Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.
Bill Bonner in Investors Daily
vom
Der amerikanische Tourist ist außerdem überzeugt, dass die ganze Welt sich danach verzehrt, genauso zu sein wie er. Und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man damit Erfolg haben wird. Diese Überzeugung wird so tief gefühlt, dass man sich dessen noch nicht einmal mehr bewusst ist. Abgesehen davon sieht man immer mehr Beweise dafür, je öfter man ins Ausland reist. Man verlässt den Flughafen in London und steht einem McDonalds gegenüber. Man liest die Anzeigen in einer Zeitung in Paris und erfährt, dass die Wohnung eine Küche im "amerikanischen Stil" hat. Man nimmt in einem Restaurant in Buenos Aires eine Speisekarte zur Hand und stellt fest, dass man ein amerikanisches Frühstück bestellen kann. Man reist in den Fernen Osten und findet die bekannten Marken, wohin man auch blickt (dem Touristen fällt dabei vielleicht gar nicht auf, dass sie hier hergestellt werden ... und nicht in Amerika.)
Er beurteilt die Qualität von allem nur danach, wie amerikanisch es ist. Ist das Toilettenpapier weich ... genauso wie zuhause? Nimmt man in den Läden Kreditkarten, so wie im Flagstaff? Sind die Straßen so gut asphaltiert wie in Michigan?
Wenn nicht, dann werden sie es bald sein, sagt er zu sich, denn er ist überzeugt, dass sich die gesamte Welt in seine Richtung bewegt. Zumindest hat er das bei seiner Reise nach Argentinien geglaubt. Das Land ist groß, schön und billig. Sicherlich werden Amerikaner hier leben wollen. Die Atlantikküste in Argentinien ist genauso wie die in den Carolinas ... aber fast menschenleer. Der ferne Nordosten erinnert an Utah oder Montana ... aber für ein Drittel des Preises. Und unten in San Martin, ist es dort nicht genauso wie in Aspen ... 1965?
Aber wird den Amerikanern Argentinien nicht zu ausländisch sein? Absolut nicht. Da unten in den Pampas werden sie genauso leben wie wir in den Great Plains. Bald wird man in Patagonien so bequem leben wie in Pennsylvania.
Auf der Spitze des imperialen Zyklus scheinen sich die Imperialisten immer mehr selbst zu täuschen. Wenn sie die Welt ansehen, dann sehen sie ein Glas, das weder halb voll noch halb leer ist, sondern eines, das überläuft. Die Römer verbreiteten sich in ihrem gesamten Imperium und bauten ihre Villen in Frankreich, in England und an den Ufern des schwarzen Meeres. Das Imperium der Mauren erreichte seinen Höhepunkt im achten Jahrhundert. Sie machten damals auch Pläne, Moscheen in Poitiers zu bauen, unmittelbar, bevor man sie aus dem Land jagte. "Ich hatte mal eine Farm in Afrika", erzählen sie den Leuten noch heute.
Das Problem damit, an der Spitze der Welt zu stehen, ist, dass die Welt sich dreht, und dass es keine andere Richtung gibt, als abwärts. Die nationalen Ökonomien und Märkte bewegen sich genauso wie der Planet in Zyklen. Es gibt große und kleine Zyklen. Dem Winter folgt der Sommer, dem Tag die Nacht. Auch der nationale Stolz korrigiert sich irgendwann selbst.
Argentinien hatte zuletzt eine schwarze Nacht der Krise ... eine von vielen in einer langen Schlechtwetterphase. Die Dreißiger brachten den Peronismus – eine populäre Art des Sozialismus – ins Land. Die Politiker des Landes schossen dem Land in den Fuß, und dann ins Bein. In den Achtzigern hatten sie das Gewehr schon an den Schläfen – die Inflation lag bei 1.000 % im Jahr und man führte Krieg gegen England. Ein Problem führte zum nächsten und in den Neunzigern, in der Absicht, die Inflation anzuhalten, wurde die argentinische Währung an den Dollar gekoppelt, allerdings mit einem zu hohen Wechselkurs. Die Wirtschaft brach wieder zusammen, ein Großteil der Mittelschicht war ruiniert.
Aber im Jahr 2002 leuchtete die Sonne hinter dem Horizont wieder hervor und es begann etwas, was vielleicht nicht nur ein neuer Tag ist, sondern eine neue Saison sein wird. Seit dem zweiten Quartal 2002 hat das Land 12 aufeinander folgende Quartale des Wachstums erlebt, das Bruttoinlandsprodukt steigt doppelt so schnell wie das amerikanische während der "Erholung" dort. Ich habe dieses Wort in Anführungszeichen gesetzt, weil ich damit ausdrücken kann, dass ich meine, dass damit etwas nicht stimmt. Amerikas aufkommender Reichtum kam ohne Schmerzen oder Opfer. Die Amerikaner haben nie aufgehört, Geld zu leihen und es auszugeben, auch nicht während der Rezession 2001 und 2002. Sie haben einfach nur noch mehr geliehen und ausgegeben, um da wieder raus zu kommen. Seht ihr, sagten sie der Welt, unsere Wirtschaft ist einfach nicht zu schlagen. Weil, verdammt, wir sind Amerikaner. Aber die Erholung war nur eine Scheinerholung. Es hat nie eine wirkliche Korrektur gegeben, von der man sich hätte erholen können. Als also die Zeit für einen Aufschwung kam, blieb den Verbrauchern nichts anderes übrig, als noch mehr Geld zu leihen und sich noch weiter zu verschulden. Sie haben nie aufgehört, Geld auszugeben, so haben sie auch kein Geld gespart.
Im Süden des Rio Plata scheint die Erholung Wirklichkeit zu sein. Hier gibt es eine Wirtschaft, die wirklich gerade wieder auf die Beine kommt, nachdem sie lange auf dem Krankenbett gelegen hat. Die Erholung wird nicht durch Schulden angetrieben, sondern durch echte Ersparnisse ... und nicht durch Verbrauch, sondern durch Investitionen in Geschäfte. Diese sind in der letzten Zeit teilweise innerhalb eines Quartals um bis zu 11,2 Prozent gestiegen. Die Verbraucher könnten in Argentinien, selbst wenn sie wollten, die Erholung nicht antreiben. Wer wäre auch so dumm, ihnen Geld zu leihen? Kreditkartenschulden sind extrem begrenzt. Und wenn man hier unten Eigentum erwerben will, sagte man uns, dann muss man bar bezahlen. Nur wenn man ein gutes Ansehen hat, dann ist die Bank vielleicht bereit, einem die Hälfte zu finanzieren.
Da ist es nicht überraschend, dass Immobilien nicht besonders teuer sind. Wohnungen in Buenos Aires, in den beliebtesten Straßen, werden für ein Viertel von dem verkauft, was sie in Paris oder London einbringen würden. In den Außenbezirken sind die Preise noch günstiger. Wie viel, glauben Sie, müssen Sie für ein Weingut im Napa Valley bezahlen? Draußen in der Provinz Salta steht eines für einen Preis zum Verkauf, der einem kalifornischen Winzer die Tränen in die Augen treiben muss. 1.000 Acker reifer Weine kosten dort nur 1,5 Millionen. Und man zahlt am Tag nur 10 Dollar für einen guten Arbeiter und 2,50 für ein Abendessen mit Steak.
Im Norden des Rio Grande braucht der Hauskäufer nur einen Pulsschlag nachzuweisen. Doch hier bezahlt man 25 Dollar für ein Abendessen und mindestens 50 Dollar für einen Tag Arbeit. Für seine 1,5 Millionen kann er sich kaum einen Wohnwagen kaufen.
Sowohl in Argentinien als auch in Amerika gibt es ein Licht am Horizont. Aber in den Pampas ist es das Licht des Sonnenaufgangs. In Amerika, oh weh, breitet sich das Abendlicht über den Himmel aus, so wie die Leiche des Kaisers auf dem Totenbett.
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