftes ist, dass dadurch die Profitabilität der US-Unternehmen untergraben wird. Angespornt von der Fed geben die Konsumenten ihr Geld in vollem Tempo aus. Sie geben sogar Geld aus, das sie gar nicht besitzen. Aber die Gewinne der amerikanischen Firmen fallen weiter. Als Anteil am amerikanischen Bruttoinlandsprodukt fallen die Unternehmensgewinne sogar seit den frühen 1960ern. Es ist kein Zufall, dass im gleichen Zeitraum der Anteil der Konsumausgaben und des Leistungsbilanzdefizits am Bruttoinlandsprodukt gestiegen sind.
Was passiert, ist offensichtlich. Die Amerikaner geben Geld aus, aber das Geld landet in der Tasche von ausländischen Unternehmern. Die US-Unternehmen haben Ausgaben für ihre Beschäftigten ... aber das Geld kommt nicht komplett zu ihnen zurück. Stattdessen geben diese Arbeiter ihr Geld für Waren aus Übersee aus.
Die Gewinnmargen der US-Unternehmen gehen zurück. Sie sind bereits auf dem tiefsten Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg. Und das ist kein Trend, der immer so weitergehen kann. Und Herbert Stein hat gesagt, wenn es so nicht weitergehen kann, dann wird es auch nicht so weitergehen. Der Dollar sollte dieses Jahr weiter fallen ... vielleicht sehr viel weiter.