Vermögensfraß: Der Witz mit Markowitz!
Markus Miller in Kapital & Steuern Global zum Thema Kapitalschutz
vom 2. Oktober 2008, 16:00 Uhr
In meinen letzten Veröffentlichungen habe ich Ihnen bereits drei Risikofaktoren vorgestellt:
Risikofaktor 1: Epochale globale Veränderungen!
Risikofaktor 2: Starres Festhalten an alten Rezepten
Risikofaktor 3: Gedankenlosigkeit gegenüber dem eigenen Besitz
Risikofaktor 4: Kapitulation vor dem totalitären Steuerstaat
Heute stelle ich Ihnen nun den 5. Risikofaktor vor mit meinem persönlichen Fazit.
Hinter vielen Gefahren steht noch ein viel größeres, übergreifendes Risiko, das heutzutage leider auch im Privaten Bereich völlig unterschätzt wird. Das absolut unzureichende Risiko-Management im Rahmen der Vermögensverwaltung. Denn Banken, Vermögensverwalter und Finanzberater, genauso wie viele Vermögende selbst, betreiben - wenn überhaupt - ein Risikomanagement auf dem Niveau von 1980, indem sie sich auf die klassische Portfoliotheorie beschränken.
Der Witz mit Markowitz reicht nicht mehr
Die Portfoliotheorie war unfraglich ein großer Schritt nach vorne. Sie begründete ein mathematisches Modell zur Strukturierung von liquidem Vermögen. Die Grundaussagen sind inzwischen über 50 Jahre alt. Die Formel hinter der Theorie ist aufwendig und kompliziert und eigentlich nicht wirklich praxistauglich. Bei 100 Wertpapieren sind beispielsweise mehr als 5.000 Daten zu erheben und 100 Gleichungen zu lösen.
Der mit dem Nobel-Preis ausgezeichneten Portfoliotheorie liegen Gedanken zum Risikomanagement zugrunde, denen man heute nicht mehr so naiv folgen kann. Gemäß dem uralten Motto, dass man nicht seinen gesamten Besitz auf ein Schiff laden sollte, verteilt man das Vermögen auf mehrere Anlageklassen bzw. -instrumente und innerhalb der Klassen wiederum auf verschiedene Werte - fertig ist die Risikoabschwächung auf der einen Seite und das wahrscheinliche Erreichen einer bestimmten Durchschnittsrendite auf der anderen Seite.
Glauben Sie, dass die Welt heute noch so einfach funktioniert?
Tun Sie's lieber nicht. Gerade die hellsten Köpfe der Branche haben längst Zweifel. Sie nehmen an, dass der Sicherheitseffekt der traditionellen Diversifikation angesichts der heutigen globalen Risiken verpufft.
So meinte erst unlängst einer der erfolgreichsten und renommiertesten deutschen Vermögensverwalter, Jens Erhardt:
"Es könnte sein, dass durch einen externen Schock alle Märkte gleichzeitig nach unten abdrehen. Es ist nicht einmal sicher, dass bei fallenden Aktienmärkten wenigstens die Anleihekurse steigen würden." (Handelsblatt, 15.2.2007)
Und der Schock muss die Märkte nicht unbedingt "extern" treffen. Auch marktinterne Nervenanfälle sind denkbar. Aus zwei Gründen:
1. Die globalen Finanzmärkte sind heute fast nur noch ein einziger Markt mit "Regionalbörsen", die gewissermaßen verschiedene Segmente repräsentieren. Die großen Wirtschaftsräume USA, Asien und Europa bilden ein so enges Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten wie nie zuvor. Wir sind noch nicht bei der Welt-Binnenwirtschaft angekommen. Doch der Trend dorthin zeichnet sich klar ab. Bis vor 4 Jahren war die Börse in Shanghai eine Erscheinung von mikroskopischer Bedeutung für die internationalen Märkte - jetzt hat sie bereits großes Gewicht, zumindest psychologisch. Mit der Verflechtung wächst das Risiko. Gerät ein bedeutendes Land "unter Wasser" (eventuell sogar buchstäblich durch eine große Naturkatastrophe), breitet sich die Druckwelle sofort rund um die Erde aus und erfasst sämtliche Anlageklassen. Alle Boote werden nass oder gehen unter - die klassische Diversifikation zieht dann nicht mehr. Die Folge ist, dass Sie ganz neue "Versicherungsarten" für Ihr Kapital in Ihre Vermögensstruktur einbauen müssen - oder Ihr Vermögen fährt unter Umständen riesige Verluste ein.
2. In Zinssenkungsphasen bilden sich immer wieder sogenannte "Liquiditätsüberhänge". Sprich: Wenn das Geld billiger zu haben ist, greifen große Marktkräfte zu und pumpen sich mit Krediten voll. Die Geldmenge wächst massiv an und das Geld fließt in Akquisitionen, Spekulationen. Eben jede Art von Finanzanlagen. Dieser Marktfaktor hat Ausmaße angenommen, die vielen Beobachtern große Sorgen machen. Die amerikanische Zentralbank hat bereits aufgehört, das Geldmengenwachstum zu veröffentlichen - durch plumpes Verschweigen kann man natürlich die Märkte vor einem Schock bewahren, allerdings höchstens vorübergehend. Gegenwärtig spielen in sämtlichen Anlageklassen - Aktien, Immobilien, Rohstoffe, Anleihen - finanzierte ("gehebelte") Investments eine immer größere Rolle. Wie groß diese Rolle tatsächlich ist, ist allerdings unbekannt.
Kommt nach der Immobilienblase das platzen der Carry-Trades?
Beispielsweise könnten aus meiner Sicht wieder einmal die YEN-Carry-Trades zum Problem werden. Im Prinzip besteht ein Carry-Trade aus der Kombination eines kurzfristigen Kredits mit einer langfristigen Anlage. Ein Beispiel: Ein japanischer Investor besorgt sich bei einer japanischen Bank ein kurzlaufendes Yen-Darlehen (sogenannter Übernacht-Kredit) zu einem sehr günstigen Zins von 1% pro Jahr. Das Geld wechselt er dann in US-Dollar und legt es in langlaufenden US-Staatsanleihen zu 5% pro Jahr an. Der Übernacht-Kredit wird dabei jeden Tag zu den aktuellen Konditionen erneuert.
Bei einem relativ stabilen Zinsniveau ist damit eine Rendite von 4% im Jahr drin, und zwar auf Pump! Eigentlich ein geniales Geschäft. Wäre da nicht der Wechselkurs. Verliert der US-Dollar gegenüber dem Yen an Wert, geht der Zinsvorteil verloren. Das zweite Problem sind steigende Zinsen in Japan, die die Rendite ebenfalls empfindlich schmälern können.
Für Sie besteht darin ein erhebliches Vermögensrisiko!
Sowohl steigende Zinsen in Japan als auch eine Aufwertung des Yen spricht für eine Auflösung der Carry-Trades. Passiert dies im großen Stil, wird dies erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben. Auswirkungen, die kaum abzuschätzen sind. Hat Sie Ihr Bankberater schon mal darauf angesprochen, wie Sie Ihr Depot dagegen schützen können?
Das Problem: Neue Wege mit alten Methoden
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, appelliere ich noch einmal: Sie können ein Vermögen heute nicht mehr allein mit den Methoden von gestern steuern. Wer sich mit einem üblichen Portfolio-Mix schon auf der sicheren Seite wähnt, ist im Irrtum. Er ist nicht auf der Höhe der heutigen Risiken - es ist unvermeidlich nur eine Frage der Zeit, bis die Defizite im Risiko-Management zu Tage treten. Die Folge: Vermögensverluste.
Ich taxiere die Wahrscheinlichkeit auf gute 30%, dass Mischanlagen ohne fortgeschrittenes Risiko-Management innerhalb der nächsten 5 Jahre mindestens eine böse Überraschung erleben.
Wie sicher sind konservative Anlagen?
Konservative Anleger laborieren mit entsprechenden "sicheren" Fondsprodukten häufig ohnehin schon mit einer nur sehr schmalen Performance. Schauen Sie sich beispielsweise viele Misch- oder Rentenfonds an.
Solche Fonds konservativ zu nennen, ist eine Schönrederei. Sie sind zwar wegen ihrer scheinbaren Risikolosigkeit beliebt. Im Grunde sind es aber Vermögensfraß-Produkte. Sie fördern den langsamen Abstieg eines Vermögens, und sei es nur durch die Inflation. Und das hat mit konservativ von lat. "conservare" für "bewahren" oder "erhalten" nun gar nichts mehr gemein.
Besonders kritisch muss man den Renditemangel unter Risikogesichtspunkten sehen. Denn die Gewinndecke ist so extrem dünn, dass man bei einem großen Markteinbruch sofort dick in den Verlust rutscht.
Hätten Sie vor dem 11.09.2001 mit einem derartigen Ereignis gerechnet?
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines Ereignis, das zu solch einer Krise führen könnte? Das ist schwer bezifferbar, aber laut dem amerikanischen Risikoforscher und Finanzprofessor Nassim Nicholas Taleb sind völlig unerwartete Ereignisse weit häufiger, als man gemeinhin meint. Tatsächlich stellen sie das eigentliche Hauptrisiko für jedes Vermögen dar.
Hier ein paar Ereignisse, mit denen man rechnen kann oder sogar muss:
+ Die amerikanische Wirtschaft schliddert in eine tiefe Depression. Auch China und Europa sind betroffen. Reihenweise brechen Aktienkurse zusammen, Anleihen fallen aus. Die Weltwirtschaft erlebt ihre tiefste Krise seit mehr als 80 Jahren.
+ Ein Mega-Vulkanausbruch in Nord-Mexiko wirft gigantische Staubwolken in den Himmel. Weite Teile der amerikanische Agrargebiete liefern keine Ernte mehr.
+ Der Ölhafen von Saudi-Arabien wird durch einen Terrorangriff zu 50% lahmgelegt. Der Ölpreis schießt hoch auf über 200 $.
+ Eine Pandemie bricht aus. Sie fordert weltweit Millionen Opfer, lähmt die Wirtschaft.
+ Hackern gelingt es, in die Systeme einer der größten Banken einzudringen. Sie zerstören sämtliche Daten inklusive der Backups. Der gesamtwirtschaftliche Schaden ist unvorstellbar.
Sie halten das eventuell für Übertreibungen? Nun, ganz ehrlich: Haben Sie vor dem 11. September geglaubt, dass solch ein verheerender Anschlag in nächster Zeit passieren würde? Haben Sie vor dem Mega-Börsen-Crash der Jahre 2000 und 2001 geglaubt, dass die Aktien in nächster Zeit dermaßen abstürzen würden?
Dies sind absolut mögliche Ereignisse - ich könnte Ihnen noch etliche weitere aufzählen, die denkbar sind. Insbesondere im Bereich der Naturkatastrophen, Terror, Krankheiten und politischen Desaster muss man aus meiner Sicht zukünftig auf Schlimmes gefasst sein.
Ihr
Markus Miller
...das Steuern ist wichtiger als die Steuern!
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