Verflixt knifflig
Ronald Gehrt in DAX Daily
vom 27. April 2007 08:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!
Da Herr Retz heute im Verlagshaus in Bonn weilt, habe ich mal wieder die Ehre, ihn zu vertreten. Das ist grundsätzlich ein Anlass zur Freude ... für mich zumindest. Dass das ausgerechnet heute passiert, weniger. Denn nichts ist unbefriedigender als über den Dax zu schreiben und die letzten Endes für Sie ja einzig entscheidende Frage, nämlich die nach der Richtung für die unmittelbare Zukunft, mit einem „kommt darauf an“ beantworten zu müssen. Und doch:
Es hilft alles nichts, sich jetzt auf die Kurstendenz der kommenden Wochen, ja sogar nur der kommenden Tage festlegen zu wollen, wäre nurmehr geraten. Davon hat niemand etwas. Ich weiß, dass manch einer von Ihnen anmahnen wird, dass es offenbar außer mir hinreichend Leute in den Medien gibt, die das anders sehen und Ihnen wissenden Blickes mitteilen, wo wir Ende der Woche und in einem Monat stehen werden. Doch wenn Sie sich die Mühe machen, solche Aussagen mal zu notieren und später nachzuprüfen, würden sie erschaudern.
Es gibt Situationen an den Börsen, in denen binnen weniger Stunden über Zerfall oder Intensivierung der bisherigen Tendenzen entschieden wird. Es sind diese seltenen Augenblicke, in denen plötzlich alles zu ruhen scheint, wie im Auge eines Taifuns. Jeder wartet ab, was die anderen tun. Einfach, weil man, wenn man um die Bedeutung solcher Momente weiß, sich darüber im klaren ist, wie leicht man sonst auf dem falschen Fuß erwischt werden kann. Und weil alle warten, kommen die Märkte kurze Zeit zu einem scheinbaren Stillstand. So lange, bis ein externer Impuls die Entscheidung vorgibt oder eine der großen Adressen antritt, mit der monetären Brechstange eine Entscheidung zu erzwingen. Was aber nicht immer hinhauen muss, das heißt, die Gefahr von Bullen- und Bärenfallen ist hoch.
Solche potenziellen Scheidepunkte sind besonders dann bedeutend, wenn sie gleich von mehreren Märkten zugleich erreicht werden. Heute oder spätestens am Montag wird für den Dax, aber auch für Euro/US-Dollar und Rohöl die Entscheidung fallen, ob die bisherige Aufwärtsbewegung sich nun – und dann noch einmal intensiviert – fortsetzt oder die Kurse in eine Korrektur einschwenken, die möglicherweise beeindruckende Ausmaße annehmen kann.
Dabei sind Euro/Dollar und das Öl, gestern beide noch abwartend, natürlich wichtige Vorgaben. Markiert der Euro neue Hochs und/oder bricht der Ölpreis in Richtung neuer Jahreshochs aus, erhöht sich die Belastung für die Aktienmärkte. Denn die sehen durchaus nicht so ungetrübt positiv aus, wie man angesichts neuer Höchststände im Dow Jones und Mehrjahreshochs bei Dax und S&P 500 meinen könnte.
Das kann sich, wie gesagt, binnen weniger Tage, ja Stunden ändern. Entweder, die Rallye schaltet in den höchsten Gang und wird zur Euphorie-Hausse, in der nach oben alles möglich ist ... oder eine Unmenge an Akteuren wird auf dem falschen, bullishen Fuß erwischt und erlebt das, was – auf einmal – doch Mumpitz sein soll: Sell in may and go away.
Wohlgemerkt: Dass das mit dem „bösen Mai“ statistisch nicht hinreichend oft passiert, um im Vorfeld danach zu handeln, haben Axel Retz und ich immer wieder wiederholt. Aber es ist bezeichnend, dass die gestiegenen Kurse der letzten Wochen dazu geführt haben dass diese doch in der allgemeinen Meinung so zuverlässige Regel auf einmal nicht mehr gelten soll. Einfach, weil es jetzt nicht ins Konzept passt. Das dachte man übrigens letztes Jahr Ende April ebenso.
Und damit zum Dax-Chart und dem Grund, weshalb wir aktuell in einer so verflixt kniffligen Position stecken: