Verlassene Städte in Amerika
Von Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 29. Mai 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Von Süd- nach Nordamerika. Ich atmete tief durch und versuchte, die Situation zu erfassen. Ich starrte. Ich wunderte mich. Ich habe mehr als ein halbes Jahrhundert in Amerika gelebt, aber jetzt, bei einer Reise durch einen Zipfel Amerikas, erschien mir alles zugleich bekannt und seltsam fremd.
Nichts ist nichts, bis man es in etwas verwandelt. Selbst der Anblick und die Geräusche dieser Gegend sind ohne Theorie nichts weiter als Information. Ich habe eine Theorie: Die USA befinden sich seit 5 Jahren in einer Kreditblase. Ich sah die Folgen davon an einigen Orten: Hunderte und Tausende neuer Häuser in den Vororten von Annapolis, Baltimore, Pittsburgh und Reading.
Auf Kent Island gab es eine ganze Reihe neuer Wohnanlagen. Länder werden während einer Kreditexpansion bebaut, verändert und geprägt. Es ist vermutlich ein glücklicher Umstand, wenn es zufällig in eine Zeit fällt, in der die architektonischen Moden bescheiden sind. Denn das, was in dieser Zeit entsteht, wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch Bestand haben, wenn die Kreditexpansion vorbei ist und dann müssen zukünftige Generationen damit leben. Die Amerikaner hatten Glück gehabt, weil vor dem Zusammenbruch 1929 so viel gebaut worden war. Damals hatten die Architekten noch etwas Geschmack und Stil. Sie hatten auch Glück, dass die Städte aus der Zeit von vor 1929 nicht im Krieg zerstört wurden. Die Architektur der Nachkriegszeit hat mehr Schaden verursacht als die Bomben. Paris hat man verschont, aber Caen hatte weniger Glück. Von den Alliierten in die Luft gejagt, wurde die Stadt von Architekten wieder aufgebaut, die unter dem Einfluss Le Corbusiers standen. Es ist eine Katastrophe.
In Amerika waren die Bauten, die nach dem Krieg entstanden, billig und scheußlich. Später, in den Siebzigern und Achtzigern, waren sie nicht mehr ganz so billig, aber genauso abstoßend. Das wird jetzt durch die neuen Häuser des 21sten Jahrhunderts ersetzt, die, wenn es sich dabei auch nicht um große Architektur handeln mag, zumindest einen Fortschritt gegenüber dem vorherigen darstellen.
Aber in den Hügeln von West Virginia und dem westlichen Pennsylvania sieht es so aus, als habe es nie eine Kreditblase gegeben. Die Häuser sind noch genauso scheußlich wie in den vergangenen 50 Jahren. Normalerweise lassen die Leute ein ansehnliches Haus aus den Zwanzigern verfallen und setzen einen Wohnwagen an seine Stelle. Dort leben sie bequem und degradiert, Charme und Würde fehlen ihren Behausungen genauso wie dem Wartezimmer eines Zahnarztes.
Ich habe tief eingeatmet… und versucht das alles zu verstehen. Amerika war noch nie eine Gegend mit viel Kultur, aber die Standards des alltäglichen Lebens scheinen noch tiefer gesunken zu sein, als ich es in Erinnerung hatte. In großen Teilen des Landes, scheint es den Leuten egal zu sein, wie sie aussehen. Motels und Restaurants sind schäbig. Das Essen hat oft keinen Geschmack. Das sind keine starken, ehrgeizigen und kritischen Leute, sie sind nett, teigig und zufrieden.
Brei ist das Zeug, aus dem diese Gegend gemacht ist. Die Leute sind weich und breiig. Sie tragen Shorts, T-Shirts und Laufschuhe – Kleidung die nachgibt, anstatt zu widerstehen. Die Stärke ist aus ihren Kleidern verschwunden, aus ihren Finanzen, aus ihren Unterhaltungen. Sie begrüßen einander mit Formeln, die so weich und süß sind wie mit Buttercreme gefüllte Krapfen.
Auch in ihren Köpfen befindet sich nur Brei. Ich verließ gerade die Schnellstraße in Pennsylvania als ich im Radio in einer Talksendung über die Einwanderer aus Mexiko ein Zitat Milton Friedmans hörte.
Er hatte die ganze Sache schon vor Jahren klar gestellt, erinnerte sich der Moderator. „Man kann nicht gleichzeitig offene Grenzen und einen Wohlfahrtstaat haben. Wenn man das versucht, wird man von Einwanderern überrannt und der Wohlfahrtsstaat wird Pleite gehen.“
Aber diese Einsicht haben die Breigehirne nicht begriffen. Jeder, der wirklich an die Demokratie glaubt, sollte diese Sendungen im Radio hören. Die Sorgen der Anrufer werden ihn schon nach wenigen Minuten von seinem Glauben heilen. Das sind alles Leute, die man von Telefonen, ganz zu Schweigen von den Wahlurnen, so gut als möglich fernhalten sollte.
Die Anrufer ließen sich darüber aus, dass man „ihre Stellen schützen“ oder „ihren Lebensstandard schützen“ solle. Ich sah mich um. Bei einigen Städten, durch die ich kam, fragte ich mich ernstlich, warum sie sich ausgerechnet das wünschen.
Der Druck wächst, die Grenzen zu versiegeln. Die Chinesen verkaufen die Güter zu günstig. Die Mexikaner arbeiten zu günstig. Abgesehen davon sprechen Mexikaner kein Englisch. In West Virginia kam ich durch einige Städte, die waren quasi verlassen – z.B. Thomas in West Virginia.
Als die Minen den Betrieb einstellten, blieb nicht mehr viel. Die Läden stehen leer. Die Fenster sind mit Brettern verschlagen. Alte Häuser kann man schon für 20.000 Dollar kaufen. Dort könnte man ein paar Leute aus Mexiko gut gebrauchen.
„Man könnte hier ganz gut leben“, sagte meine Frau Elizabeth, „Immobilien sind günstig und manche davon sind sogar richtig hübsch.“
Ich blickte über ein Tal mit grünen Weiden, einem sich windenden Fluss, mit altem Baumbestand und einem weißen Holzhaus. Ja, hier könnte man ganz gut leben – solange man kein Interesse an Restaurants, Museen, Läden und an anderen Unterhaltungen und Feinheiten hat, die das zivilisierte Leben bietet.
Aber dann wurden wir überrascht. Wir gingen in das einzige Restaurant, das in Thomas noch geöffnet ist. Es war fast leer, aber in der Ecke probte eine Bluegrass-Band für eine Veranstaltung am Samstagabend. Es dauerte nur eine Minute und meine Zehen bewegten sich im Takt. Die Geiger spielten weiter und die Klänge der Musik aus den Appalachen füllten den Raum.
Ich war verzaubert.
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