Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Nein, was waren „wir“ gerührt, als „wir“ nach einem tollen Spiel gegen Portugal den dritten WM-Platz erobern konnten. Eine Freude, als wären „wir“ Weltmeister geworden. Neben dem Umstand, dass dieses „Wir-Gefühl“ sich nur darauf beschränkt, sich selbst mit den Leistungen anderer zu schmücken und ab heute bei den meisten Bundesbürgern wieder den klassischen Charakterzügen Egozentrik, Verbissenheit und Neid weichen wird, ist mir eines amüsant aufgestoßen:
Das Land war voll des Lobes für unseren Bundestrainer. Was hat der „Klinsi“ doch in der kurzen Zeit seit dem blamablen Vorrunden-Aus bei der EM 2004 aus unserer Mannschaft gemacht. Wir können stolz auf ihn und „unsere“ Jungs sein ... Klinsmann soll, nein er muss bleiben, so der einhellige Tenor am Samstag Abend. Ich musste mal wieder den Abend verderben als ich einwarf, ob das nicht „der“ Klinsmann sei, der vor wenigen Monaten nach einem fatalen 1:4 gegen Italien mit wirren Neuerungen verärgerte, als kalifornischer Pendel-Trainer geschmäht wurde und aus der Nationalmannschaft (damals war es noch nicht „unsere“) eine Luschentruppe geformt hatte, die auch gegen San Marino hätte verlieren können?
Der Weg ist das Ziel und andere Plattitüden
Diese Antwort kam nicht, aber sie hätte kommen können: „Der Weg ist das Ziel, und der Weg ist meist steinig“. Man kann jeden Einwand mit platten Plattitüden kontern. Für mich als Börsianer war das ein wunderbares Beispiel für die menschliche Fähigkeit, unmittelbar zurückliegende Ereignisse einfach aus dem Gedächtnis zu streichen, wenn sie einem nicht mehr in den Kram passen. Was schert mich meine fundierte Meinung von gestern? Notenbanker können das übrigens auch, wie Sie aus den vergangenen Wochen wissen.
Das ausblenden oder „vergessen“ von Fakten führt an den Börsen regelmäßig dazu, dass die Kurse stur in eine Richtung weiterlaufen, während das „Drumherum“, sprich die Rahmenbedingungen längst eine Kehrtwende gemacht haben. Das gilt für eine Baisse ebenso wie für eine Hausse, bei letzterer ist dieses Phänomen aber meist markanter ausgeprägt.
Und so klingt vielen noch die beruhigende Formulierung der Fed in den Ohren, dass es „nötig sein könnte, die Zinsen noch weiter zu erhöhen“, während andere Nebensätze mit warnendem Unterton bereits im Dunkel des Vergessens versunken sind. Aber für Sie als Investor ist es entscheidend, sich zu erinnern und die Fakten so zu sehen, wie sie sind, nicht, wie sie allgemein betrachtet werden. Denn wer zu schnell vergisst, macht immer und immer wieder die selben Fehler. Was Sie zum Beispiel keinesfalls im Gedächtnis behalten sollten ist eine Einschätzung seitens der Hessischen Landesbank nach den US-Arbeitsmarktdaten am Freitag, bezogen auf den erneut empfindlich hohen Anstieg der Löhne (Details zu den Daten im 2. Abschnitt): „Der Inflationsdruck nimmt zu, aber weniger im Sinne eine Inflationsbeschleunigung“. Ah, dann ist ja alles in Butter, haha. Aber einen hab’ ich noch:
Vom dit war folgendes zu hören: „Wir erwarten ein baldiges Ende der Zinserhöhungen und dass die Fed die Inflation in den Griff bekommt ... in den aktuellen Daten gibt es nichts, was dagegen spricht“. Kann man so sehen, man muss nur die Bereiche der Faktenlage ausblenden, die einem nicht in den Kram passt. Zum Beispiel den Anstieg der durchschnittlichen Stundenlöhne im Juni um 0,5% und eine daraus resultierende Jahresrate von 3,9%.
Eine Ausgangslage wie zum 12. Mai
Das Problem ist nur: Wenn einem nicht, wie es bei Jürgen Klinsmann der Fall ist, der Erfolg letzten Endes doch noch recht gibt, holt einen die Realität schnell ein. Und ich persönlich rechne nicht damit dass wir Investoren am Jahresende sagen können: ‚Es sah eine Zeitlang übel aus, aber die Fed hat doch alles in den Griff bekommen. Dieser Bernanke hat Tolles geleistet und muss unbedingt bleiben.’ Es bietet sich daher dringend an, die aktuell brisanten Rahmenbedingungen für die Aktien- und Anleihemärkte und den Mix, der zum Korrekturbeginn im Mai führte, nicht zu vergessen, um nicht in den kommenden Wochen und Monaten von den Ereignissen überrollt zu werden!
Ich persönlich höre dieser Tage zu viele Bullen einen rosigen Sommer prophezeien, mir wird auch ein wenig zu viel von einem Dax über 6.000 gesprochen. Denn wenn ich z.B. die Ausgangslage der Korrektur per 12. Mai betrachte, statt die damaligen Rahmenbedingungen einfach zu vergessen, sehe ich nichts, das heute entscheidend besser wäre: Das Öl steht heute genauso hoch wie damals, aber diesmal mit Chancen auf einen Ausbruch nach oben. Die Metallpreise ziehen wieder an, der Konsum und die Immobilienblase sind in den USA ebenso wenig im Griff wie die ausufernde Neuverschuldung und der Euro macht sich wieder auf den Weg Richtung 1,30 zum US-Dollar. Der Dax auf neuen Hochs in diesem Sommer? Meines Erachtens können Sie das „vergessen“.
Der Anblick der wichtigsten US-Indizes passt aktuell nämlich ebenfalls nicht zu einem bullishen Szenario. Dabei vertrete ich die Ansicht, dass ein Markt nur so stark ist wie sein schwächstes Glied, und das ist definitiv der Technologiesektor, vertreten durch den Nasdaq 100-Index:
Nasdaq 100 immer noch am Boden
Dieser konnte sich nämlich immer noch nicht von den bisherigen Korrekturtiefs lösen und befindet sich, nachdem es zunächst nach einem Doppeltief aussah, immer noch in einer konsolidierenden Flaggenformation des Abwärtstrends – und auch noch an deren unterem Ende. Wenn diese Flagge nach unten verlassen wird und mit Schlusskursen unter 1.515 neue Tiefs erreicht werden, werden die anderen Marktsegmente mit in die Tiefe gerissen. Entfernung zu dieser Linie: Noch knapp 1,5%!
Der marktbreite Standard & Poors 500 sieht zwar noch etwas bullisher aus, aber Vorsicht ist auch hier geboten. Per Freitag haben die Notierungen auf dem 200 Tage-Durchschnitt aufgesetzt. Sollte dieses Level und darüber hinaus der nun etablierte, ganz kurzfristige Aufwärtstrend im Bereich 1.250/1.255 im Wochenverlauf unterboten werden, erwarte ich auch hier einen zügigen Abstieg, der zunächst einmal an die bisherigen Tiefs um 1.220 führen wird. Dort entscheidet sich dann auch das Schicksal des mittelfristigen Aufwärtstrends, der den Index seit Frühjahr 2005 begleitet.
Am besten hat sich der Dow Jones Industrials Average gehalten, hier ist von Schwäche noch wenig zu spüren. Nur muss eines klar sein: Wenn sich der Anstieg des Rohöls und der übrigen Industrierohstoffe fortsetzt, wenn sich die Erkenntnis ungebrochenen Inflationsdrucks in den USA durchsetzt, wenn zugleich der Technologiesektor seinen Abstieg fortsetzt und damit klare Verkaufssignale des Nasdaq 100 generiert werden, dann wird auch der Dow Jones nach unten durchgereicht!
Die Entscheidung hierüber wird binnen der kommenden zwei Wochen fallen. Sollten die Rahmenbedingungen sich kurzzeitig erst einmal wieder aufhellen, dürften die Aktienmärkte kurzfristig noch mal davonkommen ... Sie wissen ja, man ist schnell bereit, Unerfreuliches beiseite zu schieben und zu vergessen. Aber ob die Akteure die Risiken sehen wollen oder ignorieren - sie sind da, und sie werden immer dominanter. Vergessen Sie daher nicht, Ihr Depot abzusichern, wenn Sie in Urlaub fahren, denn uns könnte ein „bäriger“ Sommer bevorstehen.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
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